Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Thilo Specht Headshot

Denk ich an Journalismus in der Nacht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Die Huffington Post ist da. Eine Zeitung "nicht auf Papier, sondern nur online", konstatiert Simon Kremer in einem Beitrag für den NDR.

"Sie will in den kommenden zwei Jahren eine der führenden deutschen Nachrichtenseiten werden - neben Spiegel Online und Süddeutsche.de", schreibt Kremer weiter.

Er verdeutlicht mit dieser fatalen Fehleinschätzung, woran die Debatte um den Start der Huffington Post in Deutschland krankt.

Denn die Huffington Post ist keine Zeitung, auch wenn der Name das vermuten lässt. Die HuffPo ist eine Engagement-Plattform, wie Chefredakteur Matthes nicht müde wird zu betonen. Leider ist dieser Marketing-Begriff zu sperrig, zu nichts-sagend.

Er will eigentlich nur vermitteln: Die Huffington Post ist ein Content Management System mit angeschlossener 15-köpfiger Redaktion und Community.

Bezahlter Journalismus ist Teil dieser Plattform. Ein wichtiger Teil, aber eben nur ein Teil. Der andere Teil ist das Redaktionssystem, das möglichst viele Menschen befähigen möchte, ihre Geschichten und Meinungen einem breiten Publikum kund zu tun. Einem Publikum, das von der Marke Huffington Post angelockt wird, die für interessante Inhalte, aber eben keine inhaltliche Linie von Blattmachern steht.

Nur deshalb ist es möglich, dass Boris Becker, René Obermann und Robert Zollitsch für ein und das selbe Medium schreiben. Dass große Namen großes Interesse hervorrufen, ist bekannt. Für die Huffington Post in den USA schrieb bereits Barack Obama. Die New York Times konnte Wladimir Putin als Autoren gewinnen. Für die Washington Post hieb Hassan Rohani in die Tasten. Da ist Ursula von der Leyen immerhin ein Anfang.

Auch die FAZ, die diese Tage gleich aus mehreren Rohren gegen die Engagement-Plattform feuerte, setzt auf große Namen: So ziert HuffPo-Autorin von der Leyen ein Anzeigenmotiv der Frankfurter Allgemeinen. Auf einem Hocker sitzend, hinter der aufgeschlagenen Zeitung versteckt und von hunderten weißen Kaninchen umgeben. Die Botschaft: "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf."

Bei der HuffPo lautet die Botschaft hingegen: "Dafür schreibt manchmal ein kluger Kopf." Ein nicht unwesentlicher Unterschied.

Zumal es eben nicht nur die großen Staatsmänner und -frauen sind, die als Autoren überzeugen. Mit Boris Becker und Uschi Glas hält der Boulevard grandios Einzug in die deutsche Huffington Post.

Die Plattform muss sich nicht entscheiden, ob sie lieber Cicero oder Bunte sein will. Denn es handelt sich nicht um eine Medienmarke im klassischen Sinne. Vielmehr steht die Marke Huffington Post für eine Publishing-Plattform, die wie Wordpress Zillionen von Autoren eine Bühne und Zielgruppen eine Heimat bietet. Wer weiß, am Ende wird sie vielleicht ein wilder Mix aus Cicero, Werben & Verkaufen und Brigitte Community. Oder auch etwas ganz anderes.

Sicher ist jedenfalls: Eine Zeitung ist und wird sie nicht. Aus diesem Grund liegt Simone Kremer auch mit ihrer Vermutung falsch, dass die HuffPo sich an Spiegel Online und Süddeutsche.de orientieren muss, wenn sie in den nächsten zwei Jahren eine führende deutsche Nachrichtenseite werden will.

Denn Nachrichten liefert auch T-Online.de mit seinem Contentangebot, das souverän den IVW Online Index anführt. Die Boulevardinhalte verhelfen der Seite zu fast zehnmal mehr Visits als Süddeutsche.de aufweisen kann. Mehr Besucher als die Website der ehrwürdigen Tageszeitung bekommen auch Kicker online, gutefrage.net und TV Spielfilm Online. Mit Inhalten, die sich zumindest teilweise gut in das Konzept der Engagement-Plattform integrieren lassen.

Ein breites Spektrum an bunten Themen plus intelligente Artikel und gute Debatten zu Ereignissen aus Politik, Wirtschaft und Kultur: Das ist die Benchmark. Sie wird nur zu erreichen sein über das Engagement vieler unterschiedlicher, guter und fachkundiger Autoren.

Dass nun ausgerechnet aus der Blogosphäre der Ruf nach angemessener Vergütung kommt und die "Kostenloskultur" der HuffPo auf Ablehnung stößt, sollte indessen Resignation hervorrufen. Denn es ist keine sechs Monate her, dass die Netzgemeinde (hihi) Sascha Lobo applaudierte, der in seiner Rede auf der re:publica 13 wütend-trotzig-schnodderig feststellte, dass die Internetpeople viel twittern, aber wenig in Sachen Netzpolitik machen. Und Christian Jakubetz wirft in einem klugen Cicero-Artikel hinterher:

"Man müsste, wenn man dem Netz zu mehr Breite in der (Band)Breite verhelfen will, nicht nur Angela Merkel überzeugen, sondern auch die, die Angela Merkel wählen. Davon ist die Re:publica-geprägte Netzgemeinde ungefähr so weit entfernt wie Sascha Lobo von einer anständigen Frisur."

Wäre das nicht ein schöner Traum? Menschen, die wegen der Uschi Glas-Kolumne die deutsche Huffington Post besuchen und für eine Auseinandersetzung über die Vorratsdatenspeicherung auf ihr verweilen? (Auf der HuffPo, nicht auf Uschi.) Ist die Symbiose aus seriösem Journalismus, ambitioniertem Bloggen, kontroverser Diskussion und 25 Dingen, die ein Mann für den Winter braucht, nicht eine wunderbare Chance für den Clash of Internet-Civilizations?

Aber wir reden mal wieder übers Geld. Wie originell. Und so deutsch. Oder, um es mit den Worten von Eric Jarosinski zu sagen: "You know it's autumn in Germany when the leaves turn from gray to dark gray."