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Mikropolitik am Dom

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NIBELUNGEN FESTSPIELE 2016
dpa
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Worms, die "nie gelungene" (wie man im Volksmund sagt) oder Nibelungen-Stadt, ist derzeit ein Mekka für Freiluftbühneneuphorie. Wer die Neuinszenierung der Nibelungensage rund um den "anatolischen Siegfried" erlebt, der gewinnt filigrane Eindrücke und politische Slapstickerkenntnisse in drei Stunden Storytelling.

„GOLD. Der Film der Nibelungen" (Albert Ostermaier) in der Regie von Nuran David Calis ist ein genialer und zugleich urkomischer Zeitkommentar zur aktuellen Migrantenlage. Nicht nur Sätze wie "Jeder Türke möchte ein Siegfried sein" und die Rolle Siegfrieds als Anatole sind eindrücklich, sondern auch mancher Seitensatz ist als Kommentar zu den vielerlei Fragezeichen der Flüchtlingspolitik zu fassen.

Der Besucher erlebt eine einfache und dennoch schöne, klar strukturierte und dynamische Bühne, auf der die "Glaskäfige", in denen so manche Szene spielt, als begleitender "Chor" zur Außenbühne inszeniert werden. Das Blut, das am Ende dann von den Glaswänden läuft, ist Symbol für die Reibereien zwischen Menschen, die die Konkurrenz bei doppelt besetzten Rollen spüren, ferner Zeichen für den Vergewaltigungskrimi des Nibelungenliedes, wie es hier in Szene gesetzt wurde.

Manches kommt derb, manches witzig: Zwischen Porno, experimenteller Projektbühne und Persiflage spielt der Handlungsstrang, und man hat nicht selten das Gefühl, dass hier Seelenabgründe und psychologische Verflechtungsorgien rhetorisch und auch dezent szenisch eingespielt werden.

Der Anfangsmonolog von Katja Weitzenböck alias Karina Bergmann als Kriemhild, die Ältere, geht tief; noch tiefer im zweiten Teil ihre Klagerhetorik auf die Nichtigkeit des Suchens nach Anerkennung.

Dennenesch Zoudé als Brünhild, die Jüngere, und Heiner Lauterbach als Bürgermeister Franz Koppoler (letzterer allerdings nur als Einspieler vom Starnberger See) geben dem Ganzen eine markant-mimische Würze. Zoudé vermag zudem eine Art Bühnenmagie zu erzeugen, der sich kein Zuschauer entziehen kann. Ihre eindringlichen, großprojizierten Blicke gehen durch Mark und Bein.

Der Dialog zwischen Ochsenknecht und Lauterbach als Großleinwand-Handydisplay-Szene bleibt nicht das einzige Feuerwerk, das in wenigen Minuten ins Bühnenstück hineinmontiert wird. Überhaupt erscheinen viele Sequenzen als Mosaiksteine, deren Verbau die Zuschauerschaft in actu beobachten darf.

Kurzum: Die Nibelungen-Festspiele 2016 sind ein Highlight à la bonne heure, die man nicht verpassen sollte und die vom Esprit der Schauspieler, vom Kontrast zwischen Komik und tiefem Ernst sowie vom momentanen Slapstick im Gegensatz zur Metaebene der Sinnfragen lebt. Man wünscht sich, dass Ochsenknecht, Zoudé und Weitzenböck noch oft gastieren in den kommenden Jahren; und Carmen (Alexandra Kamp) sollte dann eine größere Rolle zukommen als der geschäftig wirkenden, aber recht farblos bleibenden Assistentin des Produzenten Konstantin Trauer (Uwe Ochsenknecht).

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