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Gefängnisdirektor: "Wir sollten 90 Prozent aller Sträflinge freilassen"

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GEFAENGNIS
dpa
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Seit mehr als fünfzehn Jahren arbeite ich im Strafvollzug. Seit Beginn meiner Laufbahn habe ich mit zehntausenden Häftlingen zu tun gehabt. Heute bin ich Direktor der JVA Zeithain in Sachsen und davon überzeugt, dass unser Strafvollzugssystem menschenunwürdig und überflüssig ist.

In meiner Zeit in der JVA Straubing gab es einen Fall, der mich besonders nachdenklich gestimmt hat. Nach 51 Jahren Haft ließen wir einen Mann frei, der während seines Aufenthalts eine intensive Therapie erhalten hatte. Er gehörte zu der Art von Insassen, die aufgrund der Schwere ihrer Tat mit besonders großem Aufwand therapiert werden.

Ich stellte mir irgendwann die einfache Frage, ob Gefängnisstrafen wie solche überhaupt sinnvoll sind. Mindern sie nicht vielmehr die soziale Anschlussfähigkeit und die Integrationschancen?

Die Haft ist nichts anderes als eine soziale Ausgrenzung

Während ein normaler Insasse am Tag um die hundert Euro kostet, gibt der Staat für Intensivtäter ungefähr das Zehnfache aus. Das alles tun wir, um diese Menschen danach wieder erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Doch das System hat einen großen Makel:

Umso länger wir Menschen hinter Gitter stecken, umso schwerer wird es, sie wieder in unsere Gesellschaft zu integrieren. Wir müssen uns endlich von der Illusion verabschieden, dass die Inhaftierung dazu beiträgt, Straftäter zu resozialisieren.

Zu behaupten, dass das System funktioniere, ist Betrug der Allgemeinheit. Die Haft ist nichts anderes als eine soziale Ausgrenzung. Und genau das ist das Problem.

Mehr als 64.000 Menschen sitzen in Deutschland in einer Strafvollzugsanstalt. Der Großteil der Insassen verbüßt eine Haftstraße von ein bis zwei Jahren. Das sind häufig Kleinkriminelle, die aufgrund von Drogendelikten, Körperverletzungen oder Betrugsfällen ihre Freiheitsstrafe in einer von 192 Haftanstalten in Deutschland absitzen.

Häftlinge sind weniger wert als normale Bürger

In der Theorie soll die Gefahr, die von einem Straftäter ausgeht, durch den Freiheitsentzug gemindert werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Strafvollzug macht aus vielen Häftlingen viel gefährlichere Straftäter.

Als Insasse eines Gefängnisses ist man weniger wert als ein normaler Bürger. Die meisten erleben ihren Aufenthalt als eine psychologische Abwertung. Sie sind plötzlich keine Individuen mehr, sondern Objekte des Staates. Dieser Umgang führt dazu, dass während der Haft das Vertrauen in Staat und Gesellschaft rapide sinkt.

Zahlreiche Straftäter die eine erste Haft verbüßen, kommen außerdem durch den Vollzug erst mit anderen Kriminellen in Kontakt. Diese haben oft weitreichende Verbindungen zum organisierten Verbrechen.

In so einem Umfeld ist man natürlich anfälliger für systemfeindliche Ideologien, denn umso länger man miteinander isoliert von der Außenwelt Zeit verbringt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten und die Werte seiner Zellengenossen auf einen übergehen. Der Staat und seine Institutionen werden schnell zum gemeinsamen Feind.

Dieses Phänomen ist keine graue Theorie, sondern sozialpsychologisch erforscht. Straftäter stellen nach dem Vollzug für die Gesellschaft oft eine größere Gefahr dar, also davor. Der Prozess der Radikalisierung kann in dieser Umgebung schnell fortschreiten. Ein prominentes Beispiel sind die Attentäter von Paris, die sich nach Medienberichten im Gefängnis radikalisierten.

So werden wir die organisierte Kriminalität nicht stoppen

In fast jedem Gefängnis gibt es zahlreiche Subkulturen wie Neonazis, Mitglieder der russischen Mafia oder radikale Islamisten. Straftäter in solche Strukturen hineinzupacken, ist das dümmste was wir machen können, denn gerade bei jungen Tätern beträgt die Rückfallquote teilweise achtzig Prozent. Die richtigen Kontakte für ihre nächste Tat erhalten sie im Gefängnis.

Solange wir das Strafvollzugssystem nicht reformieren, werden wir die organisierte Kriminalität in Deutschland nicht stoppen können. Die kriminellen Strukturen werden durch den Aufenthalt in einer Vollzugsanstalt nicht unterbrochen, sondern weitergeführt. Menschen in ein Gefängnis zu sperren ist für die Gesellschaft also eher schädlich als hilfreich.

Doch wie könnte eine sinnvolle Alternative aussehen?

Zunächst einmal ist es wichtig zu betonen, dass es keine Patentlösung gibt. Befürwortern des gegenwärtigen Systems erheben oft den Anspruch, eine Alternativlösung müsse perfekt sein.

Als erstes erachte ich es für sinnvoll, Kleinkriminelle nicht mit Freiheitsbezug zu bestrafen, sondern ihnen zu ermöglichen, ihre Strafe daheim abzusitzen. Das könnte zum Beispiel mit einer elektronischen Fußfessel funktionieren.

Damit vermeiden wir einerseits die unglaublich hohen Kosten, die der Strafvollzug mit sich bringt und unterbinden außerdem Risiken wie strukturelle Radikalisierung innerhalb der Gefängnismauern.

Wir geben Milliarden an Steuergeldern sinnlos aus

Zweitens ist es sinnlos, Milliarden an Steuergeldern in den Vollzug zu investieren, wenn die Strafprävention darunter leidet. Für ungefähr zwei Sträflinge ist in einer Justizvollzugsanstalt jeweils ein Beamter vorgesehen. Auf hundert Insassen kommt zirka ein Psychologe.

Was könnten wir bewirken, wenn wir den gleichen Personalschlüssel auf unsere Schulen und Kindergärten anwenden würden? Bevor Jugendliche überhaupt erst auf die schiefe Bahn geraten, wären wir in der Lage, sie als wertvolle Teile der Gesellschaft zu integrieren. Die Zahl der Jugendstraftäter könnte man so deutlich minimieren.

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Bevor man Menschen auf menschenunwürdige Art und Weise hinter Gittern bringt, könnte man dafür sorgen, dass sie durch gemeinnützige Arbeit im Alltag helfen und dabei nicht sozial isoliert werden.

Die These, dass solche Alternativen nicht den gleichen abschreckenden Effekt haben wie Freiheitsstrafen, halte ich für einen Mythos. Zwar sagen viele Insassen nach ihrer Freilassung, sie wollten nie wieder in Haft, aber trotzdem werden zahlreiche Ex-Sträflinge wieder rückfällig.

Ich habe im Laufe meiner Karriere als Leiter einer Justizvollzugsanstalt mit über zehntausenden Haftinsassen gesprochen. Ihrer Biographien haben häufig einen sehr ähnlichen Hintergrund: eine turbulente Jugend, Missbrauch, ein brutales Elternhaus und früher Drogenmissbrauch führten oft zu den ersten Straftaten.

Genau da muss der Staat ansetzen. Und nicht Milliarden Euro an Steuergeldern für ein System ausgeben, dass Kriminalität in Deutschland eher befeuert als minimiert.

Das Buch "Die Schwere der Schuld - Ein Gefängnisdirektor erzählt" erschien im Verlag "Das neue Berlin".
Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Aufgezeichnet von Julius Zimmer
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