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Thomas Galli  Headshot

Das teils aggressive Auftreten nordafrikanischer Häftlinge ist kulturell bedingt

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In mehreren Bundesländern haben Justizsprecher über Probleme mit Häftlingen aus Nordafrika berichtet. Von "forderndem Verhalten" und Respektlosigkeit gegenüber Frauen ist die Rede.

Thomas Galli war bis September 2016 Leiter der Justizvollzugsanstalt in Zeithain in Sachsen. In dem Bundesland ist die Zahl der Gefangenen aus Algerien, Libyen, Marokko und Tunesien im vergangenen Jahr um etwa 40 Prozent auf 255 gestiegen. Aus Gallis Sicht sind die Probleme aber weit weniger dramatisch, als jetzt viele denken könnten.

Ich habe es ein paar Mal erlebt, dass Gefangene aus Nordafrika ausgeflippt sind.

Eine Kollegin zum Beispiel hat einen Insassen aus Nordafrika angewiesen, seine Zelle sauber zu halten. Sonst bekäme er eine Disziplinaranzeige. Das hat den Mann dermaßen gekränkt, dass er ausrastete. Er beschimpfte die Vollzugsbedienstete aufs Übelste. Die Kollegin musste Anzeige erstatten.

Ich habe selbst ähnliche Erfahrungen mit einem Nordafrikaner gemacht. Ich musste sehr vorsichtig und sensibel mit ihm umgehen, weil er jeden Moment explodieren konnte. Das passierte insbesondere dann, wenn man aus seiner Sicht zu fordernd aufgetreten ist.

Was sich drastisch anhört, sind jedoch Einzelfälle. Wir dürfen das Problem nicht größer machen, als es ist.

Aggressives Auftreten gegenüber Frauen ist kulturell bedingt

Erstens habe ich die meisten inhaftierten Nordafrikaner als höflich und anständig erlebt.

Zweitens kann man die Situation in den Gefängnissen prinzipiell nicht auf die Situation "draußen" übertragen. Im Gefängnis landen natürlich vor allem besondere Persönlichkeiten.

Drittens ist es für jeden Häftling, egal welcher Herkunft, eine Erniedrigung, dort überhaupt zu sein und sich auch von jedem etwas sagen zu lassen.

Ich glaube allerdings, dass es für Menschen aus bestimmten Kulturkreisen wie Nordafrika besonders schwierig ist, sich von Frauen etwas sagen zu lassen. Ich vermute also, dass das aggressive Auftreten gegenüber Frauen kulturell bedingt ist. Das würde auch die Berichte über die Häufung von Vorfällen erklären.

Klammern an das veraltete Rollenbild

Diese Männer sind gewohnt, dass der Mann das Sagen hat. Gerade im Gefängnis habe ich das Gefühl, dass dieses veraltete Rollenbild noch zu dem Wenigen gehört, an dem sie sich festhalten können. Deswegen sind sie besonders gereizt, wenn ihnen eine Frau als Vertreterin der Staatsmacht Anweisungen gibt.

Problematisch ist deswegen auch die Ballung der Insassen aus einzelnen Ländern. Das führt zu schwierigen Gruppen-Dynamiken.

Mehr zum Thema: Nordafrika: Studie stößt auf einen Grund für Flüchtlingsströme, mit dem niemand rechnet

Denn wenn die Männer merken, dass andere aus ihrer Region zusehen, werden sie noch sensibler, aus Sorge, das Gesicht zu verlieren. Jeder will sich innerhalb der Gruppe beweisen.

Nochmal: Es hilft niemandem, das Problem aufzubauschen - genauso wenig darf man es kleinreden.

Unter allen Häftlingsgruppen gibt es Menschen, an die man nur schwer herankommt. Doch letztlich kann man mit persönlichen Gesprächen sehr viel erreichen.

Oft sind sich die Häftlinge die althergebrachten Muster nicht bewusst und hinterfragen sie nicht. Im Gespräch kann ich sie aber darauf aufmerksam machen. Wichtig ist, klarzumachen, dass es nichts Persönliches ist. Dann akzeptieren sie das auch.

Bessere Ausbildung der JVA-Angestellten zahlt sich aus

Wie man das am besten anpackt, sollten JVA-Angestellte viel besser gezeigt bekommen, in der Ausbildung, in Fortbildungen und in der Supervision.

Je besser die Bediensteten das Auftreten der Häftlinge einordnen können, desto souveräner können sie auftreten - und desto besser wird es gelingen, brisante Situationen aufzulösen.

Außerdem brauchen wir mehr Personal in den Gefängnissen, damit wir uns mehr mit den einzelnen Menschen beschäftigen können. So können wir Probleme viel früher erkennen. Und merken es nicht erst, wenn die Situation schon eskaliert ist.

Das ist natürlich mühsam, kräftezehrend und zeitraubend. Aber ich bin sicher: Das lohnt sich.

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(ks)