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Die deutschen Unis bereiten die Studenten nicht auf das Leben vor - deswegen gründe ich meine eigene

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UNIVERSITY
thomas bachem, getty images
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In Talkshows und Leitartikeln wird viel über Schlagworte diskutiert, wenn es um Bildung geht: G8 oder G9, Gesamtschule oder Gymnasium und Hauptschule, zu geringe Akademikerquote versus Akademikerschwemme und Nachwuchsmangel in Ausbildungsberufen, Bachelor und Master oder doch lieber zurück zum guten alten Diplom - die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

In dieser Diskussion übersehen die meisten sogenannten Experten und das empörte Publikum aber den wichtigsten Punkt: Die Frage nämlich, was Hunderttausende von Schülerinnen, Auszubildenden und Studenten tagtäglich lernen, und noch viel wichtiger: wie sie lernen und wie sie lernen sollten.

Das, was gelehrt wird, ist oftmals nicht mehr zeitgemäß, und die Art, wie gelernt werden soll, ist oftmals ineffizient und von den Erkenntnissen der Lernforschung und der Neurowissenschaften längst überholt.

Das Prinzip Universität hat mich erstmal abgeschreckt

Schon seit meinem 12. Lebensjahr bin ich begeisterter Programmierer. Ich habe mir zunächst alles selbst beigebracht, als naheliegendste Entscheidung erschien da ein Informatikstudium.

Doch die Inhalte des Studiengangs entsprachen nicht im Geringsten meinen Vorstellungen. Im Mittelpunkt standen die mathematischen Grundlagen der Informatik und die graue Theorie. Mit echtem Programmieren hatte das nur wenig zu tun.

Die Vorstellung, vorwiegend in Vorlesungen zu sitzen und Stoff aus Büchern auswendig zu lernen anstatt selbst zu programmieren und an eigenen Projekten zu arbeiten, hat mich abgeschreckt.

Bis heute hat sich das an den meisten Universitäten nicht geändert - und das, obwohl Softwareentwicklung schon lange keine Nische für Nerds in dunklen Kellergewölben mehr ist. Das waren die 90er, wenn das Klischee überhaupt jemals stimmte.

Mehr zum Thema: Harvard-Professor: Dieser Denkfehler hindert die meisten Menschen daran, beruflich erfolgreich zu sein

In Zeiten des allgegenwärtigen Internets ist das Verstehen digitaler Technologien eine der wichtigsten Kompetenzen für junge Berufseinsteiger, nicht nur für Softwareentwickler.

Und auch das ist - im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Annahme - kein Job für lichtscheue Einzelgänger, sondern ein kreativer Teamsport, der Millionen von Mitarbeitern in Startups und Internet-Unternehmen auf der ganzen Welt jeden Tag beschäftigt.

Doch Schulen und Hochschulen verschlafen in Deutschland die Möglichkeit, digitales Know-how praktisch an Schüler und Studenten zu vermitteln und ihnen so ein mächtiges Werkzeug für ihre professionelle Karriere und die Gestaltung der eigenen Umwelt an die Hand zu geben.

Die Universitäten bereiten junge Menschen oft nicht aufs Leben vor

Die Universitäten sind ursprünglich als Forschungszentren angetreten, die nebenbei auch die Wissenschaftler der Zukunft ausbilden. Inzwischen sind sie jedoch zusammen mit den Fachhochschulen auf dem Weg, der Standardweg der beruflichen Bildung in Deutschland zu werden - Stichwort "Akademisierung" - und das ist ein großes Problem.

Denn die Aufgabe, junge Menschen auf das Leben in der beruflichen - und oft nicht besonders wissenschaftlichen - Welt vorzubereiten, setzt andere Lehr- und Lernkonzepte voraus, als die Ausbildung von Nachwuchsforschern.

An zu vielen Hochschulen gilt: Erst kommt die Theorie und dann, wenn überhaupt, die praktische Anwendung. So folgt Lektion auf Lektion, bis sich irgendwann die Frage aufdrängt: Wofür lernen wir das alles?

Ein gutes Beispiel ist das Informatik-Studium. Der harte Kern kann sich für Vorlesungen in höherer Mathematik und theoretischer Informatik begeistern, aber wer eigentlich ein kreativer Softwareentwickler werden möchte, bricht das Informatik-Studium irgendwann enttäuscht ab, wie aktuell fast 40 Prozent aller Informatik-Studierenden in Deutschland.

