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Faszination Bildung

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EDUCATION
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Bildung ist ein faszinierendes Erlebnisfeld. Ein Areal, das jeden Menschen auf diesem Planeten berühren kann. Denn Menschen finden sich auf allen Kontinenten in Bildungsschleifen wieder, seien diese nun eher häuslicher, kultureller oder spezifisch akademischer Art.

Ich möchte hier fünf Arten der Bildung unterscheiden, deren Verständnis ein Begreifen kultureller Lern- und Bildungsachsen erlaubt:

Bildung "von selbst"

1. Bildung, die sich quasi "von selbst" einstellt, wenn man Teil des Lebens, Bestandteil einer Kultur und ein aktiver "Spieler" auf dem Feld täglicher Aktionsflächen ist. Hier braucht es weniger ein aktiven Eingreifens, sondern einfach eine normale Lebensaktivität.

Wie Kinder Sprache "automatisch" erlernen - ob dies nun eine scheinbar einfache Sprache wie etwa Englisch oder Norwegisch ist oder eine sehr komplexe Sprache wie das Chinesische oder eine finnougrische Sprache -, so stellen sich auch schier unfassbar viele Lern- und Bildungsprozesse in regulären täglichen Settings ein, die häufig kaum bedacht und auch bis dato wenig wissenschaftlich erfasst werden.

Geistige Bildung

2. Bildung, die als geistige Bildung eher nach den Werten fragt und diese fördert/formt. Diese Bildung kann durchaus in primäredukativen Situationen eine Rolle spielen. Dennoch ist sie weitgehend in die Religions- und Ethikstunden verbannt und erhält oft wenig Gewicht in anderen Arealen der kulturell verordneten Bildung.

Doch auch und gerade der Sport wäre ergänzend hier zu nennen als ein wesentlicher Baustein einer werteethischen Haltung, die von Teamspirit, Hingabe, der Passion für Ziele und von Disziplin geprägt ist. Im Sport gewinnt der homo athleticus konkret Gestalt als jemand, der im Tempodrom des Lebens Haltemarken („Werte") sucht und benötigt und insofern quasi spielerisch Regelkunde betreibt: Kompetenzgewinn qua Spiel.

Der homo ludens als der werteempfindende und -entdeckende Mensch. Dem wäre gewiss weiter nachzudenken, auch wenn sich die Ethiker diverser philosophischer Schulen dem bereits zum Teil angenommen haben, nicht zuletzt Peter Sloterdijk in seinem Werk „Du mußt Dein Leben ändern. Über Anthropotechnik" (2009).

Lebensoptimierung erscheint hier durchaus als ein dem Leben einwohnender Impuls zu sein, der den Menschen zur Lebensoptimierung immer wieder anstiftet und ihn ermuntert, im Run um Erfolge die vorderen Ränge - oder zumindest die imaginären Chiffrenfelder - zu erobern.

Interaktionale Bildung

3. Bildung, die als interaktionale Bildung das Verhalten im zwischenmenschlichen Bereich fördert und (ein)fordert. Wie Interaktionen positiv ablaufen und dem Nächsten würdigend entgegenkommend, ferner ehrlich wie respektvoll geschehen, wird in vielen Kulturen mit gewissen feinen Unterschieden alternierend oder manchmal fast verwechselnd gleich "definiert".

Auch die Gender-, Traditions-, Religions- und Stammes-/Kasten-/Herkunftsfragen spielen hier sehr deutlich mit hinein. Denn diese Form der Bildung geschieht meist nur zielführend, wenn im Kleinen wie im Großen regelbildende Maßnahmen ergriffen und diese konkret vor Ort und in Gruppen wie in Vereinen und akademischen Einrichtungen konkret gelehrt, optimiert und weiterentwickelt werden.

Bildung als Wettbewerb

4. Bildung, die als Wissenserwerb i.w.S. zu fassen ist: bereits in den ersten Lebenswochen, dann später etwa im Kindergarten, dann in der Schulzeit, auf dem College oder an der Universität, im Rahmen von Aus-, Fort- und Weiterbildungen, in Seminaren, beim Hören von Predigten, Vorträgen, beim Schauen von Wissenssendungen etc. pp.

Diese Form der Bildung stellt sich grosso modo bei jeglicher Form der Kulturpartizipation im konkreten Sinne ein: beim Erleben von Theaterstücken, in der Oper, beim Ballett, bei Konzerten, bei Events, bei Vernissagen und im Umgang mit Medien (TV, auditive Medien, Internet, Magazine, Zeitschriften etc.).

