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"Es ist absurd und geradezu obszön, wie weit verbreitet es ist" - Opfer von Kindesmissbrauch erzählen ihre Geschichten

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UNSPLASH CLAUDIA SORAYA
Unsplash/Claudia Soraya
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Laut einer aktuellen Studie des Kinderhilfswerks Unicef sind weltweit etwa 15 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren schon einmal zum Sex oder zu anderen sexuellen Handlungen gezwungen worden. Die Gewalt gegen Kinder sei "wirklich besorgniserregend", sagte Cornelius Williams von der Unicef-Abteilung für Kinderschutz.

Kindesmissbrauch findet am häufigsten in der Familie statt, eine Tatsache, über die viel zu wenig geredet wird. Ein großes Problem, denn das Schweigen schützt die Täter.

Was es bedeutet, von einem Familienmitglied missbraucht zu werden, wo die Fehler der Justiz liegen und wie Überlebende trotzdem ein geregeltes Leben führen können, berichten Betroffene in diesem Beitrag.

Warnung: Dieser Text enthält Beschreibungen sexueller Gewalt.

von Annie Mok

Wir müssen über eine Form von Missbrauch sprechen, die die Gesellschaft schon seit viel zu langer Zeit tot schweigt.

Vor Kurzem interviewte ich Opfer sexueller Gewalt per E-Mail - Menschen, die in ihrer Kindheit von Familienmitgliedern sexuell traumatisiert worden sind. Ich fand heraus, dass jedes Opfer wie ein Detektiv in seinem eigenen Fall ermittelte, um herauszufinden, warum ihnen sexuelle Gewalt angetan wurde.

Mit 25 ging ich, angeregt von meinen eigenen Erlebnissen, zum ersten Mal in Therapie. Ich begann, zu hinterfragen, warum ich stets dieses "Übelkeit erregende Bewusstsein" in mir trug (diese Beschreibung habe ich einmal gelesen). Meine Entdeckung: Ich wurde als Kind sexuell missbraucht.

Meine Mutter hat mich vergewaltigt

Das Bild meiner Mutter, die mich als Kind vergewaltigte, verfolgte mich, seitdem ich mir diese Erinnerung wieder bewusst gemacht hatte. Ich konnte mir jedoch nicht erklären, woher dieses Bild kam oder wann die Situation sich ereignet hatte.

Wie ich bei zahlreichen Interviews mit Opfern sexueller Gewalt feststellte, funktionieren traumatische Erinnerungen - manchmal seit dem Missbrauch selbst, manchmal auch später erst - anders als gewöhnliche, eher erzählerische Erinnerungen.

Dem Sidran Institute for Traumatic Stress Education & Advocacy nach hat das folgenden Grund:

"Menschen nutzen unter Umständen ihre natürliche Fähigkeit, zu dissoziieren und eine bewusste Wahrnehmung der traumatischen Erfahrung während des Aktes oder auch auf unbegrenzte Zeit danach auszublenden. Bei manchen Menschen entstehen bewusste Gefühle und Gedanken, oder 'Erinnerungen' an das traumatische Erlebnis erst zu einem späteren Zeitpunkt."

Weil ich auf keine bewusste Erinnerung zurückgreifen konnte, setzte ich die Einzelheiten, die ich noch wusste, zusammen: Meine Mutter betrank sich oft bis zur Besinnungslosigkeit, mein Vater war wegen der Arbeit oft nicht daheim, und während der vierten Klasse entwickelte ich Schlaf- und Angststörungen.

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In dieser Zeit muss es passiert sein. Ich erkannte plötzlich diese Masse von Erinnerungen, die bis dahin leise vor sich her geschlummert hatten - Erinnerungen daran, wie meine Mutter unangemessene Witze über meine Geschlechtsteile machte oder mich an bestimmten Stellen auf eine Art und Weise berührte, die mir nicht gefiel.

Dabei hatte ich immer dieses "Übelkeit erregende Bewusstsein" darüber, jede Begegnung mit dieser Person, meiner eigenen Mutter, meiden zu müssen.

Eine Form von Gewalt, die die Gesellschaft seit jeher tot geschwiegen hat

Als ich weiteren Opfern sexueller Gewalt schrieb, wollte ich die anderen Detektive da draußen treffen, die sich den Kopf darüber zerbrachen, warum ihnen so etwas Schreckliches passieren konnte. Ich wollte wissen, wie sie herausgefunden haben, dass sie misshandelt worden sind, und wie sie mit der Situation umgingen. Und ich suchte das Gespräch über eine Form von Gewalt, die die Gesellschaft seit jeher tot geschwiegen hat.

Paul*, ein homosexueller Mann, wurde quasi regelmäßig im Alter von sechs bis neun Jahren von seinem fünf Jahre älteren Bruder missbraucht. Paul erklärte mir die geradezu lähmenden Auswirkungen von Kindesmissbrauch:

"Wenn du deinen Traumata [aus dem Erwachsenenleben] begegnest, hast du wahrscheinlich eine klare Vorstellung davon, wer du vorher gewesen bist.

Du weißt, wer du wieder werden willst. Für Opfer von Kindesmissbrauch kann sich dieser Prozess als sehr viel schwieriger gestalten, wenn du ihn erst als Erwachsener beginnst. Du weißt nicht, wer du abseits dieser 'kaputten, traumatisierten' Version deiner Selbst bist."

