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Der Vorwurf, die Finanzbranche sei zu groß, ist ein Taschenspielertrick

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Finanzmarktkritiker echauffieren sich gerne über die Größe des Finanzsektors. Dessen Wachstum sei bedrohlich und ein Zeichen dafür, wie sehr er sich von der Realität abgekoppelt habe. Der Stein des Anstoßes ist der Anteil der Finanzbranche an den Gewinnen aller Unternehmen. Von 1964 bis zur Mitte der 1980er Jahre erwirtschaftete die Finanzbranche in den Vereinigten Staaten 10 bis 20 Prozent aller Unternehmensgewinne. Danach jedoch lag ihr Anteil bis zur aktuellen Krise bei weit über 20 Prozent. Klar, so wird gefolgert, da muss was faul sein.

Auffällig ist in der Tat das Jahr 1986. Es markiert einen Wendepunkt, ab dem der Finanzsektor im Vergleich zum Rest der Unternehmen plötzlich dramatisch höhere Gewinne erwirtschaftete. Mancher Leser wird jetzt vielleicht hellhörig. Denn 1986 war das Jahr, in dem Ronald Reagan Steuerreform in Kraft trat. Seine Reform löste nicht nur einen Immobiliencrash aus, sondern ermutigte auch mehr und mehr Unternehmer dazu, Gewinne aus ihren Unternehmen herauszunehmen und in privates Einkommen umzuschichten.

Umschichtung von Eigentum

Zudem steigerte Reagans Reform die Popularität von Immobilienfonds und anderen Immobiliengesellschaften. Anstatt Immobilien als Aktiva in einem Unternehmen zu halten, lagerte man sie in eine separate Gesellschaft aus. Immobiliengesellschaften werden steuerlich als Kommanditgesellschaften geführt, so dass Gewinne nur vom Eigentümer selbst versteuert werden müssen. Die Senkung der individuellen Steuersätze im Jahr 1986 machte den Immobilienbesitz durch derartige Vehikel wesentlich attraktiver, als Immobilien im Unternehmen zu belassen.

Die Umschichtung der Immobilien von Unternehmens- in Privateigentum geschah sowohl im kleinen Stil als auch im Großen. Viele große Einzelhandelsketten sind inzwischen dazu übergegangen, ihre Geschäfte nicht mehr selbst zu besitzen, sondern von spezialisierten Immobiliengesellschaften zu mieten. Dadurch spart sich die Handelsketten eine eigene Abteilung zur Immobilienverwaltung. Auch die zunehmende Beliebtheit von Einkaufszentren zwingt Händler dazu, dort Verkaufsräume zu mieten statt freistehende Gebäude zu kaufen. Auch Ärzte mieten ihre Praxisräume oft von Immobiliengesellschaften.

Statistischer Effekt

Das Problem liegt in der statistischen Erfassung dieser neuen Eigentumsverhältnisse. Statistiker zählen Immobiliengesellschaften zur Finanzbranche. Sobald ein Gastwirt in den Ruhestand geht, sein Wirtshaus an eine Immobiliengesellschaft verkauft und ein neuer Pächter es übernimmt, steigt der Anteil der Finanzbranche an der Volkswirtschaft. Und den Teil des Gewinns, den der ursprüngliche Gastwirt durch den Besitz der Immobilie machte, weist die Statistik jetzt nicht mehr als Gewinn im Gaststättengewerbe aus, sondern als Gewinn der Finanzbranche.

Deren Anteil am Gesamtgewinn aller Unternehmen ist dadurch gestiegen, der des Gaststättengewerbes gesunken. Und das, obwohl sich eigentlich nichts geändert hat. Für den Pächter ist es vielleicht sogar besser, nicht Eigentümer zu sein, denn dadurch trägt er nicht das Risiko, eine Hypothek aufnehmen zu müssen. Dieses Risiko trägt nun die Immobiliengesellschaft beziehungsweise deren Eigner.

Skandalisierung unbegründet

Übrigens ist der Gewinn der amerikanischen Zentralbank genauso stark gestiegen wie der Anteil der Finanzbranche an den Unternehmensgewinnen. Sie erwirtschaftet rund ein Fünftel aller Gewinne des Finanzsektors. Will man die Finanzbranche verkleinern, würde es somit schon reichen, die Zentralbank abzuschaffen. Doch so weit will natürlich kein Kritiker der Finanzbranche gehen.

Der Anstieg der Gewinne der Finanzbranche an den Gesamtgewinnen aller Unternehmen nach 1986 geht also in erster Linie auf Umstrukturierung der Rechtsform des Immobilienbesitzes zurück. Die Skandalisierung der Größe der Finanzbranche ist daher ein billiger Taschenspielertrick.

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