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Faktencheck: Wird Deutschland islamisiert?

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ZUWANDERUNG
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Die "patriotischen Europäer" der Pegida gehen gegen eine "Islamisierung des Abendlandes" auf die Straße. "Islamisierung" bedeutet die Vorstellung, dass der Islam die Welt erobere und ähnlich der Katholischen Kirche in der Vergangenheit versuche, zu missionieren und regelrechte Kreuzzüge - "Dschihads" wie sie genannt werden - durchzuführen, um speziell in der westlichen Welt den muslimischen Glauben zu etablieren.

Forderungen, Weihnachtsmärkte oder St. Martinsumzüge religionsneutral umzuformulieren, sehen sie als Beweis für den schleichenden Einfluss "des Islams" in Deutschland anstatt für Säkularisierung. Doch was ist dran an den Befürchtungen?


"Der Islam" ist keine homogene Bewegung mit einem festen Ziel

So etwas wie "den einen Islam" gibt es nicht. Der Islam ist ein zusammenfassender Begriff für alle muslimischen Religionen, genau wie "das Christentum" für alle christlichen. Genau wie bei Katholiken, Protestanten oder orthodoxen Christen kann man auch im Islam zum Beispiel Shiiten, Sunniten oder Ibaditen unterscheiden, die verschiedene Interpretationen der Lehre des Korans vertreten.

Es gibt einige Muslime, wie die Mitglieder von Al Qaida oder des IS, die tatsächlich einen "Heiligen Krieg" führen wollen und die ganze Welt dem Islam unterwerfen - doch ein Großteil der weltweiten Muslime distanziert sich von solchen Aussagen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilt die Terrorakte des IS zum Beispiel scharf und setzt sich für Religionsfreiheit ein.

Pauschal allen Muslimen Sympathie zu Terroristen oder Salafisten vorzuwerfen, ist unfair und falsch. Ansichten und Taten von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern oder Kreationisten werden ja auch nicht allen Christen vorgehalten.


Der Islam ist keine gewalttätige Religion

Der Islam ruft nicht mehr zu Gewalt auf als andere Religionen. Im Koran können ebenso wie in der Bibel Passagen gefunden werden, die Krieg und Mord legitimieren, aber auch Aussagen, die Selbiges verurteilen. Wie in allen schriftbasierten Religionen ist dies alles Auslegungssache.

Auch der Begriff des "Dschihad" ist mit "heiliger Krieg" falsch übersetzt. Etymologisch bedeutet er eher: Mit maximaler Anstrengung mit einer guten Tat auf den Weg Gottes gelangen. Was dies konkret bedeutet, ist wieder der Interpretation überlassen. Selbst Religionsfreiheit wird vorgeschrieben: "Es gibt keinen Zwang in der Religion" (Sure 2:256). Daran hielten sich auch mittelalterliche Eroberer.

Auch sind historische Eroberungskriege und Reiche islamischer Herrscher kein Indiz für eine höhere Bereitschaft, Kriege zu führen. Betrachtet man die Geschichte christlicher Staaten, so gibt es eine Vielzahl an Kreuzzügen und religiös motivierten Kriegen, die auch oft von den religiösen Führern ausgerufen worden sind: Wie zum Beispiel dem Papst der Katholischen Kirche.


Muslime sind keine Mehrheit - Und werden es auch in Zukunft nicht sein

Ipsos Mori führte eine Umfrage durch, die die Bevölkerung darum bat, zu schätzen, wie groß der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland sei. Sie schätzten 19%. Dabei sind es weitaus weniger: Lediglich 5% oder 6%. Bis 2030 können es noch 7% werden. Von Mehrheiten ist man also noch weit entfernt.

Der Anteil der Atheisten ist definitiv höher: Man schätzt es sind zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Bevölkerung. Die Zahl der Salafisten ist sogar verschwindend gering: Dem Verfassungsschutz zufolge lebten 2013 nur 5500 Salafisten in Deutschland. Das sind 0,15% aller in Deutschland lebenden Muslime.

Selbst wenn die Anzahl der Muslime in Deutschland größer wäre: Was wäre daran verwerflich? In Deutschland gibt es eine verfassungsmäßige Trennung von Staat und Kirche und Religionsfreiheit.

Es spielt keine Rolle, welcher Glaubensrichtung ein Bürger angehört, zumal ein Großteil der hier lebenden Muslime sowieso säkular eingestellt ist. Genau wie bei den anderen großen Religionen auch.


Die Fertilitätsrate muslimischer Frauen ist nicht viel höher als in bei anderen deutschen Frauen

Es geht ebenfalls der Mythos um, dass muslimische Frauen in Frankreich im Durchschnitt 8.1 Kinder hätten. Thilo Sarrazin argumentiert so ähnlich. Diese Geburtenrate wird dann gerne auch für andere Länder verwendet.

