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Casual Sex oder: Die Lizenz zum Kommen

04/11/2015 16:12 CET | Aktualisiert 04/11/2016 10:12 CET
B2M Productions via Getty Images

Was tun, wenn man als Frau Lust auf Sex, aber keinen Mann zur Verfügung hat? In eine Bar gehen war gestern, der moderne Mensch geht heute online und klickt sich durch Selfie-Fotos. Auch ich nutze eine der etlichen Dating-Plattformen und aktiviere auf meinem Profil Casual Sex. Auf Deutsch: Ich signalisiere meine Bereitschaft für eine lockere, unverbindliche Nummer.

Weiblich, ledig, geil, sucht...

Montagmittags schreibt mir jemand, der nicht so ganz mein Typ ist, aber sympathisch zu sein scheint - trotz oder wegen des Fotos mit Hund. Ihm geht es um diesen Casual Sex. Allerdings schreibt er in seinem Profil, dass das Erste, was Leute an ihm wahrnehmen, sei, dass er so gut rieche - da gehen bei mir gleich mal die Alarmglocken an: Das könnte der Hinweis auf ein zu starkes Parfüm sein, worauf ich gar nicht stehe, egal, wie gut er dann duftet. Aber irgendwas ist ja immer - und schließlich will ich nur eine schnelle Nummer.

Eigentlich geht es von Anfang an schnell. Innerhalb weniger Chat-Sätze wird es zu unserem erklärten Ziel, diesen sogenannten Casual Sex zu praktizieren, falls wir uns sympathisch finden. Das soll bei einem spätabendlichen Treffen in der Kneipe herausgefunden werden. Dort sitzt er schon, als ich regennass hineinkomme.

Erster Eindruck:

Er sieht natürlich nicht so gut aus wie auf den Fotos, vor allem ist er klein. Klar, da hatte 1,74 m gestanden, dem hatte ich zu wenig Bedeutung geschenkt. Dann erzählt er auch noch, dass der Hund, der mit ihm auf seinem Profilbild zu sehen war, vor kurzem gestorben ist. Na ja, irgendwas ist sowieso immer, das hatten wir schon.

Mein Date entpuppt sich als erfahrener Online-Dater, dessen Rendezvous häufig ihr Ende im Bett fanden. Sex mit Ansage ist aber auch für ihn neu. Bald wird klar, dass er eigentlich nur auf der Suche nach der großen Liebe ist. Doch auf dem Weg zur Prinzessin muss man viele Fröschinnen ficken, wer weiß das nicht?

Wir bleiben relativ anonym und schon nach einem Bier verlassen wir die Kneipe, um in seine nahe gelegene WG zu gehen. Sein Zimmer ist eher spartanisch eingerichtet und sehr aufgeräumt, sein Mitbewohner hat ihm zwei Kondome hingelegt. Sein Bett hat genau die Höhe, um im Stehen eine liegende Frau zu vögeln.

Ich setze mich auf das kleine Sofa und höre ihn im Bad mit Wasser gurgeln. Die Situation ist schon schräg, weil wir ohne natürlichen Hergang und ohne ersichtlichen Reiz jetzt miteinander schlafen wollen. Dann also los: Wir beginnen klassisch mit Küssen, und ich bin komplett erleichtert, dass er gut küsst. Bald sind wir halb nackt.

Sofasurfing mal anders

Ich beharre darauf, das Sofa nicht zu verlassen. Sofas bieten tolle Möglichkeiten: sich abzustützen, hinzuknien, drüberzulehnen. Wenn ich es mir genau überlege, hatte ich viel besseren Sex auf Sofas als in Betten. Er liegt jetzt auf dem Rücken, und ich kann mich frei über ihm bewegen.

„Du bist ganz schön dominant", findet er, aber vielleicht bin ich auch einfach nur kontrollierend. Oder egoistisch. Er erklärt, dass er mich lecken wolle, und ich wandere mit meinem Schoß über sein Gesicht. Ich liebe diese Position. Das ist so unheimlich geil. Er kann bequem lecken und dabei noch meine Brustwarzen anfassen. Ich schmelze dahin. Ich laufe aus. Diese Stellung ist fast eine Garantie dafür, dass ich komme. Es ist eine Garantie - ich komme. Und sacke auf ihm zusammen.

Danach bedanke ich mich mit einem Blowjob, bei dem er dann seinerseits dominant ist und mir seinen Schwanz tief in den Rachen stößt. Und hier wird mir schon klar, dass er einer von diesen sehr abgehärteten Typen ist, die nie kommen, die immer weitermachen wollen.

Ich löse meine Lippen von seinem Schwanz und spreche das Thema an, denn die Missverständnisse, die mit der erwarteten Dauer des Sex einhergehen, sind mir bekannt. Seine Antwort: „Ich hätte schon dreimal kommen können. Ich kann kommen, wann du willst. Ich kann auch gar nicht kommen."

