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Theologie als Impuls für eine zukunftstaugliche Gesellschaft

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CHRISTIANITY
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Eine Kirche der Zukunft ist „Salz der Welt" (Mt 5,13)

Die Gesellschaft und Welt von heute sehnt sich massiv nach gelebten, guten Werten sowie nach Menschen, die diese Werte aus ganzem Herzen leben und verkörpern.

Christsein ist in der Tat eine solche Bewegung, die sich auf den Weg gemacht, dem Auferstandenen nachzufolgen. „Die des Weges sind" war denn auch der erste Nickname der Jesus-Nachfolger.

Statt irgendwelchen Moden und Hypes nachzueifern, ist für Christen zunächst klar: das Feuer des Geistes ist der Auslöser für alles, was die Dynamik des Lebens und christlicher Be-Geist-erung ausmacht und angeht.

„Die Gesellschaft hat uns eingeredet, wir sollten unser Leben lang wie ein 18-jähriges Modelaussehen. Aber ich denke, ich kann genauso gut auch das sein, was ich bin."
Clint Eastwood

Vor Jahren erlebte ich Clint Eastwood bei der Eröffnung eines Celebrity Golf-Turniers in Pebble Beach (Kalifornien). Ich war angetan von seiner lässigen, individualistisch-fokussierten Art, die einfach nur „da war", ohne Habitus und großes Gehabe. Ich empfand ihn als jemanden, der keinen Modetrends nachstrebt, sondern einfach „sein Ding" macht, ohne Etikette-Floskeln. Einer, der sich nicht irritieren lässt von Fremderwartungen und falschen Vorgaben.

Christsein, das Salz der Erde, wie es Jesus in Matthäus 5 in der Bergpredigt formulierte, ist ein Leben, das sich aus der Gotteswahrheit, aus dem Willen Gottes speist und nicht nach den Modevorgaben aktueller It-Geister fragt.

Eine von Christus begeisterte Christenheit

Die leidenschaftliche, aber reflektiert-beherzte Gläubigkeit wäre ein Gegengift gegen eine schematisch- regelhaft und leblos-leer daherkommende Form von Christentum, das die Welt und die Menschen nicht mehr erreichen kann.

Hier kann man bei der Volksmusik eine Menge lernen: da flammt immer wieder echte Herzensbegeisterung auf; egal, und ob man nun auf einem Konzert von Helene Fischer, von Die Schäfer oder bei Hansi Hinterseer ist. Hier spürt man eine Vibration, die selten in christlichen Kontexten anzutreffen ist. Wobei etwa Gemeinden, die in der Hillsong-Tradition arbeiten - oder auch bei einem Blick über den Teich zu Joel Osteen und seiner Lakewood Church - sieht man, dass die Landeskirche deutscher Couleur nicht der Gral der Wahrheit (Weisheit) ist.

Das Christsein hat grundsätzlich mit Begeisterung für den Auferstandenen zu tun: sein Tod am Kreuz, seine Auferstehung bereiteten den Boden für eine von Schuld und Sünde befreite Existenz.

Den Ruf des Auferstandenen hören und ihm nachfolgen. Damit beginnt alles"
„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Den Blick auf Christus zu richten: darauf käme es in der Tat entscheidend an.

„Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes." (Kolosserbrief, Kap. 3, Vers 1)

Doch in Sachen Begeisterung ist basal zu bedenken, dass diese sehr langsam reifen kann und von einer schnell verpuffenden Erregung zu unterscheiden ist:

„Begeisterung ist immer ruhig, immer langsam und bleibt innig. Der plötzliche Ausbruch ist nicht Begeisterung und auch nicht aus ihr hervorgegangen, er kommt aus einem heftigen Zustand. Man soll auch die Begeisterung nicht mit dem Schwung verwechseln, der aufregt, während jene bewegt."
Joseph Joubert

Wichtig ist, dass die Kirche, dass die aktiven Gemeinden auf die Welt, auf die Menschen zugehen. Dass sie sich nicht hinter herrlichen eigenen Gemäuern in ihrem eigenen Sumpf „verschanzen" und einigeln. Das geht nur allzu schnell.

Dabei wären in Zeiten der multimedialen Einflussnahme, der Chat-„Boutiquen", der Twitter-Präsidenten, der Instagram-Influencer und eines generell äußerst durchmediatisierten kontemporären Lifestyles die Formen, in denen wir das Evangelium verkörpern/präsentieren, alles andere als zu vernachlässigen.

Die „Denke" der Menschen zu begreifen und ihnen auf ihrer Ebene begegnen: den Reichen in ihrer Sprache, den Armen, den Kranken, den Frustrierten, den Gelangweilten so begegnen, dass sie eine offene Tür zum Ergriffensein sehen können und Gottes Geist eine Brücke durch die Art unserer Vermittlung hat.

„Die Kirche, die zu den Menschen geht, kommt mit ihnen ins Gespräch. Jugendliche lassen sich begeistern. Gut inszenierte Projekte ziehen die Menschen an und bewegen sie zum Mitmachen. Glaubensinhalte lassen sich vermitteln, wenn die Darstellung stimmt." (I. Schwaetzer)

Theologie kann Herz und Denken vereinen und Impulse setzen

Meine einjährige Studienzeit am London Bible College (heute: London School of Theology) hat mir zu Beginn meiner akademischen Vita beigebracht, dass lebendiger Gottesglaube und Begeisterung für Jesus bestens mit hoher Wissenschaftlichkeit einhergehen bzw. damit verbunden werden können.

„Das Herz macht den Theologen." (August Tholuck)

Eine Theologie, die sich der Wahrheit und der Dynamik des Glaubens verschreibt, wäre heute mehr denn je dran. Eine Theologie, die sich einem geistfreien Denkkonzept und rationalistischen Deutekurven verschreibt und diesen frönt, sollte nicht mehr als eine zeitgemäße Form der Gotteskunst erachtet werden. Eine Hermeneutik, die von tiefem Glauben und großer Leidenschaft für Gott und sein Wort geprägt ist, könnte für Kirche und Gesellschaft Fulminantes leisten und neue Horizonte erschließen helfen.

Ich sehne mich nach Formen von Christsein, die einfach das „Dasein" der bekehrten und zu Christus gewandten Menschen zur Geltung bringt.

Nach Lebens- und Denk-Foren, in denen sich das Evangelium natürlich erzeigt, ohne in subkulturell-seltsamen Gemeindekulturen geradezu zu verkommen, wo eine oft mobbinghafte Form interaktionaler Fehlhaltung die Szene und das Miteinander dominiert, ohne dass diese frommen Sub-Welten noch in irgendeiner Form als gesund oder gar „göttlich" bezeichnet werden könnten.

Wir bräuchten ein exodushaftes Christsein, das wieder markante und ungespielte Impulse setzt. Das auf natürlich-herzliches Echtsein, auf klare Verkündigung und vorbehaltlosen Glauben sowie auf die Kraft der göttlichen Liebe (Agape) und der Auferstehungshoffnung setzt.

Martin Luther hat den Exodus-Modus echten Christseins einfach auf den Punkt gebracht:
„Wir sind immer auf dem Wege und müssen verlassen, was wir kennen und haben, und suchen, was wir noch nicht kennen und haben."

Wobei wir dabei immer auf eine klare Form der Einkehr achten sollten, die uns guttut und unsere geistliche Gestaltungskraft aufrecht erhält:

„Merke auf den Sabbat deines Herzens, daß du ihn feierst, und wenn sie dich halten wollen, mache dich frei, oder gehe zugrunde."
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768 - 1834)

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