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Arbeitswelt 2025: Ohne Söldner, Vampire und Einfalt

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ARBEITSWELT 2025
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Die Arbeitswelt in zehn Jahren wird durch Sinn, Vielfalt und den Geist der Freiwilligkeit geprägt sein - oder andere machen das Rennen.

„Der Mitarbeiter von morgen ist kein Opfer mehr" - so knapp und pointiert formulierte die Berliner Unternehmerin Tina Egolf ihren Anspruch an die Unternehmenskultur der Zukunft auf der Berliner Auftaktveranstaltung des Arbeitsministeriums zum Dialogprozess „Arbeiten 4.0".

Er lasse sich, so sagt sie, künftig nicht mehr hin- und herschubsen und nicht mehr gängeln, wenn es darum ginge, wann er Urlaub oder einen Homeoffice-Tag nehme, auf welche Art er eine Aufgabe ausführe - oder ob er lieber früh morgens oder spät abends arbeite.

Ich stimme Tina Egolf zu. Aus - welch entlarvender Begriff - abhängig Beschäftigten können Unternehmensbürger werden, die im Wortsinne souverän persönliche Mitbestimmung oder freie Entscheidung über Arbeitszeit und -ort fordern.

Wegen schlechter Führung entlassen

Damit nicht genug: Viele von ihnen werden über die Qualität ihrer Führung bestimmen und in der Lage sein, Führungskräfte zu wählen - oder abzuwählen. Auch bei wichtigen Geschäftsthemen werden sie demokratische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse etablieren.

Aus der Gründerszene und aus der heutigen Bewegung eines „frischen" Mittelstands heraus entsteht so allmählich ein Alternativtyp zu hierarchisch gesteuerten Ozeandampfern und patriarchalisch geführtem alten Mittelstand.

Non-Profit-Organisationen wie Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen haben gezeigt, welche Schlagkraft erzielt wird, wenn eine Konföderation von Freiwilligen für ein gemeinsames Ziel eintritt. Wer Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen möchte, der ist gut beraten, auf „Spirit" zu setzen. Und zwar nicht künstlich durch aufgeblasene, sinnentleerte Firmenpartys und Motivationskampagnen - sondern durch echte ideelle und vielleicht auch materielle Partizipation.

Unternehmerischer Erfolg und Anziehungskraft für Talente entsteht durch glaubwürdige Sinnstiftung für und Sinnfindung durch Menschen. Die Online-Company Spotify macht es vor: Dort moderieren Agile Coaches hierarchiefreie Teams, die die beste Lösung für den Kunden finden wollen - und nicht die Lösung, die der Chef vorgibt oder die in alte Muster passt.

Gute Führung heißt nicht nur, Hierarchien abzuflachen - es heißt eben auch, den einzelnen Unternehmenseinheiten mehr Raum zur Selbstorganisation zu geben. Die Führungskraft hat sich - salopp gesagt - hier gar nicht einzumischen. Sie steht lediglich dafür gerade, dass pünktlich bestmögliche Arbeitsergebnisse vorliegen.

Im Jahr 2025 werden Führungskräfte nicht mehr auf der Galeere stehen und ihre Ruderer zur Arbeit antreiben - sie werden Coaches sein, die wie bei Google störende Mikropolitik vom Team fernhalten und bei Bedarf Berater für persönliche und berufliche Entwicklung sowie individuelle Anliegen ihrer Mitarbeitenden sind.

>>In einem Satz: Söldner-Unternehmen werden durch Freiwilligen-Unternehmen in die Ecke gedrängt.


Gesunde Organisation statt Rückenschulung und Obstteller

In Zeiten ultraliberaler Individualisierung machen es sich viele Unternehmen zu leicht, indem sie auch die Verantwortung für die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden auf ebendiese abwälzen. Das ist nicht nur unfair, sondern auch kurzsichtig. Wir implementieren heute jede Menge auf das Individuum bezogener Präventions- und Reparaturprogramme wie Fitnesstraining, Gesundheitstage, Auszeiten oder Obstteller.

Wir sourcen das Thema an den Einzelnen aus - und vernachlässigen die Verantwortung für gute, balancierte Unternehmensführung. Unternehmensleitungen werden im Jahr 2025 klar gefordert sein, den Rahmen für eine gesunde Unternehmenskultur zu setzen, die eben nicht nur der Rendite weniger und dem Effizienzdruck für viele dient.

Es gibt Phasen im Leben, in denen man für seine Aufgabe und das Unternehmen im positiven Sinne „brennt" - aber auch Phasen, in denen man einen Gang zurückschalten möchte - oder muss, weil man Gefahr läuft, auszubrennen und von Arbeit gefressen zu werden.

