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Warum unsere Generation ein Problem mit der Kindererziehung hat

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Erinnerst Du Dich an Deine Kindheit?

Wie Hundemarken trugen wir unsere Hausschlüssel um den Hals. Wenn wir von der Schule nach Hause kamen, schlossen wir selber die Tür auf, weil unsere Eltern bei der Arbeit waren. Mit dem Pfandgeld leerer Getränkedosen kauften wir uns Kaugummizigaretten. Dafür überquerten wir sogar stark befahrene Kreuzungen.

Unsere Spielplätze waren Baustellen, Schutthaufen und Bäche. Wir sammelten Schlangen und Schildkröten und nahmen sie mit nach Hause. Wir kletterten auf Bäume, sauten unsere Klamotten ein und stiegen auf die Zäune in die Nachbarsgärten.

In den Ferien rannten wir barfuß herum. Unsere Fußsohlen waren schwarz wie Kohle und unter unseren Fußnägeln sammelte sich der Dreck.

Wir fuhren mit Skateboards, Roller Skates und Fahrrädern umher und unsere Babyboomer-Eltern verspotteten uns, wenn wir sie baten, uns irgendwo hinzufahren. Viel zu sehr waren sie damit beschäftigt, Zeitung zu lesen, Seifenopern im Fernsehen anzuschauen und mit den Nachbarn vor dem Haus ein Bierchen zu trinken.

Wir durften erst bei Dunkelheit reinkommen - keine Sekunde früher.

Heutzutage lassen wir unsere Kinder so gut wie nie aus den Augen

Wir haben unsere Kinder spät bekommen. Vielleicht zu spät. Jetzt sind wir genervte Mitvierziger mit Schlafentzug. Die chlorfreien, kompostierbaren Windeln unserer Kinder wechseln wir während der Fernseher läuft und sich die siebenjährige Zeichentrickheldin aus „Dora the Explorer" direkt vor unseren Augen in einen hormongesteuerten Teenager verwandelt.

Wir behaupten zwar, dass wir es nicht bedauern, so lange mit dem Kinderkriegen gewartet zu haben. Schließlich wollten wir uns zuerst beruflich etablieren und genug Geld zurücklegen. Dennoch wissen wir verdammt genau, dass unsere Karriere besser sein könnte und unser finanzielles Polster nicht mal im Ansatz existiert.

Wir karren unsere Kinder zum Schach, zum Roboter-Bauen, zum Sport, zum Ballett, zur Cello-, zur Schwimmstunde und zu Geburtstagspartys. Wie verrückte Zirkusdirektoren dirigieren sie unser Leben. Trotzdem glauben wir fest daran, dass all diese Aktivitäten sie zu vielfältigen, sozialen, intellektuellen, wettbewerbsfähigen und kreativen Wesen machen.

Heutzutage lassen wir unsere Kinder so gut wie nie aus den Augen. Wir begreifen sie als Erweiterung von uns selbst. Sie sind wie Knospen an unseren Zweigen. Die Qualität, die Langlebigkeit und Schönheit ihrer Blüte hängt komplett von unserer vorsichtigen, ausgewogenen und bewussten Pflege ab.

Wir stecken sie in Tragetücher, Rucksäcke und Kinderwägen, wenn sie Babys sind. Im Kindergartenalter legen wir sie an die Leine. Und wenn sie ins Teenageralter kommen, überwachen wir all ihre Schritte mit GPS und Apps.

Kinder schlafen bis zum Ende der Grundschulzeit bei den Eltern.

Schon mit neun Jahren jobbten wir als Babysitter (auch wenn unsere einzige Verantwortung darin bestand, Geld dafür zu verlangen). Als Eltern engagieren wir heute nur hochqualifiziertes Personal mit Uni-Abschluss, Erste-Hilfe-Kurs und guten Referenzen.

Sogar die Pinterest-Pinnwände potentieller Kandidaten überprüfen wir. Schließlich soll ein Babysitter nicht nur unsere Kinder beaufsichtigen, sondern mit ihnen Origami falten, Szenen aus Shakespeare nachspielen und sie in Philosophie und Mandarin unterrichten.

Heute werden Kinder mit Preisen überhäuft

Früher erhielt nur einer von 256 Schülern eine Auszeichnung. Aber nur dann, wenn er tatsächlich das Rennen gewonnen hat bzw. die beste Note bei einem Test erreicht oder die meisten Cookies bei den Pfadfindern im gesamten Bundesstaat verkauft hat. Der Rest hat verloren. Es war überhaupt kein Problem für uns, Verlierer zu sein.

Wenn wir beim Völkerball-Spiel als letztes ausgewählt wurden, weinten wir deswegen nicht. Uns wurde eingebläut, stark und erwachsen zu sein - und Kränkungen einfach abzuschütteln. Verhätscheln? Das existierte nicht.

