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The Maddie Project Headshot

Manchmal ist die Liebe einer Mutter nicht genug

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MADDIE AND NICOLE
Nicole German
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Von Nicole German, Maddies Mutter und Gründerin von The Maddie Project.

Maddie war mein erstes Kind.

Meine erste Tochter.

Mein erstes kleines Wunder.

Meine erste Erfahrung, als Mutter zu lieben - etwas, was sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Von dem Moment an, in dem ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, in dem ich die schwachen grauen Umrisse des Ultraschallbilds gesehen habe, bis ihre großen brauen Augen auf die meinen trafen, als sie geboren wurde.

Es gibt nichts, was ich nicht für sie getan hätte.

Ich erinnere mich, wie sie, als sie klein war, auf dem Bürgersteig rannte, über den Randstein stolperte und mit dem Gesicht auf dem Beton aufschlug. Das war nicht schön. Sie schrie und stand auf und rannte zu mir, genauso wie ich mit offenen Armen auf sie zu rannte.

Ich schloss sie in meine Arme und hielt sie fest an mich gedrückt, während Blut über meine Schulter rannte. Nach ein paar Minuten konnte ich sie trösten, sie beruhigen und dafür sorgen, dass sie sich besser fühlte.

Selbst, als sie älter wurde und jemand in der Schule gemein zu ihr war, kam sie heim, wir redeten über alles und so konnte ich ihr helfen, dass sie sich wohler fühlte.

the maddie project

Die Kraft der Liebe einer Mutter

Als Maddie aber immer stärker unter Angststörungen und Depressionen litt, wusste ich, das schaffe ich nicht allein. Eiscreme, meine Umarmungen und bedingungslose Liebe sind nicht mehr genug, um sie zu trösten und dafür zu sorgen, dass sie sich besser fühlte.

Sie brauchte mehr. So viel mehr. Ich liebte sie nach wie vor und kümmerte mich um sie, aber ich musste meine Rolle ausbauen und mich um ihre medizinische Versorgung kümmern.

Ich war jeden Tag unzählige Stunden für sie da - wenn sie zum Beispiel mitten am Tag von der Schule anrief und mich brauchte, aber auch, um Therapeuten zu suchen, Programme, um ihren Namen auf Wartelisten hinzuzufügen, sie zu Arztterminen zu bringen, mit ihren Lehrern zu sprechen - und noch häufiger als all das, um neben ihr zu liegen und sie im Arm zu halten, damit sie wusste, dass sie nicht allein ist. Einfach nur bei ihr sein.

Jeder Tag warf uns neue Steine in den Weg. Weil sie sich schlecht fühlte, weil sie versuchte, Leuten klar zu machen, dass sie sich nicht gut fühlte, obwohl sie noch nicht mit Angststörungen "diagnostiziert" worden war, weil sie auf der Warteliste stand, um einen Psychiater zu sehen.

Aber auch, weil ich mit meinem eigenen Stress und meiner eigenen Erschöpfung zu kämpfen hatte.

Es ging ihr nicht schlecht genug, um Hilfe zu bekommen

Ich versuchte so sehr, die Initiative zu ergreifen und ihr die medizinische Versorgung zu verschaffen, die sie brauchte. Nach außen hin wirkte Maddie nicht krank - sie hatte Freunde, war durchschnittlich in der Schule, machte Sport und hatte eine Familie, die sie liebte, deswegen wirkte ihr Fall nicht "schlimm genug", als dass man sie priorisiert hätte.

Die echte Herausforderung kam erst, als sich ihre Krankheit so stark verschlimmerte, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen. Erst dann bekam sie Zugriff zu der Hilfe im Krankenhaus, die sie so sehr brauchte: einen Psychiater, Psychologen, Verhaltenstherapeuten, mitfühlende Lehrer und mehr.

Das war aber nur für kurze Zeit. Sobald sie sich ein wenig besser fühlte, wurde sie entlassen und fand sich in einem Wartelisten-Szenario für Kontrolluntersuchungen wieder.

Viele Menschen fragen mich, wie ich den Mut und die Kraft aufbringe, Maddies Geschichte zu erzählen und zu versuchen, Dinge zu verändern. Wie viele andere auch habe ich diesen Schmerz erlebt, der so stark ist, dass ich die letzte Energie, die mir zur Verfügung steht, aufbringen muss, damit kein Kind, keine Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde oder Gemeinden mehr solch eine schreckliche Tragödie erleben müssen.

nicole and maddie

Selbstmord ist furchtbar.

Es fällt sogar schwer, dieses Wort zu sagen, geschweige denn sich vorzustellen, dass jemand, der einem nahe steht, glaubt, das einzig mögliche Schritt vorwärts ist, sich das Leben zu nehmen.

Das ist schwer nachzuvollziehen - es wirkt surreal auf so vielen Ebenen.

Aber stell es dir mal eine Minute lang vor. Stell dir vor, du verlierst einen der Menschen, die du am meisten liebst, weil sie sich umbringen. Spürst du den Stich in der Magengegend? Rast dein Herz? Hast du Tränen in den Augen und spürst Angst in den Knochen?

Wir können Kleinigkeiten verändern, zum Beispiel die Hand ausstrecken, wenn dein Kind oder dein Freund Hilfe braucht. Den Druck reduzieren, den wir auf Jugendliche ausüben. Das offene Gespräch über die psychische Gesundheit junger Leute suchen hilft ebenfalls.

Wir müssen aber auch große Veränderungen schaffen.

Wir müssen ALLEN Jugendlichen sofortigen Zugang zu Hilfe verschaffen, wenn sie sie gerade brauchen. Keine Wartelisten, keine Altersbeschränkungen, keine Vorauswahl.

Wir müssen uns dafür engagieren, Kinder zu identifizieren, die anfälliger sind für diese Art von Krankheiten - zum Beispiel wegen ihrer Familiengeschichte, traumatischen Momenten in deren Leben (Tod, Missbrauch, Scheidung, Schulwechsel).

Wir müssen bei jährlichen ärztlichen Untersuchungen auch deren mentale Gesundheit checken, Bewusstseins- und Bewältigungsstrategien in die Lehrpläne in Schulen einführen. Stigmata entfernen, damit wir offen darüber reden können, dass unsere Kinder krank sind und mit Depressionen oder Angststörungen kämpfen und Hilfe brauchen.

Wir müssen Wartelisten eliminieren. Und dürfen nicht über andere urteilen.

Das ist mein Grund.

Ich wünsche niemandem auf der Welt, diesen Kummer und Schmerz, den ich und Maddies Familie und so viele andere, die Mitglieder in "unserem Club" sind, erleben zu müssen.

Maddie kommt nach der Schule nicht mehr heim, um ihre Schultasche in eine Ecke zu werfen, die Küche durcheinanderzubringen und ihre Brüder zu ärgern. Aber in Gedanken ist sie bei mir, jede Minute eines jeden Tages.

Wenn ich morgens nach meiner Zahnbürste greife, wenn ich den Tisch decke, wenn ich meine Kleidung für den Tag heraussuche, wenn ich sehe, wie Mütter sich mit ihren Töchter unterhalten, während sie über die Straße spazieren.

Und so schwer und traurig es an manchen Tagen ist, sie in Gedanken immer bei mir zu haben, will ich niemals auch nur ein winziges bisschen davon missen.

Maddie war mein erstes Kind.

Mein erste Tochter.

Mein erstes kleines Wunder.

Und nun ist sie weg.

Die Liebe ihrer Mutter war nicht genug.

Bitte hilf uns.

Leuchte hell über uns.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post Kanada und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.