BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Thomas Kirchner Headshot

Greenpeace: Unberechtigtes Opfer der Hetze gegen Währungsderivate

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GREENPEACE
shutterstock
Drucken

Menschen und Medien neigen dazu, komplexe Zusammenhänge nachrichtengerecht zu vereinfachen. Der Fall Greenpeace zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen, wenn Finanzmarktkritiker einen vermeintlichen Skandal aufgedeckt haben wollen.

Die Hetze gegen Finanzmärkte hat ein unerwartetes Opfer gefunden: die Umweltorganisation Greenpeace. Diese soll laut Medienberichten 3,8 Millionen Euro bei Spekulationen verloren haben. Leser meiner Beiträge werden überrascht sein, dass ausgerechnet ich Greenpeace in Schutz nehmen möchte. Doch Greenpeace ist in dem Theater um angebliche Währungsspekulationen ein Opfer, das die Geister der Finanzmarktkritik nicht los wird.

Denn: Was wirklich passiert ist, geht in den deutschen Medien völlig unter. Die Financial Times hingegen informierte umfassender. Dort wird der Kommunikationsdirektor von Greenpeace, Mike Townsley, mit den Worten zitiert, ein Angestellter habe im letzten Oktober zukünftige Wechselkurse per Vertrag festgelegt. Eine Strategie, die laut Townsley zum damaligen Zeitpunkt vernünftig erschien.

Tatsächlich sind derartige Absicherungsgeschäfte, besser unter dem Namen „Derivate" bekannt, eine durchaus vernünftige Strategie - und üblich! Schließlich können sich Organisationen, die weltweit aktiv sind, auf diese Weise gegen Wechselkursschwankungen absichern. Es ist daher nicht grundsätzlich etwas dagegen einzuwenden, wenn eine Organisation, die Ausgaben für Personal und Standorte in Ländern mit stark schwankenden Devisenkursen hat und gleichzeitig über Einnahmen (Spenden) aus Ländern mit dem stabileren Euro verfügt, Derivate nutzt.

Unterschied zwischen realen und buchhalterischen Gewinnen bzw. Verlusten

Im Falle von Greenpeace waren es Futures. Bei diesen Derivaten wird zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses der zukünftige Wechselkurs festlegt, was für Planungssicherheit sorgt. Das Problem bei Derivaten ist jedoch ihre Bilanzierung. Und genau darüber scheint Greenpeace gestolpert zu sein.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem das zugrundeliegende Währungsgeschäft abgewickelt wird, entstehen im Derivat Gewinne oder Verluste, je nachdem, in welche Richtung die Wechselkurse schwanken. Die aktuellen Bilanzierungsregeln sehen vor, dass diese Gewinne oder Verluste verbucht werden. Die Währung bekommt man dann aber zu einem entsprechend teureren oder günstigeren Kurs. Dieser entsprechende Gewinne oder Verluste aus dem zugrundeliegenden Währungsgeschäft erscheinen jedoch nicht in der Bilanz. Dadurch sieht es so aus, als hätte Greenpeace Verluste erlitten, auch wenn diese Verluste durch das tatsächliche Währungsgeschäft ausgeglichen wurden.

In diesem Jahr weist Greenpeace Verluste aus diesen Absicherungsgeschäften aus, was natürlich prompt als fehlgeschlagene Spekulation interpretiert wird. In den drei Jahren bis 2011 hingegen hatte Greenpeace stets Gewinne aus Währungsderivaten verbucht, was in der Presse damals jedoch niemand weiter interessierte. Auch die Aufsichtsgremien von Greenpeace schienen mit den Gewinnen, die ja nur in der Bilanz vorkamen und nicht reell waren, ganz zufrieden gewesen zu sein. Erst als in der Bilanz ein ebenfalls nicht realer buchhalterischer Verlust stand, war die Aufregung so groß, dass man schnell den zuständigen Mitarbeiter feuerte.

Eine gewisse Schadenfreude lässt sich nicht verkneifen, wenn jetzt eine Nichtregierungsorganisation einem völlig ungerechtfertigtem Shitstorm der Finanzmarktkritiker ausgesetzt ist. Viele Unterstützter (Greenpeace hat nur wenige stimmberechtigte Mitglieder, die meisten zahlenden Unterstützer haben kein Mitspracherecht, im Gegensatz zu jedem weit demokratischer organisierten Sportverein) sollen sich bereits von Greenpeace losgesagt habe.

Vielleicht werden ja jetzt die Funktionseliten der Nichtregierungsorganisationen aufwachen und sich überlegen, ob die Strategie, immer nur aus dem Bauch heraus mit einfachen Schlagworten komplexe Zusammenhänge nachrichtengerecht zu vereinfachen ein dauerhaftes Modell darstellt. Diesmal ging die Schlagzeilenempörung jedenfalls nach hinten los.