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The Tandem Ramble Headshot

Der Tag, an dem ich beschloss, mein altes Leben aufzugeben und ohne Geld um die Welt zu reisen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRAVEL
Benjamin Nerding
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Mein Name ist Benjamin Nerding und ich reise seit Februar 2011 um die Welt. Bis zum heutigen Zeitpunkthabe ich 62 Länder bereist. Ich liebte schon immer neue Herausforderungen: Fallschirmspringen, Ironman und Klettern waren einige meiner Hobbys vor dem Reisen.

Nach der Beendigung meiner Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, hatte ich drei Monate Zeit - also beschloss ich, meinen Rucksack zu packen und von meiner Haustür in Landau in der Pfalz durch Deutschland Richtung Alpen in Österreich und der Schweiz zu wandern.

Nach diesem Backpack Trip strebte ich eine Ausbildung bei der Berufsfeuerwehr an. Mein Englisch war zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich gut. Deswegen wollte ich den deutschsprachigen Raum nicht verlassen.

Nach den ersten sieben Stunden zu Fuß packte mich jedoch die Ungeduld, da die Umgebung immer noch so vertraut aussah. Das war der Moment, wo ich mich dazu entschlossen habe mit dem Trampen anzufangen.

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Nach drei Wochen Wandern änderten sich meine Pläne

Ich konnte kaum glauben, wie nett die Menschen waren. Es war selten ein Problem eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Noch am ersten Tag war ich in der Schweiz. Nach ungefähr drei Wochen wandern durch die Schweizer Alpen änderten sich meine Pläne.

Mein neues Ziel war Istanbul. Ich fand immer einen Schlafplatz. Leute, die ich unterwegs traf, baten mir ein Bett für die Nacht an. Manchmal schlief ich auch in Klöstern oder im Zelt. Erst nach geraumer Zeit begann ich Couchsurfing zu nutzen.

Die drei Monate vergingen. Aber meine Reise war noch lange nicht zu Ende. Ich wollte noch sehr viel mehr von der Welt sehen. Also sagte ich alle Jobinterviews ab und verabschiedete mich von meiner damaligen Freundin. Meine Eltern waren zwar überrascht, wussten aber schon damals, dass ich von meinen Plänen sehr schwer abzubringen bin.

Wenn ich meine Geschichte erzähle, werde ich nach den ersten Minuten oft gefragt, wie ich mir das leisten kann. Transportkosten habe ich keine, da ich immer zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin. Trampen, selbst mit Schiffen ist eine weitere Option.

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88 Millionen Lebensmittel werden in der EU weggeworfen

Mit viel Ausdauer, Geduld und Kraft lebe ich sogar meistens besser als vor meiner Reise. Denn: Alleine in der EU werden 88 Millionen Tonnen Lebensmittel, weggeworfen. Diese Nahrungsmittel sind in den meisten Fällen noch verwertbar, entsprechen aber nicht der Norm oder die Verpackung ist beschädigt. Das Mindestverfallsdatum ist sehr oft maßlos übertrieben. Sammeln von Wildobst und -Gemüse hilft mir auch weiter. Das ist ein ständiger Lernprozess.

Natürlich dauert es manchmal Stunden, bis ich etwas finde, zu Fuß kann da auch mal ein Tag vergehen. Meistens habe ich jedoch genug Proviant übrig, sodass ich keinen Hunger leiden muss. Die Auswahl ist sicherlich oft begrenzt, manchmal jedoch überwältigend. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.

Als ich das erste Mal mit jemandem containern ging, fühlte ich mich schon ein wenig seltsam! Damals haben wir aber 4 kg Pralinen gefunden. Mit der Zeit wurde es zur Normalität.

Nach sechs Jahren weiß ich jetzt auch sehr schnell, wo ich was zu essen finde. Anfangs war das nicht so leicht. Dennoch gibt es manchmal Tage, an denen man an seine Grenzen kommt und einfach etwas essen will, ohne lange zu suchen.

