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Digital Natives und Digital Universities

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CINEMA BOOK
Izaokas Sapiro via Getty Images
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Das Dorf digitaler Einwohner ist ein globales. Und die Freiheit besteht zum Großteil darin, sich der Winzigkeit dieses Dorfes bewusst zu sein; denn wer sich etwa in Neuseeland anmeldet und online chattet, kann sich mit Kalkutta, Kensington und Toronto parallel unterhalten, ohne den Globus auch nur einen Zentimeter außerhalb der eigenen Hemisphäre bereist zu haben.
Dieses Phänomen der "digitalen Ubiquität" ist ein grandioser Vorzug der schier endlos vernetzt-verdrahteten Weltsphäre, in der es immer mehr zum Sport wird, sich jenseit der digitalen Fußspuren und Nachlässe zu bewegen und Räume digitaler Absenz zu erobern. Digital detox lässt grüßen!

Auch die Bildungslokalitäten haben sich geändert.
War ich im ersten Semester an der Universität Mainz noch jeden Tag drei Stunden gependelt (von Worms nach Mainz und zurück - per pedes, Fahrrad und Zug), so "pendeln" die digital natives der heutigen Kultur und Education-Epoche querbeet durch die Ted-Talk-Szenarien und Online-Vorlesungen der weltweiten Lerngemeinschaft. Die digitale Personalisierung schreitet voran, mit vielen neuen Kommunikationsprozessen zwischen den Teilnehmern, etwa bei den MOOCs (Massive Open Online Courses).

Sebastian Thrun hat mit Udacity die weltweit erste virtuelle Universität gegründet. Sein Ziel: Bildung kostenlos für jeden jederzeit jedenorts verfügbar und damit Wissen allenorts erfahrbar zu machen. Eine Revolution ungeahnten Ausmaßes geht damit einher!

Wie werden wir morgen lernen?
Wohl mehr und mehr im "digitalen Klassenraum", der eher eine Art pelegrines Dorf der Wissenspilger darstellt denn eine distributive Wissenseinbahnstraße herkömmlicher edukativer Strategie-Methoden.

Künftig werden Schüler sich selbst anschauen/anhören/raussuchen, was sie brauchen und lernen wollen. Der Lernwille ist sicher nach wie vor der Motor im Spiel des Wissens/Lernens, aber auch die Fähigkeit, flexibel mit den Angeboten der Wissensforen umzugehen, gewinnt an Gewicht. Insofern wird die Verknüpfungsintelligenz ein wichtiger Baustein für den Wissenserwerb und Lernerfolg sein; mehr als je zuvor. Und innovative Lernsoftware wird es immer einfacher machen, Aktuelles aktuell zu halten und Wissensdynamiken wirklichkeitsaffin abzubilden.

Jörg Dräger hat mit seinem Opus "Die digitale Bildungsrevolution" gewiss einen Meilenstein markiert.
Und in Zeiten des sog. EDTECH ("Education Technology") scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann die digital natives nicht nur das Lebensskript durchdigitalisieren, sondern auch im Rahmen der digital universities die komplette Bildungsbiografie durchtakten - als eine Welt der digitalen Kapitalströme, die sich zwischen den Wissensreservoires der Vergangenheit und den Innovationsgründen digitaler Deutekünstler anbrechender Zeiten bewegen.

Bei alledem bewegen wir uns zwischen der Skylla der Datenschutzprobleme einerseits und der Charybdis der subtilen Choreographieprogramme der großen Medienkonzerne. Die Freiheit des Denkens und ehrlicher Wahrheitssuche stellt hier eine bleibende Verpflichtung und stete Aufgabe dar.
Dabei darf es auch durchaus holistisch zugehen; ganz im Sinne Wilhelm von Humboldts: "Bildung bedeutet die Anregung aller Kräfte eines Menschen."

Lars Ricken, der frühere Profikicker und heutige Jugendkoordinator der Borussia aus Dortmund, notiert denn auch: "Jugendliche brauchen, um vorbildlich zu denken und zu handeln, auch sprachliche, ästhetische, moralische und sportliche Bildung. Dazu gehören Respekt, Gerechtigkeit, Toleranz plus Wissen über Hygiene und Ernährung."

Wissen und Werte gilt es neu zu fokussieren in "zeitlosen Zeiten", die scheinbar dem digitalen Drive zum Opfer fallen. Das "Betriebssystem Mensch" braucht in seiner Lernerfahrung diesen doppelten Antrieb: das Erkennen, Erleben und Entwickeln von Werten einerseits und das Akquirieren einer Wahrnehmungskompetenz, die zum Leben befähigendes Reflektieren, Denken, Interagieren und Wissen verbinden kann und auch zur Anwendung zu führen imstande ist, andererseits. In dieser Dialektik bleibt auch der homo digitalis auf dem Weg zwischen Reflexions- und Realisierungs-Welten.

Der homo hierarchicus hat ausgedient: es lebe der Kampf der Neuankömmlinge an den Küsten der entgrenzten Wissensmonopole und akademisch-edukativen Binnenhorizonten. Die Wissensökonomie der Zukunft scheint gerade ihre Morgenröte zu erleben, sie vibriert in statu nascendi.

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