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Die Freiheit der Wahrheit und das Verkorkste der Finsternis

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SAD LOVE
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Dunkelheit lässt den Blick trüb, die Hoffnung kalt und die Seele ängstlich werden.
Viele Menschen, denen ich in Seelsorge, Coaching und Gemeindeprozessen begegnet bin, haben von Erfahrungen des „Bösen", der „Finsternis", der manipulativen Beeinflussung berichtet, die sie in die Falle von Resignation und Angst gelockt haben.

Manche dieser Personen haben sich bewusst abgewendet von dieser Finsterniswirklichkeit und sich dem Licht des Glaubens und der Liebe zugewandt.

Hybris lässt die Psyche kentern

Es gibt bekehrte Christen, die führen zwar Gott geschwind im Munde, basteln aber parallel dazu schnurstracks-behände an falschen, unguten Beziehungen, krankhaft-manipulativen Verabredungen und Vorhaben, seltsamen (willentlich zugelassenen) Fremdbemächtigungen und mentalen Mustern ihres Lebens emsig sowie geradezu akribisch-manisch weiter. Ohne die geringste Einsicht in die eigentlich vorausschaubare Verlustrechnung und nachhaltige Untergrabung eigener Integrität. Dies geht meist einher mit einer rebellisch-hybrishaften Abkehr von rationaler Behutsamkeit, Beherrschtheit und logischer Nachvollziehbarkeit. Aspekte, die das Leben oft mit einer äußerst wichtigen „Zaunfunktion" ausstatten.

Nicht selten gehen diese Einlassungen aufs Böse (und oft hysterisch-hektisch-fahl schön Geredete) ganz direkt einher mit einem hohen und geradezu exorbitanten Einsatz an Selbstüberredungskünsten und mit (von außen doch) allzu offensichtlich fadenscheinigsten (um nicht zu sagen: dekadent-törichten!) Argumenten und Finten, die man sich nur irgend denken kann.

Viele der Christen, die ich in meinem Leben beobachtet habe, waren gerade nach extremen Erneuerungs- und Bekehrungserlebnissen nichts weniger als „gedopte Geistwesen", die geradezu „über der Realität" schwebten, erkrankt mit dem Virus der Wirklichkeits-Entfremdung. Eine Art „spirituelle Alienationspause" vom realen Wirklichkeitssinn.

Dies war oft die Vorhut von recht massiven Abstürzen und mentalen Desolatlagen, ferner von Einwilligungen in massiv sündige Ekstasen und ekelhafte Verhaltensmanöver.

Wieder andere sprangen von einem Heilungs-, Segnungs-, Fasten- und Spiritualitätshappening zum anderen und verkosteten äußerste Peak-Erlebnisse, die in aller Regel einen dauerhaften Crashtest im Alltag nicht bestanden, geschweige denn ihrer Sehnsucht nach einem „Ankommen in der realen, geerdet-guten Welt Gottes" wirklich Nahrung boten.

Schiffbrüche aus fälschlich angemaßter Verantwortung für andere

Die kuriosesten Geschichten allerdings schrieben in aller Regel jene Menschen, die so manchen Visionen, „Geisteuphorien" und Prophetien gefolgt sind und dabei nicht selten die wohl traurigsten lebensweltlichen - und leicht voraussehbaren -„Schiffbrüche" erlebt haben.

Aber warnen oder aufhalten lassen sich solche geistlich motivierten Finsternisfokussierten in aller Regel nicht. Da hilft auch kein Rufen, Drohen, Bitten oder Mahnen.

„Prüfet alles, das Gute behaltet!" - eine schöne biblische Maxime.

Und sie ist ein guter Gegenimpuls zu den seltsam-agilen Verworrenheitsspielen von Seelen, die sich aus falscher Gewissenhaftigkeit und fehlgeleitetem Verantwortungsempfinden (meist mit "herrlichen" Ausreden gespickt) für jeden, der ja „irgendwie durch mich zu Christus finden könnte", in einen ach so endlos geistlichen Kokon der „Selbstbefriedigung durch Sich-Verströmen" einspinnen. Der Glitzerstaub geistlicher Idiotie schmerzt schon von Weitem!

Schönrednerische Euphorie

Zum Kotzen regelrecht wurde mir, als ich merkte, dass Menschen, die ich nach bestem Wissen und Gewissen gecoacht hatte, mürrisch-abweisend und geradezu gemein wie rebellisch sowie mit einem hybrishaften Binnenblick ihrer falschen Überzeugung folgten und sich so auf Menschen oder Dinge kaprizierten und einließen, die von vornherein dekadent und böse waren, aber euphorisch mit verhärtetem und geradezu gehörlosem Herzen schöngeredet und in den Himmel hoch gepriesen wurden. Vor allem nervt es mich bis heute wahnsinnig, wenn scheinbar geistliche Menschen guten Rat mit beiden Füßen treten.

