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Ich leide unter Angststörungen - jetzt muss ich erleben, wie meine Tochter dasselbe durchmacht

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Von Paula M. Fitzgibbons

Es ist relativ früh an einem Sommerabend, kurz nach Sonnenuntergang. Von meinem Bett aus bemerke ich den Schatten eines dünnen Asts, der über die Ecke der Schlafzimmerwand tanzt.

Ich stehe auf und ziehe den Vorhang fest zu, damit er verschwindet, vorsichtig, um nicht auf meine Tochter zu steigen, die sich ihr Schlafgemach auf dem Boden neben meinem Bett ausgebreitet hatte.

Sie liegt steif unter der schweren Angstdecke, die ich ihr geschaffen habe. Mich kümmert der Schatten wenig, aber ich weiß, er wird meiner Tochter den Schlaf rauben. Zum vierten Mal nacheinander verbringt sie die Nacht nun schon hier.

"Lass uns meditieren", schlage ich ihr vor, nachdem ich zurück ins Bett geklettert bin. "Schließe deine Augen und spanne die Fäuste an."

Die Panikattacken haben nachts begonnen

Ich lese aus einem Handbuch vor, das uns ein Therapeut gegeben hat. Es soll helfen, ängstliche Kinder zu beruhigen. Obwohl es ihr ohnehin langes Nachtritual zur Beruhigung um weitere 10 Minuten verlängert, hat es meine Tochter noch nicht dazu ermutigen können, wieder in ihrem eigenem Zimmer zu schlafen.

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Sie atmet tief ein und aus, wie es im Handbuch steht. Mittlerweile ist diese Taktik zum Alltag geworden. Die Panikattacken haben nachts begonnen. Mit 13 war meine Tochter davon überzeugt, sie würde im Schlaf sterben.

Und während ich da liege und zuhöre, wie sie mit ihrem Atem ringt, überkommt mich eine weitere nagende Sorge: Im Laufe der Jahre, in denen ihre Angstzustände aufkamen, wurde mir mehr und mehr bewusst, dass ich der Grund dafür bin.

Es ist jetzt nach Mitternacht und weder meine Tochter noch ich schlafen. Unter Tränen teilt sie mir mit, sie sei nun bereit für die Medikamente, die ihr Therapeut uns vorgeschlagen hat, um ihr durch ihre schwierigen Zeiten zu helfen.

Es ist möglich, dass die Lage meiner Tochter unausweichlich ist

Aber Medikamente werden uns heute Nacht nicht helfen. Ich singe ihr etwas vor, ein Bettritual, das wir seit Jahren nicht mehr vollzogen hatten, bis sie schließlich ihre Augen schließt und ich vor den Computer husche.

Es ist möglich, dass die Lage meiner Tochter unausweichlich ist. Dass sie mit einer Todesangst in ihren Genen geboren wurde. Die Historie von Frauen mit Angststörung in meiner Familie reicht bis zu meiner Urgroßmutter zurück, die eine grauenvolle Reise von Irland in die Vereinigten Staaten durchlebte.

Forscher gehen in der Tat davon aus, dass es eine genetische Disposition für Angststörungen gibt, aber für eine Weile ging ich davon aus, dass meine Tochter zusätzlich von Epigenetik verflucht war oder dass unsere Erfahrungen sich in in die DNA unserer Kinder einbrennen können.

Irgendwann habe ich mich von dieser Theorie abgewendet, da die Erforschung der Epigenetik immer noch viele Lücken aufweist und ich weder die Zeit noch die mentale Energie aufbringen kann, mich mit einem unbewiesenen Konzept auseinanderzusetzen, wenn unser Problem unmittelbar vor uns steht. Die Angststörung meiner Tochter beeinträchtigt sie in ihrem Alltag und nächtlichen Schlaf.

Meine Tochter wurde bereits vom Tod beeinflusst, ohne es selbst zu merken

Doch während meiner Internetrecherche stoße ich auf den Artikel eines Professors für Gesundheitswesen an der University of Texas in Dallas über das Thema Epigenetik, den ich mir bereits gespeichert hatte. Während ich ihn nochmals durchlese, sticht mir ein Absatz ins Auge, den ich beim ersten Mal übersehen haben musste:

"Die Studie wies keinen Einfluss von sozialen Faktoren auf. Kinder von Überlebenden des Holocausts könnten mit den Berichten über den Schrecken des Krieges großgeworden sein. Josie Glausiusz, eine Teilnehmerin der Yehuda-Studie von 2014, griff diesen Punkt in einem kürzlich veröffentlichtem Essay in der israelischen Zeitung 'Haaretz' auf. Glausiuszs Vater überlebte das Konzentrationslager in Bergen-Belsen. Sie schrieb: 'Mich plagt eine Frage: Wie trennt man die Auswirkung erschreckender Geschehnisse, die man in der Kindheit hört, von den Einflüssen von Epigenetik?'"

Meine Tochter hat keine erschreckenden Geschehnisse miterlebt. Jedoch wurde sie bereits vom Tod beeinflusst, ohne es selbst zu merken. Als sie ein Kleinkind war, verlor ich zwei junge Freunde innerhalb eines Jahres.

