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"Sie sind am Abgrund": Warum die USA für Deutschland nur noch Hohn und Spott übrig haben

19/01/2016 10:00 CET | Aktualisiert 19/01/2017 11:12 CET

Aus vielen Gründen sind Regierungen daran interessiert, dass das eigene Land im Ausland ein gutes Image hat. Dann verkaufen sich Waren besser, werden mehr kulturelle Beziehungen geknüpft, Touristen und Studierende zieht es ins eigene Land und schließlich profitiert die Regierung selbst: Ein gutes Image zahlt sich in internationalen Verhandlungen aus.

Der Ruf von Deutschland hat im vergangenen Jahr stark gelitten. Das ergab eine Umfrage des "Reputation Instituts".

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"Soft power" nennt man dieses Wirkungsvermögen. Nach dem Desaster mit George W. Bush war es eine der wichtigen Aufgaben von Barack Obama, den guten Ruf der USA international wieder herzustellen. Das ist ihm in Teilen gelungen.

Das Vorbild Deutschland

Dabei berief Obama sich unter anderem auch auf Deutschland, wenn er öffentlich erklären wollte, dass innovative Umweltpolitik und wirtschaftliches Wachstum keine Gegensätze sein müssten.

Dass in Deutschland viele Züge fahren und auch besonders schnelle Verbindungen zwischen großen Städten bestehen, betonte Obama immer wieder. Deutschland wurde als Beispiel moderner Wirtschaftspolitik, die nicht weiterhin so stark auf Kosten der Umwelt geführt wird, proklamiert. Deutschland hatte einen ausgezeichneten Ruf, der im Wahlkampf noch besser wurde.

Das deutsche Image kippt

Bis jetzt. Denn das deutsche Image in den USA dreht sich gerade. Das lässt sich derzeit zwar noch nicht mit Umfragen belegen, doch das wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Das gute deutsche Image ist gerade zwischen die Mühlsteine des amerikanischen Wahlkampfs geraten.

Den Grund hat Marco Rubio in der letzten Debatte der republikanischen Kandidaten vernehmlich genannt: Einwanderungspolitik ist nur noch Sicherheitspolitik. Und da kommt die deutsche Flüchtlingspolitik ins Spiel, die seitens der Republikaner als Beispiel für eine völlig fehlgeleitete Politik beschrieben wird.

Deutschland ist am Abgrund

Am Rande des Abgrunds sieht der junge konservative Kommentator der "New York Times", Ross Douthat, Deutschland. Die deutsche Regierung sei gerade dabei, durch die unkontrollierte Zuwanderung junger Männer die Grundlage dafür zu schaffen, dass es in Deutschland vermehrt zu Gewaltausbrüchen kommen wird.

Die Theorie vom Überschuss junger Männer als Ursache staatlicher Gewalt steht hinter diesem Gedanken, der besorgt auch zu der Frage weitergeführt werden kann, ob sich diese Gewalt zukünftig nach außen wenden kann. Nicht auszuschließen, dass in konservativen Kreisen die Befürchtungen über den Zusammenhalt Europas auf diesem Wege noch weiter getrieben werden.

Eine naive Flüchtlingspolitik

Kommentare in den amerikanischen Leitmedien sind mehr als individuelle Meinungsäußerungen. Häufig sondieren sie das Terrain der öffentlichen Meinung für die politische Richtung, der sie zugeordnet werden können.

So war es nicht verwunderlich, dass Donald Trump, der das Feld der republikanischen Präsidentschaftskandidaten seit Monaten unangefochten anführt, dieses Thema wieder aufnahm. Schon seit längerem wirft er Bundeskanzlerin Merkel Naivität in ihrer Flüchtlingspolitik vor und nutzt Deutschland als abschreckendes Beispiel.

Auf eine solch dumme und deshalb gefährliche Politik dürften sich die USA nicht einlassen, forderte er, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Präsident Obama drauf und dran ist, das zu tun.

Aufstände gegen die Regierung

Nun ging er noch einen Schritt weiter. In einer Wahlkampfrede prognostizierte er, dass es in Deutschland zu Aufständen kommen werde, die Bundeskanzlerin Merkel hinwegfegen werden.

Denn die große Zahl junger Männer, die nach Deutschland auswanderten, könnte sich als Trojanisches Pferd erweisen. Damit schließt er einerseits an den Gedanken an, dass eine Überzahl junger Männer ein spezifisches Problem für Gesellschaften darstellt, das in Gewalt seinen besonderen Ausdruck finden kann.

Und er verbindet diese Darstellung mit der Suggestion, dass Männer in das Land kommen könnten (und hier meint er dann wider die USA), von denen niemand weiß, wer sie sind, woher sie kommen und was sie wollen. Auch hier könnte er auf Beispiele aus Europa zurückgreifen, wenn er das Thema im weiteren Wahlkampf ausweiten wollte.

Ein Abschreckendes Beispiel

Nun sind die Übertreibungen des amerikanischen Wahlkampfs die eine Sache. Da schaukeln sich die Kandidaten alle gegenseitig hoch, wie die letzte Debatte gezeigt hat. Viele Kandidaten versuchen, harsche Positionen vorzulegen, um die anderen zu zwingen, Farbe zu bekennen. Und sie dann, wenn das geht, in Widersprüche zu verstricken.

Etwas anderes ist das Image Deutschlands in den USA. Aus dem Vorbild für eine ökologisch orientierte, moderne Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik wurde in wenigen Wochen das abschreckende Beispiel für eine verfehlte, die Sicherheit der eigenen Gesellschaft gefährdende Flüchtlingspolitik.

Beides ist so nicht richtig, aber darauf kommt es beim Image nicht an. Da ist "wahr", was geglaubt wird. Deswegen liegt es im deutschen Interesse, dass die überzogenen, grob irreführenden Darstellungen sich nicht in den Köpfen der Bevölkerung festsetzen und Deutschlands Image prägen.

Der amerikanische Wahlkampf hat dabei erst begonnen. Es wäre bedauerlich, wenn der gute Ruf Deutschlands dabei unter Druck käme. Hier wird aktives Gegensteuern nötig sein.

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