Aha. Das habe ich mir schon gedacht: ein Wunschkonzert. Hier hat mal wieder jemand seinen Schwanz sehr gut unter Kontrolle. Ist ja auch kein Wunder mit Mitte 30. Allerdings bin ich einfach kein Fan von ewiger Rammelei, nachdem ich schon gekommen bin. Er wirft mir vor, dass es mir nur um den Orgasmus gehen würde - und ehrlich gesagt: Ja, ich will kommen, warum auch nicht?

Orgas-Muss?!

„Wir sind doch keine 15 mehr, dass wir unbedingt kommen müssen", meint er - und mir wird ein weiteres Mal die konträre sexuelle Entwicklung von Mann und Frau klar: Mit 15 kommen die Jungs reihenweise, unkontrolliert, oft zu früh, wollen abspritzen. Die Mädchen dagegen bewegen sich aus Mangel an Erfahrungen und Kenntnissen des eigenen Körpers eher in Orgasmus-fernen Regionen.

„Ist doch auch so ein schönes gemeinsames Erlebnis", texten Zeitschriften wie die Bravo für die jugendlichen Sexanfänger - der Orgasmus der Frau soll hier anscheinend nicht das erklärte Ziel sein. Der Weg zum männlichen Orgasmus ist das Ziel.

Dann vergeht Zeit, und alle gewinnen an Erfahrungen: Die Männer lernen, länger und kontrollierter zu können, die Frauen lernen, wie sie einen Orgasmus bekommen. Und so dreht sich das Ganze dahin um, dass die Frauen reihenweise kommen und die Männer gar nicht mehr unbedingt kommen müssen. Verrückt.

Gut, solange ich komme beziehungsweise gekommen bin, kann es mir ja auch egal sein, ob er es will oder nicht, ist ja im Endeffekt seine Sache, aber irgendwie gehört es doch dazu, dass er auch kommt. Und ja, danach ist es dann erst mal zu Ende. So ist das - wie viele Dinge hat auch Sex einen Anfang und ein Ende. Und leider muss ich da opportunistisch sein und kann nicht warten, obwohl wir erst eine Dreiviertelstunde gefickt haben, bis ich mir mal überlege zu kommen.

Wenn ich merke, oh, das ist gut, das ist geil - dann komme ich, verdammt noch mal! Wie ein 15-jähriger Teenie-Typ! Klar, ich könnte einfach weitermachen und später noch mal kommen, aber ehrlich gesagt, nach einem heftigen Orgasmus bin ich auch mal kurz ausgeschaltet und chille gerne ein bisschen. Und spüre nach. Wie Männer halt. Irgendwie ist es meine Mission, mit diesem Vorurteil aufzuräumen, dass der Sex ewig dauern muss, damit es für die Frau schön ist. Warum denkt das jeder Mann?

Gekommen, um zu kommen

Ich erteile ihm also feierlich die Lizenz zum Kommen. Das ist zwar nicht so ganz in seinem Sinne, das hat er sich anders vorgestellt, aber schließlich platziert er mich auf den Rücken, dann doch auf seinem Bett. Er legt meine Beine auf seine Schultern und fickt mich, bis er kommt. Oder besser gesagt, bringt sich in mir zum Orgasmus. Ich merke nicht groß, dass es passiert, denn er lässt es sich nicht groß anmerken. Keine entglittenen Gesichtszüge, kein verkrampfter Körper. Einfach mal kurz nebenbei Sperma im Kondom abgeladen.

Schade eigentlich. Ich mag es, wenn der Mann mal kurz wegtritt, schwer atmend und schweißig auf mir liegt, der Penis in mir pulsiert. Ich will ihn zusammensacken sehen, unkontrolliert. Weil ich das auch mache.

Er soll beim Orgasmus keine Gebete aussprechen oder schreien oder gegen die Wand hauen - aber irgendeine nach außen getragene Reaktion der inneren Explosion bitte!

Das ganze Treffen dauerte insgesamt nicht mal zweieinhalb Stunden. Es ist 1.30 Uhr in einer Montagnacht, als ich seine Wohnung verlasse. Ich will in meinem eigenen Bett schlafen - schließlich bin ich nur gekommen, um zu kommen.

Weder Vivien noch Doris antworten auf meine Whatsapp-Nachricht, dass ich wieder zu Hause bin. Also esse ich das restliche Popcorn, das ich noch vom Kino vorher in meiner Tasche habe, dann dusche ich. Der Geruch muss ab. Nicht der Sexgeruch, sondern das schreckliche Parfüm - meine Interpretation seiner Profilangabe war leider korrekt.

Als ich im Bett liege, hätte ich gerne jemanden zum Kuscheln. Aber nicht ihn. Es war eine nette Begegnung, der Sex war okay, aber flashig ist was anderes. Jetzt reagiert Doris doch endlich auf Whatsapp. Sie schreibt: „What the fuck is casual sex?"

Ich antworte: „Casual Sex ist, wenn du kommen darfst, wann du willst!"

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Ohne Orgasmus wäre ich nie gekommen

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Erscheinungsform: Originalausgabe

Erscheinungsdatum: Juli 2015

ISBN: eBook 978-3-95885-062-0

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