Diese Tragödie versetzte mich in eine Angstspirale: Jahrelang konnte ich nachts nicht durchschlafen, weil ich Angst hatte, einer meiner Kinder würde im Schlaf sterben. Nachdem ich die Analyse jenes Professors gelesen habe, frage ich mich, ob mein Verhalten während dieser Zeit meine Tochter gewichtig - und negativ - genug beeinflusst haben könnte, dass sie so viele Jahre später anfälliger für diese Todesangst geworden ist.

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Schon meine Mutter kämpfte gegen die Angst

Ich bin ziemlich sicher, dass meine Angst unter ähnlichen Umständen entstanden ist. Erst kürzlich hatte ich von dem generationsübergreifenden Kampf mit der Angststörung mütterlicherseits erfahren, kurz bevor meine Mutter verstarb.

Sie hatte mich immer gebeten, ihre Medikamente gegen Angststörung von der Apotheke abzuholen; Als ich ihr mitteilte, wie leid es mir tat, dass sie in ihren späteren Jahren von solch einer Angst überfallen worden war, beichtete sie mir traurig: "Liebling, ich hatte Panikattacken, noch bevor du geboren warst. Es fing an, als ich ein Teenager war."

Sie fuhr mit der Geschichte unserer Erblinie fort, einer Kette von Frauen mit unbehandelter Angststörung. She erzählte mir von ihrem jahrelangem Angstleiden, das sie größtenteils still erlitt, und wie mühevoll sie darum kämpfte, dieses in ihren Augen schändliche Geheimnis vor ihren Kindern zu bewahren.

"Mama, warum hast du mir das nie erzählt?", fragte ich sie. "Ich habe dieses Leiden selbst seit Jahren."

"Ich wollte dich nie in etwas hineinziehen", sagte sie.

Meine Angststörung könnte sich in das Bewusstsein meiner Tochter eingebrannt haben

Ich verfüge über keinerlei bewusste Kindheitserinnerung an den Kampf meiner Mutter mit der Angst. Woran ich mich aber erinnern kann, ist, wie oft sie sich in ihr Zimmer zurückzog oder wie sie über lange Phasen hinweg weder Freunde noch Familie sehen wollte.

Ebenso wenig erinnert sich meine Tochter an die Jahre, in denen ich nachts auf dem Flur herumschlich und immer wieder nach ihr und ihren Geschwistern sah, ob sie auch wirklich noch am Leben waren. Sie weiß nicht, wie oft ich mich unter Panik im Bad einsperrte, still darum bemüht, normal weiter zu atmen.

Wie müde und aufgewühlt ich jedoch morgens war, nahm sie höchstwahrscheinlich wahr. Sicherlich verinnerlichte sie meine zerbrechliche Stimme, wenn ich ihr Gutenachtgeschichten vorlas und bemerkte, wie nervös ich wurde, sobald der Abend sich ankündigte.

In anderen Worten: Meine Angststörung könnte sich in das Bewusstsein meiner Tochter eingebrannt haben, ohne, dass ihr die Gründe für diese Ereignisse bewusst sind.

Ich bin dankbar, dass meine Tochter die Behandlung erhält, die sie braucht

Mir ist auch klar, dass sie keine Ahnung von der Behandlung hat, die es mir erlaubt hat, die Panikattacken unter Kontrolle zu halten. Die Frauen in meiner Familie weisen eine Vorgeschichte vom Umgang mit Angststörung auf, die sie größtenteils alleine und heimlich bekämpft haben.

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Eine Sache teile ich nicht mit ihnen: Mithilfe von Therapien habe ich einige Techniken zur Beruhigung erlernt. Ich dokumentiere und meditiere. Auch habe ich meine anfängliche Abneigung von Medikamenten gegen Angstzustände überwunden, nachdem eine Freundin mir versicherte, dass sie ihr effektiv durch eigene Krisenphasen half.

Unter Anleitung meines Arztes begann ich zusätzlich eine regelmäßige Routine and Übungen. All diese Verfahren vereint verschaffen mir eine Stabilität, die ich mir früher nicht vorstellen hätte können.

Ich bin dankbar, dass meine Tochter die Behandlung erhält, die sie braucht und ich hoffe ihr behilflich sein zu können, offen mit ihrer Lage umzugehen. Scham und Schweigen soll sie nicht wie ihre Vorfahren schwächen.

"Liebling, tief im Inneren weißt du, dass du deine Angststörung von deiner Großmutter und mir hast"

Es waren harte Stunden, aber jetzt ist meine Tochter ruhiger. Ich erinnere mich daran, wie ähnlich ich mich jeden Morgen fühlte, wenn sie und ihre Geschwister mich laut aus meinem kurzen Schlaf weckten.

Ich setze mich mit einer Tasse Kaffee ins Wohnzimmer, gegenüber von ihr. "Liebling, tief im Inneren weißt du, dass du deine Angststörung von deiner Großmutter und mir hast", fange ich an. "Aber habe ich dir jemals geschildert, was genau der Auslöser dieser Angst war? Und was genau meine Heilung war?"

Paula M. Fitzgibbons ist eine preisgekrönte Essayistin. Ihre Texte sind unter anderem in der "New York Times" und bei "Scary Mommy" erschienen. Ihr findet sie auf ihrer Website "Mommy Means It" und auf Facebook, Twitter, Pinterest und Instagram.

Dieser Blog erschien ursprünglich in der HuffPost USA und wurde von Maltem Yurt aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)