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In deutschen Gefängnissen wird es eng - und wir sind nicht drauf vorbereitet

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PRISON GERMANY
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Niemand würde auf die Idee kommen, acht erwachsene Menschen jahrelang in einen Raum zu sperren. Zumindest nicht, um ein "gesundes" Sozialverhalten zu fördern. Trotzdem ist genau das in deutschen Haftanstalten Realität.

Die Insassen schlafen auf Stockbetten, essen, während einer auf der Toilette sein Geschäft erledigt und sehen das Fernsehprogramm, für das sich der Stärkste im Raum entscheidet. Der eine schnarcht, der andere stinkt, der dritte geht erst nach Mitternacht zu Bett.

Gefängnisinsassen können sich nicht aussuchen, mit wem sie untergebracht werden. Sie können ihre Zelle auch nicht aus eigener Kraft verlassen. Alles was sie haben, ist etwas Freiraum, der allerdings schnell an hohen Mauern und Stacheldraht endet.

Unter Belastung entsteht massiver Stress

In Kindheit und Jugend ist es für die meisten Menschen einen kurzen Zeitraum lang angenehm, mit mehreren zusammen in einem Raum zu essen und zu schlafen.

Bei der Bundeswehr oder bei gemeinsamen Bergtouren ist es, mit viel Alkohol oder einem gemeinsamen Ziel, erträglich. Doch durch die mit dem Alter zunehmende Individualisierung wird es für die meisten Menschen zu einer Belastung.

Gerade, wenn sie einen langen Zeitraum mit anderen zusammen in einem winzigen Raum verbringen müssen.

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Wenn man dieser Belastung nicht ausweichen kann, für Monate oder gar Jahre, dann entsteht zwingend Stress - massiver, ungesunder Stress. Dieser muss irgendwie kompensiert werden - durch Gewalt gegen andere, oder gegen sich selbst.

Wer gesunde und gesetzestreue Bürger dazu bringen will, Aggressionen zu entwickeln und Drogen zu konsumieren, der muss sie lediglich für eine gewisse Zeit in einen Haftraum mit anderen Menschen einsperren.

Alltag in den deutschen Gefängnissen

Dieser Widerspruch ist in den deutschen Gefängnissen Alltag. Viele Insassen sind suchtkrank, neigen zu Gewalt und haben die Rechte ihrer Mitmenschen immer wieder verletzt. Auf sie wirkt der Aufenthalt in einem Justizvollzugsanstalt oft wie ein brandgefährlicher Katalysator.

Ausgerechnet diese Menschen, die eigentlich besonders viel Aufmerksamkeit und Betreuung bräuchten, werden unter fragwürdigen Umständen untergebracht.

Doch auch auf Insassen, die zuvor keine Probleme mit Abhängigkeit oder Aggressionen hatten, wirkt sich die Mehrfachthaft bedrohlich aus.

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Wer viele Monate lang zusammen mit Drogenkonsumenten untergebracht ist, der muss schon eine Ausnahmepersönlichkeit sein, um nicht irgendwann selbst zu Drogen zu greifen. Und wer seine Interessen in einer solchen Umgebung vertreten will, der kommt irgendwann nicht umhin, seine Gewaltbereitschaft zu zeigen.

Dann sind da auch noch die unzähligen, zähen Stunden, die man zusammen im Haftraum verbringt. Man schmiedet Pläne und überlegt, wie ein Leben ohne Kriminalität aussehen könnte. Nicht so leicht, wenn der Haftgenosse mit seinen erfolgreichen Drogengeschäften prahlt.

Nicht nur die Insassen leiden darunter

Doch nicht nur für die Insassen selbst sind die Mehrfachhafträume eine absolute Zumutung. Auch die Strafvollzugsbeamten gehen immer weiter an ihre Grenzen.

Ich bewundere immer wieder, wie viele Kolleginnen und Kollegen unter diesen schwierigen Umständen den Mut nicht verlieren.

Nachts ist ein Bediensteter für hundert oder mehr Inhaftierte zuständig. Diese sind oft in Mehrfachhafträumen untergebracht. Wie soll ein einziger Bediensteter da die Kontrolle behalten?

Wie soll er Drogenkonsum, Gewalt und Missbrauch verhindern? Auf die Opfer kann er nicht zählen, denn fast niemand traut sich auszusagen. Dann gilt man als Verräter und ist bei den anderen Insassen unten durch. Keine schöne Aussicht, wenn man noch mehrere Monate und Jahre mit ihnen in Haft verbringt.

Manche halten es alleine nicht aus

Natürlich gibt es aus Kontext des Strafvollzugs auch einen guten Grund, Menschen gemeinsam unterzubringen. Manche halten es alleine nicht aus.

Sie halten es nicht aus, in einem wenige Quadratmeter großen Haftraum mit vergitterten Fenstern eingesperrt zu sein. Sie werden darin verrückt. Manche bitten ausdrücklich darum, mit einem anderen Menschen zusammen untergebracht zu werden. Andere wirken so hilfsbedürftig, dass man sie nicht alleine unterbringen kann.

Doch in allen anderen Fällen ist der Grund der gemeinsamen Unterbringung schlichtweg der, dass es den Gefangenen nicht zu gut gehen soll. Der Staat will keine zusätzliche Kosten für neue Einzelhafträume investieren.

Mit dem deutschen Gesetz hat das allerdings nicht mehr viel zu tun. Die Strafe soll im Entzug der Freiheit bestehen und nicht im Entzug der gesamten Privat- und Intimsphäre.

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An Sachsen sollten sich andere Bundesländer in Deutschland ein Beispiel nehmen. Dort ist die einzelne Unterbringung die Norm. Eine gemeinschaftliche Unterbringung kommt nur unter bestimmten Bedingungen zustande. Entweder auf ausdrückliche Bitte oder wenn der Inhaftierte dringend hilfsbedürftig ist.

Es wird Zeit, dass sich in deutschen Gefängnissen etwas ändert. Dafür müssen wir uns zwei Dinge dringend bewusst machen.

Erstens: Die zwangsweise gemeinsame Unterbringung von Menschen ist eine Verletzung der Menschlichkeit.

Zweitens: Die Behauptung, in diesem Kontext Menschen zu resozialisieren, ist eine Beleidigung des Verstandes. Für die Insassen, für die Strafvollzugsbeamten und für die deutsche Gesellschaft.

Thomas Galli ist ehemaliger Leiter einer Justizvollzugsanstalt und Autor des Buches "Die Schwere der Schuld: Ein Gefängnisdirektor erzählt".

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