Krankheiten muss ich aushalten

Glücklicherweise werde ich so gut wie nie krank. Falls es doch einmal vorkommt, wird es eben ausgeschwitzt. Diese Art zu Reisen ist kein Urlaub. Es ist sehr anspruchsvolle und harte Arbeit. Jeden Tag irgendwo anders zu schlafen und eine neue Person kennenzulernen, ist nicht nur interessant, sondern auch sehr anstrengend.

Ich glaube, viele Leute verstehen gar nicht, welche Herausforderung so eine Reise darstellt. Manchmal vermisse ich die Ruhe und Routine. So absurd es für Außenstehende klingen mag.

Seit zwei Jahren reise ich mit meiner Freundin Marta, die ich in Jordanien kennengelernt habe. Wir sind gerade auf einer viermonatigen 8000 km Testfahrt durch Frankreich, Belgien, Großbritannien, Irland und Island. Anfang nächsten Jahres planen wir gemeinsam auf einem Segelboot anzuheuern, um den Atlantik nach Südamerika zu durchqueren.

Unser Vorhaben ist es von Patagonien nach Alaska mit einem Velotraum Tandem zu fahren. Hierbei werden wir alle Länder in Süd-, Mittel- und Nordamerika durchqueren. Nach dieser Reise, die sicherlich einige Jahre dauern wird, geht es nach Asien. Mal sehen, was danach kommt. Nach meiner Reise strebe ich ein Farmleben in Marokko an, welches aus diversen Gründen mein Lieblingsland ist.

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Die Gastfreundschaft ist unglaubhlich groß

Es ist immer wieder erstaunlich die Kulturunterschiede zu spüren. Ich erlebe überall eine große Begeisterung für meine Reisen und tolle Unterstützung. Manchmal ist die Gastfreundschaft so groß, dass mir die Tränen kommen.

Meine Reise hat mich jedoch zum Nachdenken gebracht. In einer Welt in der Neid, Habgier und Missgunst regieren, fühle ich mich als Reisender doch sehr oft willkommen. Natürlich gibt es hierbei auch seltene Ausnahmen, die sehr eintauschend sind.

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Sehr häufig melden sich alte Bekanntschaften bei mir und teilen mir mit, dass sie meine Reise derart motiviert hat, dass sie selbst auf Wanderschaft gegangen sind. Ich kann noch immer nicht glauben, welchen Eindruck ich bei den manche Menschen hinterlasse.

Es ist sehr befriedigend zu wissen, dass ich Andere von dem begeistern kann, was seit sechs Jahren mein ganzes Leben ist - das Reisen. Viele Reisende schreiben schon nach wenigen Wochen ein Buch über das Erlebte. Ich hingegen möchte Menschen direkt ansprechen und inspirieren.

Ich habe den besten Reisepass der Welt

Es wäre doch eine Schande, wenn ich nicht das machen würde, wovon so viele träumen. Ich bin körperlich und mental stark genug, um mich durchzukämpfen. Als Deutscher besitze ich zudem den besten Reisepass der Welt. So viele Menschen haben leider nicht die Voraussetzungen oder Abenteuerlust unseren Planeten zu bereisen.

Trotzdem werde ich manchmal gefragt, warum ich das alles mache. Ob ich nicht genug bekomme. Die Antwort ist relativ einfach. Normalerweise erlebt man immer weniger Neues, wenn man älter wird. Die Sinne stumpfen ab und man bewegt sich in seinem alltäglichen Hamsterrad.

Doch auf Reisen erlebe ich jeden Tag neue Situationen, auf die ich mich anpassen muss. Deswegen fühle ich mich jeden Tag wie ein kleines Kind mit der gleichen Lernkurve. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als ein Leben lang das Leben zu studieren.

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Der Text wurde von Katharina Pichler aufgezeichnet.

Alle Interessierten können Benjamin und Marta schon jetzt auf Facebook und ihrem englischsprachigen Reise-Blog thetandemramble bei ihren Abenteuern begleiten.

Mehr Bilder von den beiden gibt es hier.

Selbstgedrehte Videos der beiden Abenteurer sowie Medienberichte könnt ihr euch hier ansehen.

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