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Deutschland, das Land der Jammerlappen: Wieso wir nicht mit Kritik umgehen können

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CRYING GERMANY
Reuters Photographer / Reuters
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Die Debattenkultur in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass wir weltweit die Nummer Eins im Jammern geworden sind.

Schlimmer noch, wir sind nicht mehr in der Lage, konstruktive Kritik aneinander zu üben - geschweige denn, sie anzunehmen. Das gilt für die politische Debatte, für die Gesellschaft allgemein und für unseren Arbeitsalltag.

Stattdessen geben wir uns der selbstkonstruierten Illusion hin, erfolgreiche Beziehungen basierten auf reiner Harmonie. Doch das ist gefährlich.

Der Chef von heute ist keine Autorität mehr

Immer weniger trauen wir uns, dagegenzuhalten, eine Meinung wirklich zu hinterfragen. Im Arbeitsalltag zum Beispiel scheuen sich Führungskräfte immer mehr, Coaches zu sein und Autorität zu repräsentieren.

Stattdessen setzen sie auf das Hirngespinst Wohlfühlkultur am Arbeitsplatz, viele sehen darin den Schlüssel zu mehr Kreativität.

Doch das ist falsch, denn Fortschritt hat immer mit Kritik zu tun. Man muss bereit sein zu sagen: "Pass mal auf, damit bin ich noch nicht zufrieden, das musst du anders machen!"

Wer keine Kritik ertragen kann, wird sich nicht weiterentwickeln.

Ein weiteres Phänomen macht mir Sorgen: Wir sind auf einmal alle Freunde. Mit Kollegen, mit flüchtigen Bekannten. Man gewinnt den Eindruck, jeder sei jetzt mit jedem befreundet und das sei großartig. Alles total easy, wir brauchen keine Grenzen, Autorität ist doch sowieso spießig.

Menschen brauchen jedoch Kategorien und genaue Abgrenzungen. Wir müssen wissen, wer nur ein flüchtiger Bekannter ist, wer ein netter Mensch und wer ein echter Freund, der einem auch Paroli bietet.

Das Problem: Ohne echte Kritik und ohne Feedback verlieren wir den Spiegel und die Fähigkeit, uns selbst zu reflektieren oder zu hinterfragen.

Stattdessen bauen wir Mauern um gemeinsame Weltsichten, hinter denen sowieso alle die gleiche Meinung haben.

So funktionieren Sekten und kleine religiöse Gruppen. Sie haben feste ideologische Vorstellungen und Weltansichten - und solche Mini-Sekten beobachte ich überall in unserem Alltag: Das können Pegida-Demonstranten sein, Studierende einer privaten Elitehochschule, Mitglieder eines Mietervereins, die türkischen Nationalisten, die dieser Tage auf die Straße gehen - oder eine eingeschworene Clique im Büro: Ihnen allen ist gemein, dass sie eine teils isolierte Gemeinde sind und sich in ihren Ansichten gegenseitig bestätigen.

Wie im Mittelalter glauben die Menschen heute, dass ihre Art und Weise die Welt wahrzunehmen, die unumstößlich Richtige ist.

Die Welt ist eine Scheibe und jeder der etwas anderes sagt ist dumm. Es wird immer weniger hinterfragt. Menschen verlieren die Fähigkeit, sich in andere Menschen oder Weltanschauungen hineinzuversetzen.

Jammern auf niedrigem Niveau

Wenn in diese heile Welt, in der wir uns alle einig sind, dann doch jemand hineinplatzt und Dinge in Frage stellt, fühlen sich die Menschen schnell auf den Schlips getreten.

Meine Sekte und ich, wir haben ja daran gearbeitet unsere Sicht zu perfektionieren: Die Folgen sind Wut, Aggression und öffentliche Empörung, denn wir sind ja die Unterdrückten, die Opfer, die vom Rest der Welt nicht verstanden werden.

Wir halten Widerspruch immer weniger aus.

Und was machen wir nun mit dieser Einsicht? Wir können daraus einen Appell formulieren: Menschen dieser Welt, brecht aus euren selbstkonstruierten Zwangsjacken aus! Jeder sollte sich ernsthaft die Frage stellen, wie bunt sein Leben wirklich ist und wie sehr man sich nur auf seine eigene Community fixiert.

Bevor wir die Äußerung einer anderen Person verurteilen, sollten wir versuchen zu verstehen, wie seine Haltung entstanden ist. Welchen Hintergrund hat die Aussage? Und ist eine andere Weltsicht nicht vielleicht sogar spannend für uns?

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Der nächste Schritt muss also sein, kritisch und konstruktiv die Weltansicht des Gegenübers nachzuvollziehen - ohne, dass wir sie uns unbedingt zu eigen machen.

Das gilt auch für den Arbeitsalltag: Die bescheuerten Personalabteilungen dieser Welten müssen sich mit der Wohlfühlkultur ihrer Unternehmen kritisch auseinandersetzen und nachdenken, ob Behaglichkeit Leistung ersetzt und ob uneingeschränkte Harmonie überhaupt die Kreativität fordern kann.

Denn erst wenn verschiedenste Einflüsse aufeinandertreffen - neue Meinungen, Ideen und Ansichten - kann Neues entstehen.

Es wird Zeit, dass wir uns wieder kritisch miteinander auseinandersetzen. Denn nur mit Kontrast bekommen wir ein scharfes Bild unserer Zukunft.


Thomas Sattelberger
ist ehemaliger Topmanager und Aktivist für die Zukunft der Arbeit. Seit Jahren kämpft er entschlossen gegen geschlossene Systeme in Konzernen und in der Gesellschaft. Hier findet ihr ihn auf Twitter und Facebook.

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