Medaillen, Trophäen, Bänder und Lametta für den „besten Stuhlwärmer" oder „den besten Snack" zieren massenhaft Kinderzimmer und verwandeln sie in Heiligtümer. Sie bekommen für jede Kleinigkeit eine Auszeichnung: Nur weil sie sich bemüht haben, oder irgendwo hingegangen sind.

Damals kam unser Essen aus der Dose und der Tiefkühltruhe. Wir schlangen Fertigpizzas und Fertiggerichte vor dem Fernseher hinunter. Unser Fernsehapparat verfügte über genau vier funktionierende Programme - bei Regen nur drei.

Wir nahmen alle möglichen Farb-, Zusatz- und Konservierungsstoffe auf. Unsere tägliche Vitamin-C-Dosis stammte aus Softgetränken und Getränkepulver mit Orangengeschmack. Niemals hätten wir unseren Eltern zu sagen gewagt, dass das Essen nicht schmeckt und wir etwas anderes wollen.

Wir aßen alles auf - und zwar jeden Krümel. Wenn wir es nicht taten, erinnerte man uns an die hungernden Kinder in der Dritten Welt. Außerdem bekamen wir den Rest am nächsten Tag zum Frühstück vorgesetzt: so kalt wie Eis und so gummiartig wie Furzkissen.

Heute ist das ganz anders: Eltern verbringen Stunden in der Küche, um ihren Sprösslingen das perfekte, glutenfreie, kunstvolle, handgemachte, hormonfreie, ethische Essen aus heimischen und organischen Zutaten zuzubereiten. Und solange unsere Kinder es probieren - auch wenn sie es nur ganz kurz mit der Zunge berühren - dürfen sie es danach in den Biomüll schmeißen.

In unserer Jugend hatten wir daheim Aufgaben zu erfüllen

Wir mussten Linoleumböden schrubben, Wäsche zusammenlegen, Silber polieren, Toiletten putzen, Vorhänge bügeln und das Auto waschen.

Wir erledigten das, weil es uns die Eltern sagten. Sie hatten Rückgrat und waren Diktatoren, vor denen wir genauso viel Angst hatten wie vor Gorbatschow, Fidel Castro und nuklearen Sprengköpfen.

Es gab keine bunten Aufgaben-Listen an der Wand mit Sternchen und Smileys. Es gab für Hausarbeit auch kein Geld. Um welches zu verdienen, trugen wir Zeitungen aus, mähten Rasen, packten im Supermarkt Lebensmittel ein, machten Telefondienst und räumten im Restaurant Tische ab.

Unsere eigenen Kinder dagegen bekommen Taschengeld nur für ihre Existenz. Sie sind viel zu beschäftigt, um zu arbeiten. Ihnen bietet sich eine schwindelerregende Auswahl an Möglichkeiten: Ihre Kindheit ist wie ein All-you-can-eat-Buffett in einem Luxus-Hotel.

Sie können sich sogar ihre eigene Erziehung aussuchen. Auszeiten? Einschränkungen? Äh, zum Teufel, was bedeutet das schon? Es ist ja nicht so, dass sie das Wort "Nein" kennen.

In der Schule mussten wir damals Schreibschrift lernen. Um Himmels Willen Schreibschrift! Wir mussten Sätze in Diagrammform darstellen. Wenn unsere Klasse bei einem Test durchfiel, berechneten die Lehrer den Notenschlüssel nie neu, um den Klassenschnitt zu heben.

Nur selten kamen unsere Eltern in die Schule. Sie vertrauten den Lehrern und überließen ihnen unsere Ausbildung.

Niemand von uns war begabt. Unsere Kinder dagegen sind alle begabt

Unser Kinder werden sich später einmal beschweren, dass wir sie zu sehr geliebt haben. Dass wir ihnen nicht beigebracht haben, wie man sein Geld verdient und wie man spart. Dass wir sie nicht ihre eigenen Fehler machen ließen, sie sich nicht genug blamieren durften.

Dass sie mehr Regeln gebraucht hätten, mehr Unabhängigkeit und weniger Freundschaft. Weniger Sendezeit, weniger Struktur, weniger paranoide, panikmachende Internetlinks.

Irgendwann werden wir begreifen, dass unsere Kinder wahrscheinlich genauso abgefuckt sind wie wir. Trotz der vielen Erziehungsbücher, den Blogs, den Facebook-Gruppen, den Twitter- Hashtags und den Pinterest-Pinnwänden, denen wir es zu verdanken haben, dass wir uns permanent schuldig fühlen und sich unser Instinkt und unser Einfühlungsvermögen in Luft auflösen.

Ein Kind großzuziehen, ist auch heute noch ziemlich schwer. Und wie die Generationen von Eltern vor uns, improvisieren wir im Laufe der Zeit genauso.

Mit Sofdrinks und allem.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Corinna Schneider aus dem Englischen übersetzt.

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