Zum einen ist dies eine völlig frei erfundene Zahl, da Frankreich prinzipiell keine Statistiken anstellt, in welcher die Bevölkerung nach Religionsangehörigkeit kategorisiert wird. Somit gibt es überhaupt keine nachweisbaren Zahlen dazu.

Zum anderen spricht einiges dagegen, dass die wahre Geburtenrate auch nur annähernd so hoch ist: Ein Schnitt von 8.1 Kindern ist schier unmöglich. Damit wäre diese nämlich höher als in den Ländern mit den höchsten Geburtenraten der Welt (die höchste ist Niger mit ungefähr 7). Jedoch auch wenn Personengruppen mit höheren Geburtenraten einwandern, gleicht sich das mit den Generationen nach unten an.

Das Social Science Research Network veröffentlicht dazu eine in Deutschland durchgeführte Studie, die besagt, dass der Einfluss der Fertilitätsrate im Herkunftsland der Migrantinnen nur für die erste Generation von größerer Bedeutung ist und danach immer schwächer wird.

Sie wirkt sich darüber hinaus auch stärker bei Frauen mit niedrigem Bildungsgrad aus, sowie bei Frauen, die mit einem Partner leben, der aus dem gleichen Herkunftsland stammt. Die Fertilitätsraten aus den Herkunftsländern liegen jedoch im Schnitt bei 2,16.

Zu guter Letzt sei noch hinzugefügt, dass unabhängig davon, wie die Zahlen in Frankreich aussehen, diese nichts mit der Situation in Deutschland gemein haben können. Die Zahlen für Deutschland: 63,2% der Muslime in Deutschland sind ursprünglich türkischer Herkunft. Die Fertilitätsrate in der Türkei beträgt Stand 2012 2,01.

Damit ist sie in der Tat leicht größer als der deutsche Schnitt von 1,3. Doch Deutschland hat eine der niedrigsten Fertilitätsraten der Welt, also ist es logisch, dass Herkunftsländer von Einwanderern zwangsläufig höhere Raten haben. Doch da Deutschland mit dieser Entwicklung schrumpft, ist es auf Zuwanderung angewiesen, um seine Bevölkerungszahl zu halten.


Auch wenn der Anteil der Moslems weiter wächst, wird Deutschland nicht zu einem Islamischen Staat

Die höhere Fertilitätsrate zusammen mit Migranten und Flüchtlingen aus vielen islamischen Ländern wird von Kritikern gerne als Indiz hergenommen, dass "bald" (manche sprechen von konkreten Jahren wie 2050 oder 2070) die Mehrheit der deutschen Bevölkerung muslimisch sein wird.

Erstens stimmen die Prämissen dieser Prognose nicht, wie beispielsweise eine dramatisch höhere Fertilitätsrate muslimischer Frauen oder dass diese in den kommenden Generationen ähnlich hoch bleiben wird (siehe oben).

Zweitens ist es falsch, aus den derzeitigen Zahlen eine weit in die Zukunft reichende Prognose bis ins Jahr 2050 oder 2070 abzuleiten. Der gezogene Schluss, dass die Mehrheit der Bevölkerung in naher oder ferner Zukunft muslimischen Glaubens sein wird, übersieht viele entscheidende Faktoren, die ebenfalls zur Bevölkerungszusammensetzung nach Glauben eine Rolle spielen.

Wie zum Beispiel die fortschreitende Säkularisierung oder die Entwicklungen anderer Religionen oder der Anzahl der Atheisten. Hier wird wieder eine vereinfachte Argumentationsstruktur angewendet, die dieser künstlichen, simplen Kausalkette nach einfach falsch ist. Abgesehen davon ist es unmöglich, aussagekräftige Prognosen für Szenerien in 40 oder 60 Jahren zu treffen.

Zu Letzt muss festgestellt werden, dass aus einer Bevölkerung, die zum Großteil muslimischen Glaubens ist, nicht automatisch ein "Islamischer Staat" wird. Mit "Islamischer Staat" werden die Vorstellungen einer islamischen Theokratie verbunden. Doch eine religiöse Bevölkerungsmehrheit macht einen Staat nicht zu einer Theokratie:

In Deutschland sind 62% der Bevölkerung christlichen Glaubens. Doch obwohl es keinen perfekten Laizismus in Deutschland gibt, so ist nach Artikel 140 des Grundgesetzes neben Religionsfreiheit die weltanschauliche Neutralität des Staates gewahrt. Niemand spricht von Deutschland als einen "christlichen Staat".

Aber auch eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung wäre nichts Verachtenswertes, auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist, dass es in den nächsten 50 Jahren oder überhaupt jemals dazu kommt. Denn mit der religiösen Ausrichtung der Bevölkerung ändern sich nicht die Prinzipien von Rechtsstaat oder die Staats- oder Wirtschaftsform.

