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Medienreligiosität und der Geist von Pfingsten

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Medien sind Agitationsfelder, in denen Informationen verhandelt, ausgetauscht und modifiziert werden. Im Medienkosmos wird „Meinung gemacht". Daher sind Medien stets auch Aktiva an den Schnittstellen unterschiedlicher Meinungspositionen und Weltsichtweisen.

Im Optimalfall stellen Medien als Verstehensagenten so etwas wie gelingende Kommunikationsmuster her bzw. bilden Brücken zwischen unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Anschauungen. „Das Missverstehen versteht sich von selbst, das Verstehen muss an jedem Punkt neu gesucht werden." (F.D.E. Schleiermacher)

Da Medien per se eine kritische Instanz sein sollen, können sie auch als Agenten wider den verordneten Mainstream und die flachen Gewässer der „handelsüblichen Meinung" gelten; zumindest wenn sie ihre Funktion als Treiber einer positiven Meinungsvielfalt wahrnehmen.

In Zeiten von Tweets, Blogs und Snapshot sind das Meinungs"bashing" sowie das pluriforme Explosionsgemisch Information besonders brisant und mit einer knappen Halbwertszeit versehen.

Gerade hier kommt die Rede von dem christlichen Agenten des Verstehens ins Spiel: der Heilige Geist, der im Neuen Testament in Acta 2 über die versammelten Jünger ausgegossen wird und diese das Jesus-Evangelium plötzlich in vielen Sprachen verkünden können, ohne diese je gelernt zu haben, avanviert zum Urgrund einer göttlichen Kommunikationssphäre, in der in der Kraft der Liebe und in der Freiheit des Geistes eine mediale Community möglich erscheint, die echtes Verstehen teilt.

Der Heilige Geist wird also als Sprachmittler begriffen, als ein Medium, das Verstehen, Verständigung, versiertes Gott-Erfahren und gelingendes Kommunikationsverhalten ermöglicht. Pfingsten ist sozusagen nicht nur der Geburtstag der Kirche, der weltweiten Ekklesía, sondern auch der Ursprung dessen, was wir heute Medienreligiosität nennen. Der Geist als Agent und Medium einer Verständigungsweise im Horizont der Liebe, der Güte und der Verbindlichkeit Gottes.

Dass es noch keine Medientheologie des Heiligen Geistes in der neueren theologischen Debatte/Literatur gibt, darauf wies mich jüngst Peter Sloterdijk während eines persönlichen Gesprächs hin. Und in der Tat wäre die medientheoretische Neubeschreibung des Heiligen Geistes durchaus als ein großes Desiderat zu sehen: der Geist im Medienspektakel, der göttliche Paraklet als force majeur (vis major), als aktiver Hüter und als Motivationsfläche im Rahmen des Medienkosmos.

Vielleicht könnte man dies durchaus in der Linie Hegels weiter entfalten und versuchen aufzuzeigen bzw. zu beschreiben, wie sich Geistwirkungen bei GOOGLE, Twitter, facebook und Co. manifestieren.

In gewisser Weise ist der Geist ein Phänomen der Geschichte, ist der Heilige Geist sowohl Impuls („Drive") als auch inspirative und lenkende Kraft dessen, was wir Welt-Histoire nennen. Der Redenschreiber des Weltdorfes, der göttliche Geist, als Mitte dessen, was wir als digitale Globalisierung kennen. Pfingsten als Ort, an dem sich Medialität als göttliche Kraft ursprünglich ereignet hat und seitdem als stete Erfahrungsmöglichkeit für alle Menschen erzeigt.

Und vielleicht könnte die ganze Mediengeschichte als ein Verlaufsprotokoll der Geistwirkungen des göttlichen Pneuma, des Gottes-Geistes, der göttlichen Präsenzkraft gesehen und gedeutet werden?!

Zu schreiben wäre eine in der fließenden Moderne verankerte Mediengeschichte des Geistes, die aus der theologischen Kuriosität heraus geboren wird, um prononcierter, klarer und „näher" zu begreifen, wie die göttliche Wirkkraft sich in den Netzwerken, den social media clubs, den Plattformen der Medienplayer sowie im Horizont der Kommunikationskanäle/Kommunikationsprozesse der aktuellen Weltsphäre darstellt.

Das Göttliche und vom Gottes-Geist Bewirkte wahrzunehmen, es zu sehen in den Medienaktivitäten unserer Tage - das wäre ein durchaus pfingstlich zu nennendes Unterfangen. Ob das nur Theologen - oder nicht doch die ganze Gesellschaft - interessieren sollte, das wäre durchaus noch zu verhandeln.

Hier abschließend einige Thesen zum Thema Religion der Medien - oder zur Medienreligiosität:

Medien sind ....

(1) ... Organisationsfolien für Wirklichkeit. In ihnen kommt etwas von Historie, Haltung und Horizont dessen zum Ausdruck, was wir Werte, Wahrheit und Wirklichkeit nennen.

(2) ... Vermittlungsstellen, die Sinn transportieren. Auch der Un-Sinn ist ein Sinn. Und Sinne müssen geschärft werden, weshalb Medien auch als Denk-Anstoß verstanden werden können.

(3) ... Anstiftungen zum Diskurs, damit auch zum Dialog und zum Denken in Du-Relationen. Die Tendenz zur Kommunikation ist in gewisser Weise allen Medien a limine eigen und bleibt stets virulent. Die Gottesfrage, die Frage nach der Hoffnung des Glaubens und den Wirkungen der Liebe durch den göttlichen Geist wären hier fundamental mit einzuspielen.

(4) ... Einladungen zum Hören auf „anderes", das als Kontrast zum Eigenen, zum Selbst zu dienen vermag. Diese kontrastive Funktion ist eine zwar nicht immer willkommene, aber doch eine häufig genutzte Form der Provokation, des Positions- sowie des Perspektivwechsels.

(5) ... Schnittstellen, die neue Ideen, Ziele, Träume, Schritte und Kontaktmöglichkeiten eröffnen und zur Revision (Griechisch: „Metánoia" = Umkehr/Veränderung/Neuperspektive) von Bisherigem führen können. Insofern können Medien wichtige und markante Veränderungsbotschaften liefern sowie Veränderungsprozesse mit anstoßen helfen.

(6) ... ein Versuch, die Welt zu verändern und eine Plattform zu liefern, die Info-Interaktion, Bedeutungssphären und die Möglichkeiten des Miteinanders verbinden.

(7) ... sind eine Art Religion: sie bieten eine Rückbindung („religio") des Menschen an die Infosphäre, an Informationen, die möglich sind und die zur Verfügung stehen, an. Insofern stellt der digitale wie auch der generelle Medienhorizont eine quasireligiöse Dimension dar, in der sich Wahrheit als konkrete sowie konkretisierbare Option erzeigen kann.

(8) ... Organisationschiffren, die das Wesentliche, das Unwesentliche und das „ganz Alltägliche" in einen dezidiert disziplinhaften Ton der Strukturmöglichkeiten einebnen können.

(9) ... prospektive Aneignungsmanöver künftiger Wirklichkeit. Sie bilden gleichsam die Grundlage („basales Momentum"), den Aktionsraum („Medien als Tatsphäre") und die träumerische Note („Medien als Visionsmotivation") dessen, was aktive Lebensgestaltung angeht.

(10) ... Choreographiemanöver, die die Facetten des Erkannten, des Erfahrenen und des prospektiven Erkundens miteinander zum Klingen bringen und dabei so etwas wie Lebensszenen, Lebenspfade und Lebenssequenzen zu verwirklichen eminent Anlass und Angebot bieten.

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