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Bildungsmarathon: Der lange Weg in die akademische Einsamkeit

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Hill Street Studios via Getty Images
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Ein Marathonläufer hat in der Regel lange trainiert und kann die Früchte des Trainings ernten, wenn er im Wettkampf seine Klasse unter Beweis stellt und die geballte Power abruft.

Alles muss zusammenstimmen, um "aufs Treppchen" zu kommen: die richtigen Schuhe, Stimmung und Einstellung, die Bereitschaft zu "beißen", der "Competition Spirit" und, last but not least: der eiserne Wille, bis zum Ziel durchzuhalten. Vorne an der Spitze wird es im Lauf dann meist sehr schnell einsam: der Weizen trennt sich von der Spreu, und häufig sind nur wenige Topperformer fähig, einen Marathon in vorderster Reihe untereinander auszutragen. Ganz zu schweigen vom Ultramarathon oder den Alpenformaten des Marathons.

Der akademische Marathon

Auch die akademische "Langstrecke" vom Bachelor über den Master bis zur Promotion oder gar zur Habilitation, dem Olymp unter den akademischen Qualifikationstrails, all dies kann einsam machen. Und ich habe nicht wenige Wissenschaftler erlebt, die auf diesem akademischen Marathon eine enorme Einsamkeit und Sozialabstinenz durchgemacht oder sich bewusst dafür entschieden haben.

Wer einen Ruf auf einen Lehrstuhl bekommt, der hat meist viele tausend Stunden gelesen und geschrieben, um an diese Stelle zu gelangen. Dass Privates und Persönliches, Lebensbalance, Charakterbildung und Sozialvernetzung dabei nicht selten leiden, ist zwar allseits bekannt, aber kaum ernsthaft als Problem notiert.

Dass das Land der Dichter und Denker zwar einerseits viel Geld in die sog. universitäre Infrastruktur und so manche Denkfabrik, in so manchen Think Tank steckt, all dies kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass so etwas wie Charakterbildung, Schulung eines wachen Geistes und die Ausbildung von vorbildlichen Verhaltensmustern kaum auf der Agenda auf dem "Weg in die Einsamkeit" stehen.

Vielmehr gilt als cool und erfolgreich, wer zwar sein Privatleben oft bis zum Anschlag ruiniert, aber bereits fünfzig oder mehr Publikationen vorweist und ständig auf Kongresstour zwischen Hongkong, Südafrika und Rio steckt, ergänzend die ein oder andere Herausgeberschaft auf seiner Vita stehen hat.

Bessere Lebensbalance und Wissensqualität

Wäre es nicht an der Zeit, diesen akademischen Marathon neu zu beschreiben und bessere Zwischenstationen einzuflechten, die moralische Integrität, Lebensbalance, Wissensqualität und denkerische Präzision grosso modo und konkret fördern, dabei das Menschsein als die Kernqualität aller Wissenschaft in den Fokus rücken?

Wäre es nicht an der Zeit, endlich Schluss zu machen mit der fast schon peinlichen Verneigung vor den akademisch Einsamen auf dem Olymp der Denkerhierarchie und eine neue Ordnung der Werte, der zum Leben ertüchtigenden Wichtigkeiten und der Würde des Intellektuellenmarathons einzufordern?

Als einem, der den Wissenschaftszirkus in diversen Ländern erlebt, mit geprägt und seine Schlüsse daraus gezogen hat scheint es mir an der Zeit, für einen neuen Modus des wissenschaftlichen Aufstiegs einzustehen; einem Aufstieg, der nicht das Wissen und die Wissenschaftler vergöttert, sondern der Menschen in ihren Wissenswolken begleitet und den Weg zu mehr Menschlichkeit, gesellschaftlich relevantem Miteinander und dem Mut zur konkreten hilfreichen Tat weist?

Die Lex nova eines ehrlichen wissenschaftlichen Laufs müsste lauten: Fördert den Menschen mit seinem und in seinem Wissen, versteckt nicht den Erfolg in den Einsamkeitsgefilden einer weltfremden Wissenschaftlichkeit, einer Wertejenseitigkeit und einem sozialabstinenten Forscherkongregationalismus, der ohne jede Konkretion auskommt.

F.D.E. Schleiermacher mit seinem Hinweis darauf, dass Religion Sinn und Geschmack für das Unendliche bedeutet, hat vielleicht ein wahres Wort für alle Weisen des wissenschaftlichen Diskurses gesprochen: Nicht im einsamen Gipfelerlebnis kumuliert die Wissenschaftlerkarriere, sondern sie gewinnt dort an Fahrt, Gewicht und Momentum, wo sie die Sinne schärft und Menschen etwas schmecken von dem, was alles Sichtbare, alle Macht, alles Geld übersteigt: der Horizont jenseits der Habseligkeiten unserer Zeit.

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