Die Sorgen um einen "Verfall" gesellschaftlicher Werte sind auch nicht nachvollziehbar. Denn wie bereits gesagt, gibt es keine speziell "islamischen" Werte, lediglich konservative oder liberale. Diese sind nicht minder erstrebenswert als der schwammige Begriff der "christlichen" oder "westlichen" Werte. Auch haben sich gesellschaftliche Werte in 50 Jahren natürlicherweise sowieso stark gewandelt, was eine ganz normale Entwicklung und auch begrüßenswert ist.

Diese Kritik speist sich somit aus dem eigenen Konservatismus und wendet sich gegen einen islamischen Konservatismus.


Der Islam ist keine rückständige Kultur

Bevor auf dieses Argument eingegangen wird, muss festgehalten werden, dass "der Islam" keine Kultur darstellt. Der Islam ist lediglich eine Religion. Nach Huntington wird es nur einen islamischen Kulturkreis geben, dieser ist jedoch nicht deckungsgleich mit dem Gebiet, in dem der islamische Glauben verbreitet ist.

Insbesondere im hinduistischen Kulturkreis sowie in Europa, das zur westlichen Zivilisation gehört, spielt der Islam eine Rolle. Auf diese falsche Vorstellung wird im Folgenden jedoch trotzdem Bezug genommen:

Vor allem am Kopftuch machen Kritiker gerne ein rückständiges Frauenbild und ein Patriarchat im "Islam" fest. Auch Halal-Fleischprodukte, die von vor der Tötung nicht betäubten Tieren stammen, gelten als Indiz für eine "primitivere Kultur", da nach deutschen Gesetz eine Betäubung vor dem Schächten vorgeschrieben ist.

Doch wieder einmal ist es so, dass natürlich nicht alle Muslima Kopftücher tragen oder alle Muslime nur halal produziertes Fleisch verzehren. Siehe dazu auch den Punkt '"Der Islam" ist keine homogene Bewegung' aus Teil 1. Darüber hinaus praktizieren auch nicht alle Muslime die sonstigen traditionellen islamischen Riten, wie beispielsweise das Beten gen Mekka oder das Einhalten des Fastenmonats Ramadan.

Ob und wie sehr jemand diesen Dingen nachkommt, hängt einfach damit zusammen, wie konservativ er oder sie ist oder sein oder ihr Familien- und Freundeskreis eingestellt ist.

Im Grunde genommen kritisiert man daran wieder lediglich den Konservatismus und das Festhalten an alten Traditionen. Man kann ebenso leicht Beispiele konservativer Christen und ihrer religiösen Praktiken, ihre Einstellungen zum Feminismus oder ihres Fleischkonsums mit den dahinter stehenden Tierquälereien und Umweltschäden betrachten und das Christentum als rückständig titulieren.

Interessanterweise wird Kritik am Islam und Fremdenfeindlichkeit sogar überwiegend aus eben jenen konservativ-christlichen Kreisen verübt, die hier eine große Doppelmoral offenbaren.


Es gibt keine "Islamisierung" in Deutschland

Darüber hinaus macht die Ausgrenzung und Diskriminierung von Muslimen, die eben durch jene "Patriotische Europäer" und andere geschieht, einen Großteil der Völkerverständigung und des Dialogs zunichte und kann einige für eben jene Hassbotschaften von Extremisten empfänglicher machen.

Was also in Wahrheit geschieht, ist, dass sich die Extremisten auf beiden Seiten nur gegenseitig hochschaukeln und sich Feindbilder liefern, die pauschalisiert werden. Und dann geraten Unschuldige in den Konflikt hinein. Doch es gibt keine Islamisierung Deutschlands, keine "Überfremdung" durch Muslime oder sonst dergleichen. PEGIDA, HoGeSa oder die AfD - Sie alle spielen nur mit diesem dankbaren Feindbild, auf dass alle Ängste und der Hass gelenkt werden kann.

Wenn hinter allem Schlechten die "Islamisierung" steckt, die alles "Gute" und "Schöne" in Deutschland zerstören will und unsere eigene Regierung und Presse dabei auch noch fröhlich mitmischt, grenzt dies an eine Verschwörungstheorie. Wenn sich diese Aversion und diese haltlosen Schuldzuschreibungen für Probleme, die gar nicht existieren weiter zuspitzen, weist die Hetze schon große Parallelen zu der Stimmung auf, die die NSDAP vor der systematischen Judenverfolgung geschürt hat.

Gerade Deutschland sollte sich schämen, dass dieser furchtbarste Fehler in der Menschheitsgeschichte noch einmal wiederholt werden könnte.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Der Volksverpetzer


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