Das ist heute schon eine Tatsache, wird aber in deutschen Unternehmen zurzeit fast völlig ignoriert. Im Jahr 2025 wird eine „Step out"- und Rückkehrkultur eine große Bedeutung haben. Weil sie es Mitarbeitern ermöglicht, für eine bestimmte Zeit aus ihrem Job auszusteigen, ohne damit die Stagnation oder das Ende ihrer Karriere zu besiegeln.

Dies wird auch für Führungskräfte möglich sein. Nicht zuletzt sind auch die heutigen Führungskräfte die Gejagten - zerrieben im engen Hierarchie-Korsett zwischen immer weiter steigenden Ansprüchen von Share- und Stakeholdern, gefangen in dem engen Rahmen zahlengetriebener KPI-Vorgaben.

>> In einem Satz: Vampir-Unternehmen werden durch Souveränitätskulturen ins Sonnenlicht gedrängt.


Wissen ist Macht

Unternehmen, in denen Wissen nicht zutage gefördert, gefordert und verbreitet wird, sind nicht zukunftsfähig. „Jahre wissen mehr als Bücher" - so sagte Gotthold Ephraim Lessing. Und darauf werden sich Personaler künftig umstellen. Es fängt bereits bei der Rekrutierung an: Das Aussieben von Talenten durch frühselektive Auswahl- und Beurteilungsverfahren wird bis 2025 der Begegnung auf Augenhöhe weichen - und zwar über Generationen hinweg.

Das gilt für das gesamte Talentspektrum von Nerds, Querdenkern und Überzeugungstätern, aber auch für das vermeintliche „untere Ende", wo heute noch ganze Talentquellen systematisch vernachlässigt werden. Wir werden erleben, dass eine bedeutende Zahl bislang ausgegrenzter Talente dank einer veränderten Auswahlphilosophie als Nachwuchs das Unternehmen bereichert.

Bei Entwicklung und Förderung geht es weiter. Statt „Highspeed"-Jungmännerkarrieren wird es Entwicklungs- und Laufbahnoptionen für 40+, 50+ 60+ geben.

Wissen und Kompetenz - und deren Transfer - haben aber auch entscheidend mit einer Kultur der Diversität zu tun. Um dem zunehmend disruptiven, unvorhersehbaren
und komplexen Wandel zu begegnen, müssen Organisationen in der Lage sein, aus unterschiedlichen Perspektiven heraus neuartige Lösungen zu schaffen, statt die alten Problemlösungsroutinen zu wiederholen.

Ich denke sogar, dass Diversity im Jahr 2025 der zentrale Hebel von Organisationen sein wird, um souverän auf die steigende Komplexität
der Umwelt zu reagieren.

>> In einem Satz: Einfältige Unternehmen werden durch Unternehmen der Vielfalt überflügelt.

Aus all diesen Gründen ist es für mich selbstverständlich, dass ich seit Jahren die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales einberufene Initiative Neue Qualität der Arbeit unterstütze. Denn in ihr setzen sich seit geraumer Zeit viele Überzeugungstäter auf einer interdisziplinären Plattform dafür ein, die Themen Führung, Gesundheit, Diversity und Wissen in Unternehmen zu fördern.

Ob und in welcher Form Deutschland im Jahr 2025 wettbewerbsfähig ist - das hängt davon ab, welche Weichen Politik und Unternehmen jetzt stellen. Wir sind vor die Wahl gestellt:

Wenn es der Politik gelingt, digitale und soziale Innovationskraft massiv zu fördern und ein engagiertes Gründertum nicht mit unnötigen gesetzlichen Reglementierungen zu gängeln - und wenn es Unternehmen gelingt, ihre patriarchalischen und effiziengetriebenen Führungsmodelle in eine zeitgemäße Kultur zu überführen, dann können wir aus dem drohenden Brain Drain einen Brain Gain machen. Wenn nicht, dann machen andere beim Wettlauf um Talente und damit um unternehmerischen Erfolg das Rennen.

Thomas Sattelberger, Publizist, Politikberatung, ehemaliger Topmanager, freut sich auf Ihre Kommentare: https://twitter.com/th_sattelberger

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie anlässlich des 10. Geburtstags der Huffington Post USA. An ihrem Geburtstag blickt die Huffington Post jedoch nicht zurück, sondern nach vorn. Deshalb berichten in dieser Serie Experten von ihren Zukunftsplänen und Hoffnungen für die nächsten 10 Jahre. Hier finden Sie alle weiteren Beiträge dieser Reihe


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