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"Wir erwarten mehr Respekt": Wenn ein Smiley zur Kündigung führt

19/03/2016 09:43 CET | Aktualisiert 20/03/2017 10:12 CET
Dean Belcher via Getty Images

Mitarbeiter sind die wichtigsten Botschafter der Firma. Daraus leitet sich logischerweise ebenfalls ab, dass es wichtig ist, was sie in den sozialen Netzwerken publizieren. Es drängt sich also die Frage auf: Wo ist die Grenze?

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Im Normalfall ist das meist kein Problem. Aber wenn es Probleme gibt oder eine emotionale Situation auftritt, dann kann es schon einmal passieren, dass ein Mitarbeiter übertreibt - und die Grenze übertritt.

Ein Beispiel, gefunden auf Facebook. Der Beitrag irritiert den Arbeitgeber und den Verein für Deutsche in der Schweiz, denn der Busfahrer ist selber Ausländer.

"Ich bin im Linienbus (Kanton Luzern) schon glücklich, wenn jemand Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch sprechen kann. Komm mir manchmal vor wie beim Migrationsamt."

(Über diesem Text publizierte der Busfahrer das Bild seines Busses)

Der Busfahrer arbeitet bei der Auto AG Rothenburg. Daniela Letizia ist Bereichsverantwortliche Personal. Sie stellte sich den Fragen zu diesem Beitrag.

Was halten Sie von diesem Beitrag Ihres Chauffeurs?

"Wir befördern jährlich 6,6 Millionen Fahrgäste von unterschiedlichem Alter, Herkunft, Geschlecht, Religion und so weiter. Von unseren Mitarbeitenden erwarten wir, dass sie alle Fahrgäste mit dem gleichen Respekt und der gleichen Freundlichkeit behandeln."

Wie hoch ist der Anteil an Fahrgästen ausländischer Herkunft bei der Auto AG Rothenburg?

"Wir haben diesbezüglich keine Angaben, beziehungsweise ist dies für uns nicht relevant."

Wie haben Sie den Fall intern behandelt?

"Mit dem Angestellten wurde ein Gespräch geführt."

Werden Sie auch extern darauf reagieren?

"Nein, es besteht kein Handlungsbedarf."

Gibt es interne Richtlinien im Umgang mit den sozialen Netzwerken für die Mitarbeiter?

"Die Auto AG Rothenburg hat ein Nutzungsreglement für den Umgang mit Internet, E-Mail und Social Media. Das Reglement beinhaltet die gesetzlichen Aspekte, Richtlinien und mögliche Sanktionen. Es wird beim Eintritt von Mitarbeitenden besprochen, abgegeben und unterschrieben."

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesem Fall?

"Nicht immer ist es Mitarbeitenden bewusst, dass sie sowohl sich selbst, als auch ihrem Arbeitgeber mit Einträgen auf Social Media schaden können. Das nachträgliche Löschen der Beiträge ist schwierig und das Web vergisst nie. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, unsere Mitarbeiter zu sensibilisieren und sie auf die möglichen rechtlichen Konsequenzen aufmerksam zu machen."

Wenig Begeisterung löst der Beitrag beim "Verein für Deutsche in der Schweiz" aus. Dessen Mitgliedschaft weist den Busfahrer auf Facebook aus. Matthias Estermann ist Integrationsberater des Vereins. Er lässt keine Zweifel aufkommen: Das sei daneben. "Die Aufgabe der Mitglieder ist sich selber zu integrieren und nicht ihren Nationalstolz auszuspielen." Er werde ihn darauf ansprechen.

Mitarbeiter gekündigt

In diesem Fall ging es für den Busfahrer also glimpflich aus. In anderen Fällen führten Beiträge zur Entlassung. Zum Beispiel bei einem Porsche-Lehrling, der sich rassistisch äußerte.

In einem anderen Fall suchte ein Maler in ungekündigter Stelle einen neuen Arbeitsgeber, ebenfalls über Facebook. Der Mitarbeiter einer Firma postete einen sarkastischen Hinweis auf Überstunden und wurde auch entlassen.