Bildung als "Blick über den Tellerrand"

5. Bildung, die man als "geistliche Bildung" verstehen kann: die Justierung des Geistes auf die Dinge, die über die Sicht-, Hör- und innerweltlichen Verstehensachsen hinaus weisen.

Das "thinking beyond", der berühmte "Blick über den Tellerrand" (der innerweltlichen Zusammenhänge) und die gestimmte wie filigran auf Empfang eingestellte innere Antenne für die Fragen und den Sinn, der unserem Leben Richtung, Struktur und Halt zu verleihen vermag. Diese Art der Bildung ist vielleicht das größte Desiderat unserer heutigen Kultur.

Erweiterung der Wissensprofile

Bei all diesen Fragen geht es in der Regel häufig um den Zugewinn strukturierter Kenntnis, um eine Erweiterung bisheriger Wissens- und Kenntnisprofile sowie um eine Erweiterung bisheriger Blick-, Hör- und Wahrnehmungsgewohnheiten.

Dies ist generell eingebettet in das, was die Wissenschaft „Kulturpartizipation" nennt; also jene Form teilhabender Kulturerfahrung/-anteilnahme, die den Einzelnen als Mosaikstein im großen Ganzen - genannt Kultur - platzieren.

Dies funktioniert in aller Regel durch das Erlernen von Regeln und Rhythmen, die den Alltag erleichtern und die ferner Konsistenzen durch erwartbare Verhaltensmuster herstellen. Darüber hinaus wird so ganz basal die Einstellungswelt des Individuums justiert und „auf Kurs" mit den kulturellen Gruppendynamiken gebracht. Dies gewährleistet in der Folge mutatis mutandis die Vorhersehbarkeit kultureller Prozesse.

Der Bildungsweg

Doch bei alledem gewinnt ein wirklich lebensbefähigendes "Lernen", ein Bildungsweg, der über die Merksätze geregelter Lebensstrukturen hinausweist, wohl das entscheidende Momentum: Ein Lernen, das zum eigen(ständig)en Denken, zur Selbst- und Weltreflexion sowie zur Reflexion der Werte und Ziele des (individuellen, kulturellen sowie nationalen) Lebens befähigt.

Dieser Blick über den aktuellen Horizont hinaus; das Verbinden von Elementen, Einsichten und Entdeckungen hin zu neuen Strukturen, hin zu innovativen Wegen und Symbiosen - all dies umschreibt den letztlich elementar wichtigen Bildungshorizont, den es zu avisieren und mit Verve bildungspolitisch in der Breite einzufordern gilt.

Margaret Mead sagte einmal: "Children must be taught how to think, not what to think."
Und dies gilt auch für jede Form einer erfolgreichen oder lebenstüchtigen Vita: dass man gelernt hat, sein Denken kreativ und konstruktiv einzusetzen, um den unterschiedlichsten Fragen, Lagen und Herausforderungen unserer Existenz prospektiv, profiliert und positiv zu begegnen.

Diese kreative Umgangskultur im Sinne eines "lösungsorientierten Weltverstehens" ist ein hohes Ziel für den Menschen der gegenwärtigen Moderne, in der die Konsum-, Digital- sowie die fiskalen Kulturen und Konjunkturen äußerst komplexe Bewältigungsmanöver verlangen und so etwas wie eine "Sinngesellschaft" (Norbert Bolz) häufig weniger als homogene, sondern vielmehr als disparate Wand vor uns zu stehen scheint.

Nicht die klare Vision steht vor Augen, sondern das polychrome Leuchtfeuer der "Innovationsmoderne" raubt uns den Blick für die notwendigen Einfältigkeiten.

Oft fehlen die Leuchttürme mit klaren Signalen. Und auch menschliche Exempel (Schwarm/Liebling/Idol) lassen sich oft nicht gerade leicht ausfindig machen. Doch gewiss lohnt es, sich nach solchen wegweisenden Haltepunkten und uns anspornenden Menschen umzusehen, die oft mehr Bildung, Korrektur, Erneuerung und Erleuchtung bewirken können als noch so viele Seminarbesuche.

In der Tat kann es oft sehr hilfreich sein, bei den Meistern vergangener und heutiger Zeiten nachzuschauen: bei Menschen, die als Vorbilder dienen und die andere dazu animieren, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, es mit Leidenschaft und Kompetenz zu gestalten und nicht aufzugeben bevor man den nächsten und immer wieder den nächsten Lernschritt zu gehen bereit ist.

Insofern stimmt das Beaumot von Michael Jackson: "The greatest education in the world is watching the masters at work."


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößern sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.

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