Dass solche Menschen als verrückt erscheinen, ist schnell einzusehen.

Leider sieht man in fromm-geistlichen Gemeindekontexten - und besonders in den super-frommen, charismatisch und pfingstlerisch codierten - häufig, dass Menschen das Goldstück, das man ihnen an Offenheit, Ehrlichkeit und Treue, auch an konkret begegnenden Menschen, Erfahrungen und Wertschätzung angeboten hat, rebellisch-erbost töricht - und in gewisser Weise höhnisch-verhöhnend-verachtungsvoll - in den Dreck geschleudert haben, um das für sie bekannte Stück Dreck so zu polieren, damit daraus doch - bitteschön! - Gold werden möge.

Diese Form von ungeistlicher Hybris hat mich nicht selten dermaßen auf die Palme gebracht, dass ich in den psycholabilen Kontexten extremer Bekehrungsfrömmigkeit (und deren mittleren und späten) Nachwirkungen häufig nichts weniger erkennen konnte als eine durchaus schön aufgehübschte „teufliche Wahrheit", die alles andere als der „Freiheit der Kinder Gottes" diente.

Die Wahrheit macht frei

Jesus sagte: „Die Wahrheit wird euch frei machen ..."

Menschen, die in dieser Wahrheit miteinander umgehen, haben Zukunft und Hoffnung. Und wer sich diesem Licht der Freiheit anschließt, kommt aus den Verkrümmungen, Selbstkomplexen, Ängsten, Fehlhaltungen und Verklemmtheiten des eigenen Herzens heraus.

Nächtens stand ich kürzlich mit einer Freundin am Lutherdenkmal in Worms, und wir sahen neben dem Reformator ein Relief:

Katharina von Bora und Martinus Luther heiraten - als rebellischer Akt gegen das Papsttum: der Wormser bzw. Wittenberger Rebell wollte dem Popen zu Rom „eine reinwürgen", um ein Zeichen zu setzen: die Priesterehe zwischen dem Revoluzzer und der rebellischen Nonne. Eine Art Slapstick der Geschichte und gewiss eine glückliche Ehe, die im Licht des Evangeliums die Vorgaben der Kurie und der monastischen Welt konterkarierte.

Derart sind die Freiheitsspiele der Wahrheit, dass sie sich darüber hinwegsetzen, was falsche und wirklichkeitsfremde Regularien Menschen auferlegen.

„Die Wahrheit wird euch frei machen ..." Die Wahrheit, die wir vor Gott erkennen und die sich in seinem Wort kundtut.

So sagt der Psalmist: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege." (Ps 119,105)

Licht-Forum Wahrheit

Diese Wahrheit ist ein Licht-Forum, Ort Gottes, Ort der Weisheit und der Liebe, der Zuneigung, der Herzensgüte, befreiten Lachens und einer echten, stimmigen Zugewandtheit. Ob diese nun anerkannt, bekämpft, abgelehnt oder in törichter Absicht in die Schranken gewiesen wird.

„Lebt im Licht!" - eine schöne neutestamentliche Aufforderung. Kontrastmittel gegen den Umgang mit Finsterniskulturen, die uns nur zu Boden ziehen und uns dem Leblosen trauen machen statt auf die Herztöne des Geistes beherzt, achtsam und konstant zu lauschen.

„Lebt im Licht!" - und man ist geneigt zu ergänzen: und nicht im leblosen Blick auf die konturlose „Schrankwand" der Finsternis.

Finsternis macht krank und zermürbt uns. Trotz allen Schönredens.

Das Leben im Lichte Jesu und des Geistes befreit zum aktiven Tun der Freiheit und lässt sich nicht von den Einflüsterungen falscher Gewissens"offenbarungen" ködern, um weiterhin in den bekannten düsteren Gefilden zu leben. Wer das Böse tun will, sollte sich nicht geistlich gerieren; wer geistlich ist, dem Bösen Tür und Tor verwehren.

Wer den maroden Anwandlungen des Geistes des „alten Menschen" (Paulus) folgt, der macht aus einer falschen Form der Psychohygiene heraus Fehler, die das Leben auf sehr negative Weise aus den Angeln heben und in morastreiche Gefilde der Unfreiheit bugsieren können.

Notabene zu Luther und seiner Käthe: den vom Reformator hochgeliebten Galaterbrief nannte er einmal seine "Katharina von Bora". Seine Liebe und Leidenschaft galt dem geschätzten Evangelium im Paulusbrief genauso wie seinem von Gott ihm zur Seite gestellten lebensweltlichen "Schatz" und Gegenüber Käthe.

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