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Ästhetik - oder die Kraft der Ermutigung

02/12/2017 15:03 CET | Aktualisiert 02/12/2017 15:03 CET
joe daniel price via Getty Images

Ästhetik ist die Wissenschaft vom sinnlichen Spiel freier Bewegungen.

Der Bewegung des Wahrnehmens, der Erkenntnis, des Rezipierens im umfänglichen Sinne.

Im Ästhetischen sind wir als denkfühlende Wesen zu Hause.

Wie Nietzsche von der „Leibvernunft" sprach, so wäre es in der heutigen Zeit wichtig, nicht nur im Politischen, sondern auch im Privaten diese Kraft der leibsinnlichen Vernünftigkeit wieder einzufordern.

Denn Menschen, die in Fake-News-Welten ihr Leben begreifen und führen müssen, bräuchten die Rückkehr zu einem genuinen Spüren, Fühlen, „sinnlichen Erleben", das sich nicht durch Außenimpulse korrumpieren lässt.

Eine solche Rückkehr bzw. Einkehr in die Zone des genuinen Fühlens wäre letztlich auch eine Art „religiöser Akt".

Denn - mit F.D.E. Schleiermacher gesprochen - die „Frömmigkeit ist weder ein Wissen noch ein Tun, sondern eine Bestimmtheit des Gefühls oder des unmittelbaren Selbstbewusstseins." Echte Frömmigkeit zielt auf ein Gestimmtsein durch Gott, sie mündet in ein Finden der eigenen Stimme durch das Angesprochen-Sein und Gemeint-Sein durch den Ursprung unserer Existenz, unseres Vermögens; auch unserer sinnlichen Wirklichkeit, Willenskraft und Wesenhaftigkeit.

„Ist nicht unser ästhetischer Sinn das einzige, wahre Ewige in uns?" (Sophie Mereau)

Wie der Religionsphilosoph Rudolf Otto vor hundert Jahren das Religiöse als Ambivalenzerfahrung zwischen dem Mysterium tremendum („Erzittern vor dem Heiligen") und dem Mysterium fascinosum („Das Staunen angesichts des Ewigen") skizziert hat, so ist der wirklich Fühlende oft nahe dran, dem Geheimnis, das Gott ist, mit Verve und voller Leidenschaft zu folgen. Wer sein Innerstes entdeckt, kommt dem Schatz des Lebens, seiner ursprünglichen Rhythmik näher. Diese Spur kann zutiefst ermutigen, befreien, euphorisieren, bewegen und Sinn stiften.

Letztlich ist Ästhetik als "Anleitung zum Staunen" eine Disziplin, die über das Welthafte und Gestalthafte hinausgeht, hinausblickt. Durchaus im prophetischen Sinne. "Für die Propheten ist Staunen eine Denkweise. Es ist nicht der Anfang des Wissens, sondern ein Akt, der über das Wissen hinausgeht; es hört nicht auf mit dem Erwerb des Wissens, es ist eine ständige Geisteshaltung. Für das radikale Staunen des Menschen gibt es keine Antwort in der Welt." (A. J. Heschel)

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