Mehr zum Thema: Warum bereits Grundschüler programmieren lernen sollten

Für mich ist die Idee von Vorlesungen und klassischer Wissensvermittlung überholt. Das ist einer der Gründe, warum ich mich nach vielen Jahren dazu entschlossen habe, meine eigene Hochschule zu gründen: um zu zeigen, welchen Unterschied moderne didaktische Konzepte in der akademischen Bildung machen können.

Nach mehreren Jahren Planung wird es jetzt konkret. Im Oktober dieses Jahres starten die ersten Bachelor-Studienänge an der CODE: Softwareentwicklung, Interaktionsdesign und Produktmanagement. Was uns von vielen anderen Hochschulen grundlegend unterscheidet, ist unser Lernkonzept.

Die wichtigsten Säulen sind dabei unsere radikale Kompetenzorientierung und das projektbasierte Lernen in interdisziplinären Teams. Unsere Studenten arbeiten vom ersten Semester an an realen Projekten, größtenteils zusammen mit Partnerunternehmen.

Dabei stoßen sie unmittelbar auf echte Probleme und bemerken dabei, welche Kompetenzen ihnen fehlen, um das Projekt voranzutreiben.

Lernen durch handeln

Mit diesem Lernimpuls gehen sie dann in die passenden Expertenworkshops und Seminare, um dort ihre Probleme zu präsentieren und sich von ihren Kommilitonen und Professoren Tipps und Hinweise zu holen.

Wenn zum Beispiel eine Studentin noch nie mit einer Datenbank gearbeitet hat, dann versteht sie einerseits, dass ihr dieses Wissen fehlt und andererseits, wozu sie das in ihrem Projekt und in ihrem beruflichen Alltag später einmal braucht.

Unsere Hochschule bietet den Studierenden die Möglichkeit, sich durch Seminare und Workshops das konkret benötigte Wissen anzueignen und an konkreten Problemen und Lösungen die dahinter liegenden Grundlagen und Methoden zu verstehen.

Und falls doch einmal ein klassisches Vorlesungsformat zur Wissensvermittlung sinnvoll erscheint, setzen wir konsequent auf E-Learning-Ressourcen.

Außerdem können sich Kommilitonen aus den drei Studiengängen systematisch untereinander austauschen und so voneinander lernen. Das neu gesammelte Wissen wird dann im jeweiligen Projekt angewendet und sofort auf seine Praxistauglichkeit getestet.

Denn unsere Studentinnen und Studenten lernen die Kompetenzen, die sie wirklich brauchen, anhand eines realen Problems, das sie lösen müssen. Gleichzeitig haben sie dabei die Möglichkeit, viele verschiedene Unternehmen und Projekte kennenzulernen.

Bei all der praktischen Projektorientierung haben wir aber auch einen umfassenden Bildungsanspruch. Der zeigt sich vor allem in unserem Science, Technology & Society Program, in dem wir unseren Studierenden die Gelegenheit bieten, das Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft zu beleuchten und kritisch zu reflektieren.

Das kann aus philosophischer, soziologischer, ökonomischer oder kulturwissenschaftlicher Perspektive erfolgen.

Wer kein Geld verdient, zahlt auch nicht

Auch unser Finanzierungskonzept unterscheidet sich grundlegend von staatlichen Hochschulen. Wir müssen uns, weil wir kein Geld vom Staat bekommen, in erster Linie über Studiengebühren finanzieren.

Anders als an vielen privaten Hochschulen muss bei uns jedoch niemand einen hohen Studienkredit aufnehmen, um monatliche Gebühren zu zahlen. Denn wir möchten die größten Talente für uns gewinnen, nicht nur die mit den wohlhabendsten Eltern.

Die Bezahlung des Studiums beginnt erst dann, wenn unsere Absolventen nach dem Studium einen Job gefunden haben, in dem sie mehr als 30.000 Euro im Jahr verdienen.

Für zehn Jahre gehen dann ca. 6,5 Prozent des Jahresgehalts an unsere Einrichtung zurück. Das sehen wir als faires und solidarisches Modell, mit dem Studierende selbst Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen können.

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Unser wichtigstes Ziel ist es, jungen Erwachsenen eine umfassende Bildung und eine spannende berufliche Perspektive zu bieten und ihnen dafür die Kompetenzen zu vermitteln, die sie auch 20 Jahre später noch erfolgreich sein lassen.

Gerade in Zeiten, in denen so viel Neues in der Welt passiert und aufregende Technologien unser Leben maßgeblich verändern, muss es Aufgabe der Schulen und Hochschulen sein, jungen Menschen Orientierung zu geben und zentrale Kompetenzen zu vermitteln.

Lehrmethoden aus dem letzten Jahrhundert dürfen nicht die Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft sein.

https://code.berlin/

Der Text wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

(jz)

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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