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Als ich mich um unser erstes Kind kümmern wollte, drohte mir der Chef mit der Kündigung

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FATHER
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  • Wer als Mann längere Zeit Elternzeit nehmen will, erntet wenig Verständnis
  • Nach meinem Antrag drohte mir der Vorstand sogar mit einer Kündigung
  • Flexible Arbeitergeber überbrücken die Elternzeiten mit Interim Managern

Nehmen Männer Elternzeit, gehen sie damit ein Risiko für ihre Karriere ein - so das Ergebnis der aktuellen Umfrage von XING Klartext. Ich füge hinzu: Die Gefahr besteht völlig unabhängig davon, was der Arbeitgeber zuvor in Sachen Elternzeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf kommuniziert hat.

Ein, zwei Monate, das tolerieren die meisten Arbeitgeber vielleicht noch gerade. Soll sich der frischgebackene Vater ruhig die paar Wochen "Urlaub" gönnen. Dann möge er aber bitte wieder Vollgas für das Unternehmen geben.

Völlig verständnisloses Kopfschütteln erntet dagegen, wer sich als Mann gleich sechs Monate oder länger um sein Kind kümmern möchte. Noch immer gibt es Unternehmenslenker, die derlei Ansinnen schlichtweg für verrückt halten - Sonntagsreden in Sachen Familienfreundlichkeit hin oder her.

Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Dennoch hätte ich niemals auf meine Elternzeit verzichtet, für kein Unternehmen der Welt. Was war passiert?

Ich wollte bewusst erleben, wie sich Familie anfühlt

Ich arbeitete bereits rund zwei Jahre in Teilzeit als Pressesprecher für einen börsennotierten Biogasanlagenbauer, als sich bei meiner Lebensgefährtin und mir Nachwuchs ankündigte. Das erste Kind - für beide von uns.

Eine aufregende und schöne Zeit voller Vorfreude. Gemeinsam malten wir uns aus, wie sich Familie wohl anfühlt, richteten das Kinderzimmer ein, bereiteten uns auf die Elternrolle vor - und durchblätterten die eine oder andere Elternzeitschrift.

Begeistert las ich in einem der einschlägigen Magazine, wie sich junge Väter monatelang aus ihrem Beruf ausklinkten, freiwillig Windeln und das "Familienmanagement" übernahmen.

Ich fand Gefallen an dem Gedanken, von Anfang an viel Zeit mit dem eigenen Kind zu verbringen. Und dem Kind nicht erst nach Feierabend beim Schlafen zuzusehen.

Eine Vertretung hätte ich schnell einarbeiten können

Zeitgleich fiel mir ein interessantes Buch einer ehemaligen Palliativpflegerin in die Hände: Was bereuen alte Menschen auf dem Sterbebett am meisten?

Bei Männern mit erfolgreicher Karriere war eine der häufigsten Antworten, nicht ausreichend Zeit mit den eigenen Kindern verbracht zu haben, ihr Aufwachsen nicht bewusst erlebt zu haben.

Mehr zum Thema: Dieses Land setzt sich für Väter ein wie kein anderes

Mein Entschluss stand fest: Es geht auch ohne mich, zur Not sogar ein Jahr lang. Muss mein Arbeitgeber eben eine entsprechende befristete Stelle ausschreiben - wie es für diese Fälle vorgesehen ist.

Eine Vertretung habe ich in wenigen Wochen eingearbeitet, bei ähnlicher Berufserfahrung dürfte der Übergang relativ nahtlos gelingen. Kein Problem also, dachte ich und schickte den Antrag auf Elternzeit ab. Natürlich erst zu Beginn der gesetzlich geregelten Schutzfrist, wie es geboten ist.

Man verwehrte mir plötzlich die angekündigte Bonuszahlung

Als Pressesprecher gehört der direkte Austausch mit dem Vorstand zum Tagesgeschäft. Doch auf einmal war alles anders. Auf E-Mails von mir kamen keine Antworten mehr. Traf ich den Vorstandsvorsitzenden zufällig auf dem Flur, ging dieser gruß- und wortlos an mir vorbei. Auf dem Gehaltszettel fehlte die bereits vor Wochen angekündigte Bonuszahlung.

Mehr zum Thema: Diese Geschichte zeigt, warum sich viele deutsche Väter nicht um ihre Kinder kümmern können

Bei einem kurzfristig anberaumten Gespräch mit dem Finanzvorstand empörte sich dieser dann lautstark über meinen Antrag. Warum ich davon nicht eher etwas erzählt hätte, jetzt könne man meinen Vertrag schließlich vorerst nicht kündigen. Das wolle die Unternehmensleitung keineswegs so hinnehmen.

Nach der Elternzeit sei daher an eine Rückkehr an meine derzeitige Position nicht zu denken. Meinen Vertrag wolle der Vorstand nach der Schutzfrist so schnell wie möglich auflösen, etwa über eine betriebsbedingte Kündigung.

Aus dem Ärger entwickelte sich eine Geschäftsidee

Ganz ehrlich, ich hatte Ärger eingerechnet, schließlich kannte ich Mentalität und Denkweise des Vorstands recht gut. Die unverblümte Ankündigung mir zu kündigen, war dann aber doch eine Enttäuschung. Zählte alles bislang für das Unternehmen Erreichte plötzlich nichts mehr?

Für mich war das Ganze der Lackmustest: Will ich wirklich bei einem Arbeitgeber arbeiten, der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Sonntagsreden zwar vorgibt, für die männlichen Mitarbeiter in der Realität aber ausschließt? Nein. Ich bat also um einen Aufhebungsvertrag.

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Heute bin ich selbständiger PR-Berater und Interim Manager für Investor Relations. Ich springe bei Unternehmen ein, wenn diese zeitweise freie Stellen in der Kommunikation überbrücken müssen - etwa wegen einer Elternzeit.

Auf diese Idee hat mich der Ärger mit meinem Ex-Arbeitgeber gebracht. Dafür bin ich ihm aus heutiger Sicht schon fast dankbar.

Das bedeutet Elternzeit für Väter in Deutschland

► Männer, die Elternzeit nehmen, gehen noch immer ein Risiko für ihre Karriere ein. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage von XING Klartext, an der sich in der vergangenen Woche mehr als 700 Nutzer und Nutzerinnen beteiligt haben.

► Von den Umfrage-Teilnehmern, die entweder selbst eine Auszeit genommen haben oder bei denen der Partner nach der Geburt aushalf, gaben 29 Prozent an, dass dies der Karriere des Mannes geschadet habe.

► Grundsätzlich stimmten 44 Prozent aller Teilnehmer der Aussage "Wenn Männer Elternzeit nehmen, ist das schädlich für die Karriere" zu.

► Auch auffallend ist die Länge der von Vätern genommenen Auszeiten, die sich von denen der Mütter stark unterscheidet. Während Mütter bis zu zwölf Monaten aus dem Beruf aussteigen, pausieren Väter meist nur zwei Monate. Das berichtete das statistische Bundesamt im Sommer 2016.

► Im Arbeitsalltag müssen Männer, die sich um ihre Kinder kümmern möchten, noch immer mit schweren Vorbehalten kämpfen.

► Bis zu einer echten Akzeptanz für Väter ist es also selbst neun Jahre nach Einführung der Elternzeit noch ein weiter Weg.

► Das Thema stößt deutschlandweit auf großes Interesse. "XING Klartext" hat daher Väter gebeten, ihre Erfahrungen in einem Beitrag aufzuschreiben.

Dieser Text erschien zuerst bei "XING Klartext".

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