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Leerstellen sind Organisationsgründe

03/12/2017 14:58 CET | Aktualisiert 03/12/2017 14:58 CET

Leerstellen sind ...

Leerstellen verkörpern die vitalen Demarkationslinien, an denen sich Sinn etabliert. Denn jenseis der erfüllten Räume, in der Leere oder auf den Arealen des Ausgesparten, ist das Mögliche zu Hause, bevor es konkret Gestalt gewinnt.

Leerstellen sind Verbindungslinien zwischen Sinnstrukturen und Sinnpfaden.

In der Literaturästhetik sprach Wolfgang Iser, der frühere Konstanzer Literaturwissenschaftler, davon, dass Leerstellen quasi Frakturen indizieren: „Immer dort, wo Textsegmente unvermittelt aneinanderstoßen, sitzen Leerstellen, die die erwartbare Geordnetheit des Textes unterbrechen." (Iser, Der Akt des Lesens, S. 302)

Das Gebrochene, das jeder Mensch in seinem fragmentarischen Dasein immer wieder durchleidet und entziffert, strebt nach dem Vollkommenwerden, nach Ergänzung, nach dem Überwinden eines erkannten oder empfundenen Hiatus.

Anschließbarkeit an Mögliches

Ohne Leerstellen, ohne die inneren und de-facto-Räume der Stille kann kaum ein Mensch "normal" existieren. Es gehört zum erfahrenen Leben dazu, dass Anschlussstellen erst möglich werden durch Zwischenstücke der Leere und der Nicht-Fülle. Leerstellen als Hinweis auf Mögliches sind insofern immer auch Scharnierstellen von Glück, Mut, Erkenntnis, Verwirklichung und Wahrheit.

Sie skizzieren quasi "Überleitungsschienen", die vom "Nichts" in ein "Etwas" führen.

Wobei das Nichts nicht als nichtig misszuverstehen wäre.

Denn im Nichts kauert sozusagen das final Mögliche im Wartestand.

Das Leben: Texte voller Leerstellen

Nicht nur für literarische Texte und ihre Schwingungen und Sinnwelten gilt die Leerstelle als der Ermöglichungsgrund von konkretem Sein und Leben.

Der Gedankentext, der Handlungs(kon)text, der Wünschetext, der Traumtext, der Ermöglichungstext, der Geburtstext, der Hochzeitstext, der Interaktionstext, der "Ich-bin-dann-mal-weg"-Text, der Stille-Text, der Ereignis-Text, der musikalische Text ... so viele Texte, die unsere konkrete Existenz massiv und maßgeblich prägen.

Fragen ...

Aus der Beschäftigung mit Leerstellen ergeben sich u.a. die folgenden Frageaspekte:

Welche Leerstellen kann ich bei mir identifzieren, welche brauche ich, welche gehören entsorgt?

Wer/was darf in den Leerstellenzonen Platz nehmen, was möchte ich partout nicht?

Welche reale Qualität erwarte ich von Leerstellen - und von deren potentiellem "Replacement"?

Welchen Appell richten die Leerstellen an die scheinbaren Sinngründe unserer Lebenswelt?

Wo benötigen wir in unserem konkreten Leben und Wirken Leerstellen, damit wir wieder mehr Sinn und Struktur für uns erkennen, erfahren und verfolgen können?