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Homo pictor und Homo viator

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JESUS
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Der Mensch ist ein Wesen, das zwischen dem Bildermontieren und dem Unterwegssein zu Hause ist. Menschen sind in Kopf und Herz von Bildern geprägt, die sie auf der Lebensreise immer wieder neu sortieren oder ersetzen, einfärben, voneinander abgrenzen oder kombinieren.

Der in seinem Kopf stets an der Entwicklung neuer Bildfolien arbeitende Mensch - der HOMO PICTOR (Hans Jonas) - ist der Horizont, in den sich die Theologie noch mehr hineindenken muss, um den Menschen der Jetzt-Zeit besser zu erfassen und zu erreichen.

Denn wenn sie an der bildgenerierenden Tätigkeit des Menschen und seinem Verwobensein in die Bilderwelten des Homo digitalis vorbeizielt, dann verschwendet die Verkündigung des Wortes Gottes vielerlei Energie auf Nebenschauplätzen. Eingedenk dessen, dass Worte Bilder generieren und ein Wort oft eine Legion an Bildern in unserem Hirn auslöst, sollten wir dennoch dessen vertraut bleiben: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Nicht von ungefähr hat Jesus narrativ verkündigt: in Geschichten, die Menschen verstanden. Aus der Lebenswelt und in einer bildhaften Sprache, die sofort in Herz und Hirn drang.

Schon Luther sprach in seiner Schrift „Sermon von der Bereitung zum Sterben" (aus dem Jahr 1519) davon, dass wir gerade am Lebensende die Bilder der Sünde und des Todes durch die Bilder der Gnade, der Kraft, durch die Bilder vom Kreuz und von Christus vor Augen haben und in uns tragen müssen.

Das Kreuz ist der Ort, an dem die alten Bilder der Hoffnungslosigkeit ihre Macht und Gültigkeit verlieren.

Der Crucifixus ist Inbild der Hoffnung und Freiheit für jeden, der glaubt.

Menschen der Neuzeit sind nicht erst seit Gabriel Marcels bahnbrechender Studie „Homo viator" (Homo Viator. Philosophie der Hoffnung, Düsseldorf 1949) als Wesen des Unterwegsseins im Blick: der Mensch, das „unbehauste Wesen" (E. Holthusen), ist wesensmäßig „wesenlos", unsicher, er „ek-sistiert", d.h. er ist immer „über sich hinaus" (Richard Wisser). So ist er Wanderer auf dem Weg und Werdender coram Deo et mundo.

Kaum einer hat diesen Wanderweg zur Ewigkeit so eindrücklich gezeichnet wie John Bunyan in seiner „Pilgerreise" ( The Pilgrim's Progress from This World to That Which Is to Come) von 1678. Eine neuzeitliche Adaption erfuhr dieses Werk etwa bei Hape Kerkeling und seinem Bestseller „Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg" aus dem Jahr 2006.

Unterwegs zu sein ist Grundbewegung des Menschen, die anthropologische Grundkonstante.

Wege zu gehen macht uns zu dem, was und wer wir sind. Wege stiften Horizonte und Identität.

Eigentlich ist der Mensch, das kulturschaffende und zu Gott hin offene Wesen, dabei immer unter dem Modus des Spiels zu Hause: er schafft Regeln oder erfindet neue und bleibt in den Zustimmungs- und Abgrenzungsspielen seiner Existenz eingebunden in die Gnade von außen, letztlich in das Wohlwollen und die Gnade Gottes. So ist der Mensch nicht nur ein Homo pictor (Hans Jonas) und Homo viator (Gabriel Marcel), sondern auch ein Homo ludens (Johan Huizinga), ein Spieltriebwesen, das im Spiel sich und die Welt immer wieder neu erfindet.

Das Spiel als Horizont der Homiletik könnte dazu verleiten, zwischen einem falschen Ernst und einer oberflächlichen „Laune" die Mitte zu finden: Fokus mit Verve und Leichtigkeit.

Lebendigkeit des Geistes und Akribie der Freiheit: beides braucht der Mensch.

Vielleicht müsste man Geistlichen in der Ausbildung regelmäßig „Children" von Robert Miles vorspielen, um sie in den „Sog des Spiels" einzubeziehen, das wir als Menschen je jetzt bereits sind.

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