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Der größte Umbruch der industriellen Produktionsgeschichte steht bevor

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Colin Anderson via Getty Images
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150 Jahre nach der ersten Industriellen Revolution stehen wir nun an der Schwelle zu einer Zeitenwende in der Produktion, der sogenannten Industrie 4.0. Die sich daraus ergebenden Umwälzungen werden dramatische Auswirkungen auf unser Arbeitsleben haben - bietet aber eine Zukunft für den Produktionsstandort Deutschland und Chancen für die Beschäftigten.

Die Fabrik der Zukunft kommt vollständig ohne Menschen aus. Roboter fahren scheinbar chaotisch durch die Fabrikhalle - von einer Maschine zur nächsten, völlig autonom.
So sieht eine Vision der nächsten Industriellen Revolution aus, die unter dem Begriff „Industrie 4.0" zusammengefasst wird. Also die vollständige digitale, intelligente Vernetzung der Wertschöpfungskette eines Produktes - vom Kunden, über den Produktionsbetrieb bis hin zu Dienstleistern und Zulieferern.

Heimische Produktion

Dies bedeutet nichts anderes als die Abkehr von der uns bekannten Massenfertigung. Denn die Roboter in der Zukunftsfabrik können noch mehr: sie kommunizieren miteinander. Und genau hier liegt auch der Unterschied zur heutigen, weit fortgeschrittenen Automatisierung. Sie holen neue Werkstücke ab, suchen und buchen selbständig Kapazitäten für den nächsten Produktionsschritt, ordern notwendige Teile (bei Bedarf auch beim vernetzten Zulieferer) und bringen alles zum Bestimmungsort zur Weiterverarbeitung.

Zusätzlich weiß jedes beteiligte Gerät genau, welche individuellen Wünsche der Kunde angegeben hat und meldet diesem sogar eventuell auftretende Verzögerungen. Gleichzeitig hat der Kunde jederzeit Einblick in den aktuellen Stand seiner Bestellung und kann auch noch während der Produktion Änderungen veranlassen.

Die Umstellung auf diese Art der Produktion ist natürlich ein langwieriger Prozess, und erfolgt nicht von heute auf morgen. Aber bereits in etwa 15 Jahren wird sie die prägende Art sein, etwas herzustellen. Dadurch ist es für Unternehmen hier in Deutschland möglich, im steigenden globalen Wettbewerbsdruck die Produktion kostengünstiger und vor allem flexibler zu gestalten. Industrie 4.0 wird ein Garant, dass der Produktionsstandort Deutschland erhalten bleiben kann.

Mitarbeiter müssen sich umstellen

Zwar sind die meisten Arbeitsplätze in der Fertigung bereits heute automatisiert, die Technologien hinter Industrie 4.0 gehen aber noch einen großen Schritt weiter. Das obige Beispiel ist dabei natürlich deutlich überspitzt formuliert. Es wird keineswegs zu menschenleeren Fabrikhallen führen, denn die Systeme können und werden nie vollständig autonom funktionieren. Arbeitskraft, aber auch das Wissen und Erfahrung der Mitarbeiter werden in Zukunft weiterhin in allen Bereichen benötigt.

Doch deren Einsatz wird sich deutlich ändern: Menschen werden keine manuelle oder sich ständig wiederholenden Arbeitsschritte mehr tätigen oder für einen Produktionsschritt und eine Maschine zuständig sein. Stattdessen werden sie den gesamten Ablauf - von Produktionsbeginn bis Auslieferung - begleiten.

Für die Beteiligten hat dies viele Vorteile. Monotone Arbeiten fallen für sie weg und sie sind nicht mehr auf starre Schichtzeiten angewiesen. Denn mit den neuen Möglichkeiten richtet sich nicht mehr der Mensch an den festen Arbeitsprozess, sondern dieser an die individuellen und zur Not auch kurzfristigen Anforderungen des Menschen. Das bringt zum Beispiel flexiblere Arbeitszeiten mit sich und somit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Allerdings bedeutet es auch, dass Mitarbeiter mehr Kompetenzen benötigen und höhere Qualifikationen, als die, für welche sie ausgebildet wurden. Gleichzeitig müssen sie schnell und flexibel auf neue Situationen reagieren können. Denn diese Art der Arbeit erfordert es, während des gesamten Prozesses Entscheidungen zu treffen.
Gute Chancen haben daher Spezialisten, die Steuerungs- und Organisationssysteme entwickeln und unterhalten.

Niemanden zurücklassen

Doch trotz Qualifizierung und Weiterbildung bleibt die Problematik, dass gerade ältere Mitarbeiter - also keine Digitale Natives - auf dem Arbeitsmarkt abgehängt und an den Rand gedrängt werden. Denn die Verzahnung zwischen der digitalen und der Maschinenwelt erfordert nicht nur mechanisches Wissen, sondern auch Kenntnisse im digitalen und Softwarebereich. Dies kann zwar durch technische Hilfsmittel, wie Tablets oder Wearables, unterstützt werden, erfordert jedoch auch ein tiefes Verständnis für die Systeme.

Allerdings gab es diese Ängste bereits bei der letzten Umstellung der Produktionssysteme, der Computerisierung. Auch damals wurde die Anpassungsfähigkeit von Fachkräften unterschätzt - eine Massenarbeitslosigkeit unter älteren Fachkräften stellte sich auch damals nicht ein.

Anschluss nicht verlieren

Viele Länder arbeiten bereits an der Industrie 4.0 und sind teilweise schon weiter als wir. Daher ist nun schnelles Handeln aller Akteure in Wirtschaft, Forschung und Politik Pflicht, um den Produktionsstandort Deutschland zu sichern und auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Es wird natürlich noch Zeit benötigen, bis die Technik und die Prozesse in den Unternehmen sowie die Zusammenarbeit mit den Lieferanten eine funktionierende Einheit bilden.

Der Weg dahin ist jedoch bereits beschritten. Mitarbeitern wird dabei zwar ebenfalls viel abverlangt, die Vorteile werden jedoch langfristig überwiegen. Denn die nächste industrielle Revolution ist im vollen Gange, mit oder ohne uns.

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