Das Smiley war zu viel..

Selbst Journalisten sind nicht vor Verfehlungen auf Facebook gefeit. Eine deutsche Zeitung rennte sich von einem Mitarbeiter, wegen eines Facebook-Eintrages zu den Anschlägen von Paris: "Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter, junger, islamischer Männer im Lande in eine ganz neue Richtung bewegen." Darunter ein Smiley. Dieses Smiley war für die Redaktion zu viel.

Das Niveau sinkt

Neu ist dieses Thema also nicht, aber es wird zunehmend problematischer. Mit der Flüchtlingskrise hat sich der Ton massiv verschärft und was heute an Meinung publiziert wird, würde problemlos eine Entlassung rechtfertigen - und das ohne Scheu unter dem richtigen Namen und einem Portraitfoto.

Man muss nicht intensiv suchen, um User zu finden, welche sich über Flüchtlinge freuen, die im Mittelmeer ertrinken oder anderen eine Vergewaltigung wünschen, wegen des Nein zur Durchsetzungsinitiative in der Schweiz. Die Schamgrenze, soweit es das in den sozialen Netzwerken überhaupt gab, ist auf Null gesunken.

Bisher keine sichtbare Wirkung

Bei Facebook hat man inzwischen reagiert. Rassistische Beiträge sollen künftig gelöscht werden und Mark Zuckerberg lässt sich das auch einiges kosten. Doch erstens, kommt diese Maßnahme sehr spät und zweitens, ist nicht sicher, ob es ihm um die Eindämmung von Rassismus geht, oder eher darum, seine Plattform vor weiteren unerfreulichen Nennungen zu schützen. Denn Facebook ist an der Börse und kann sich negative Schlagzeilen kaum leisten.

Doch egal ob ernsthafte Maßnahme oder PR: Eine Verbesserung habe ich nicht festgestellt.

Privatsphäre? Ja, aber...

Ein heikles Thema ist die Privatsphäre. Wie weit darf ein Arbeitgeber gehen, bei der "Überwachung" seiner Angestellten in den sozialen Netzwerken? Das ist sogar ein sehr heikles Thema. Aber es muss angesprochen werden.

Es sollte vor allem dann ein Thema sein, wenn es sich um eine Firma handelt, die im öffentlichen Raum tätig ist - eben zum Beispiel ein Unternehmen mit Bussen. Ein Angestellter der in einem solchen Bereich tätig ist, muss es meiner Meinung nach akzeptieren, wenn ihm gelegentlich "auf die Finger geschaut wird".

Social Media als Kontrollmittel

Doch was ist mit einem Lehrling, der auf dem Bau arbeitet? Kann und soll ein Arbeitgeber reagieren, wenn er am Sonntagabend auf Facebook einen Beitrag publiziert, der ihn volltrunken zeigt und er deshalb am Montag kaum zu gebrauchen ist?

Ja, unbedingt. Der Arbeitgeber hat das Recht auf volle Leistung. Noch mehr Recht auf Information hat er bei Bewerbern auf Stellen. Wer sich auf eine Ausschreibung der öffentlichen Hand bewirbt und in den sozialen Netzwerken über den Staat herzieht, der ist am falschen Platz.

Investition ins Image

Diese Beispiele zeigen, dass die Grenze fließend ist. Entsprechend macht es also Sinn, wie die Auto AG Rothenburg, neue Mitarbeiter ein Nutzungsreglement unterschreiben zu lassen oder neue Lehrlinge auch in diesem Bereich zu schulen. Präventiv. Je grösser und öffentlicher dieses Unternehmen ist, empfiehlt es sich vielleicht sogar in eine obligatorische Informationsveranstaltung zu investieren und Mitarbeitende gezielt zu sensibilisieren.

Ein gutes Image aufzubauen, dauert Jahre, es zu ruinieren - reichen Sekunden...

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