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Medien als Pacemaker der Gesellschaft

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Meriel Jane Waissman via Getty Images
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Im geschwindigkeitsintensiven Medienkosmos der fließenden Moderne überschlagen sich seit Jahren die Entwicklungen: vom Handy- und Smartphone-Rausch bis zur Hegemonie eines bald kommenden Internet der Dinge (IdD) - Englisch: Internet of Things (IoT) - versuchen wir Echtzeitnomaden Tritt zu fassen in der angekündigten durchdigitalisierten Zukunft.

Dabei sind wir großenteils auf die Deutungshoheit der Medien angewiesen sowie auf die hermeneutischen und Dirigenten"künste" der sog. Medienmacher.

Als ich vor Jahren fürs Handelsblatt oder auch für einen Verlag arbieten durfte, empfand ich die Geschwindigkeit der Medien noch nicht als krass. Eine einjährige Tätigkeit als Radiomoderator in Charlotte (North Carolina, USA) legte da schon eine Schippe drauf. Und die aktuelle Wellenbewegung der forcierten Medienmoderne enthüllt fast täglich neue Performanz- und Beschleunigungsschübe. Die Rede von der Fluchtgeschwindigkeit (Paul Virilio) lässt grüßen.

"Zauberregeln" der Medienkompetenz und Zeitkonzepte sind die Goldgruben der Wissensgesellschaft (knowledge society); hier schürfen die Poeten, die Pragmatiker und die Nerds der neumedialen Durchtaktung und Neuvermessung der Lebenswelten. Die kategorialen Bestimmungen Verbreitungsmedien (Bücher, TV, Radio, Internet etc.) und Verstehensmedien (Sprache und Ritual) bleiben hier dennoch eine Art konstantes Basisnetz, in dem alle medialen Eskapaden und Eruptionen sowie "Normalitäten" aufgefangen werden.

Welche Konstanten kann es geben in Zeiten, die das Medienpferd immer perfekter reiten? Vielleicht bleibt die einzige Lösung eine genaue Observanz der Entwicklung einerseits und eine reflektiert-engagierte Teilhabe am Medienspiel und -zirkus andererseits. Der homo ludens connectus et digitalis kann sich auf den Medienfeldern der Global Village Society (Marshall McLuhan) austoben, sollte sich dabei aber seiner Werte und Motive bewusst bleiben.

Anzustreben wäre also eine Mentalitäts-Sustainability! Sonst driften Gesellschaften in ein digitales Nirgendwo, das auch von keiner noch so guten Medienethik eingeholt oder entschärft werden könnte. Prophylaxe und Antizipation sind hier die Desiderate, die wir nie zu früh ins Visier nehmen können.

Vielleicht ist die von manchen Philosophen (nicht zuletzt etwa von Teilhard de Chardin und Peter Sloterdijk) angedachte Geschwindigkeitssteuerung der sich ausagierenden Moderne im Sinne des Geistwirkens eine probate "Lösung": der Geist als Pacemaker einer Moderne, die jetzt schon mutatis mutandis auf Speed zu sein scheint. Der homo digitalis als geistbeseeltes Wesen: keine allzu schlechte Zukunftsvision - und durchaus ein schönes Antibild bzw. eine ermutigende Kontrastfolie zu den medienapokalyptischen Phantasien und Gruselorgien. Insofern erscheint mir die Rede von der "organisierten Phantasie" als ein passabler Versuch, die Funktionswelt der Medien näher zu fassen.

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