Inzest kreiert ein Umfeld des Schreckens

Der Missbrauch geschieht zu einem entscheidenden Zeitpunkt der Kindesentwicklung und bringt diese vollkommen durcheinander. Nur in sicherer Umgebung können Kinder geistig wachsen und gedeihen. Inzest jedoch kreiert ein Umfeld des Schreckens.

Die Geschichten anderer Inzest-Opfer, die ich für diesen Artikel las, gaben mir einen Einblick in deren persönliche Horrorgeschichten.

Laura*, eine junge Trans-Frau, beschrieb mir das Zusammenleben mit ihrem gewalttätigen Vater:

"Es scheint ihm an Empathie zu mangeln, er versteht andere Menschen nicht, und er scheint Zeit seines Lebens von Sex und Körpern besessen zu sein. Er hat außerdem eine gemeine Ader und ist extrem kontrollsüchtig.

Deswegen versuchte er, jeden Aspekt unserer Leben zu steuern - er hatte meine Mutter, meinen Bruder und mich vollkommen in der Hand. Er befahl, wann wir duschen oder auf Klo gehen, schlafen oder wach sein sollten. Er bestimmte, wie wir unsere Zeit verbrachten. Ich durfte nicht einmal meine Zimmertür schließen.

Wenn jemand von uns die Badezimmertür abschloss, brach er das Schloss auf und wurde wütend. Er duschte mit meinem Bruder und mir zusammen, bis wir sieben oder acht Jahre alt waren.

Er bestand darauf, uns zu waschen, er zog sogar unsere Vorhaut zurück und schrubbte unsere Penisse mit einem rauen Waschlappen (als Kind war mein Penis oft entzündet, bei meinem Bruder war es einmal so schlimm, dass er mit sieben in einer Notoperation beschnitten werden musste)."

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"Für mich war das Verhalten meines Vaters kein Missbrauch"

Wie es oft so ist, empfand Laura diese Geschehnisse lange Zeit nicht als Missbrauch.

"Für mich war das Verhalten meines Vaters kein Missbrauch, diese Erkenntnis hatte ich erst nach dem Studium. Ich sagte immer, ,Mein Vater war streng', oder 'Mein Vater ist ziemlich kontrollsüchtig', aber ich hatte keine Ahnung, wie ungewöhnlich und schlimm meine Kindheit war", sagte sie.

"Erst, als ich heiratete, verstand ich langsam, was er uns angetan hatte. Ich erzählte meiner Frau zum Beispiel, dass mein Vater und ich gemeinsam 'geduscht' haben - sie dachte, dass wir gemeinsam im Badezimmer waren und nacheinander duschten. Als ich endlich klarstellte, was 'gemeinsam duschen' bedeutete, war sie schockiert."

Ähnlich war es bei Jun, einem jungen Trans-Mann. Auch er verstand lange Zeit nicht, dass er von seiner Cousine vergewaltigt worden ist:

"Als ich mit 14 in den Sommerferien meine Großeltern besuchte, wurde ich von meiner 17-jährigen Cousine vergewaltigt und dabei gefilmt. [...] Erst viel später verstand ich, dass sie mich gefügig gemacht hatte, vor und nach der Vergewaltigung.

Ich glaube, ich wusste schon immer, dass es falsch war, was sie getan hat, aber erst mit 17 wurde mir bewusst, dass sie mich vergewaltigt hatte."

994 von 1.000 mutmaßlichen Vergewaltigern werden freigesprochen

Wenn ein Opfer sexuellen Missbrauchs gegen den Täter klagt, ergreift das "Rechtssystem" in der Regel die Seite des Vergewaltigers. Laut RAINN werden 994 von 1.000 Vergewaltigern freigesprochen (auch wenn eine Haftstrafe bei unserem komplexen Gefängnissystem heutzutage keine Lösung mehr darstellt).

Laura sagt dazu sehr treffend: "Ich konnte doch keine verdammte Kamera in meinem Zimmer installieren!"

Ma'at Crook, ein weiteres Opfer, spricht offen über seine Frustration:

"Ich wurde von meinem Vater die ersten 18 Jahre meines Lebens missbraucht. Mit 24 zeigte ich ihn an. Obwohl mein Fall unüblich lange bearbeitet wurde (neun Jahre), schaffte ich es niemals vor Gericht.

Der Staatsanwalt nannte drei Gründe, warum es in meinem Fall nicht voran ging: Es war ein typischer Fall von Aussage gegen Aussage, es gab keine physischen Beweise, plus der 'CSI-Effekt'.

Der CSI-Effekt beschreibt die Erwartungshaltung der Jury, ihnen DNA-Spuren als Beweis vorzulegen, wie es in Fernsehshows wie CSI oft getan wird. In der Realität ist das aber oft unmöglich."

Über Inzest wird nicht geredet und das hilft den Tätern

Dazu kommt noch, dass sexuelle Gewalt, vor allem innerhalb der Familie, nach wie vor einem Stigma unterliegt.

2007 fand Psychologin Dr. Leda Cosmides in einer Studie heraus, dass Menschen sich aufgrund ihrer biologischen Beschaffenheit von Inzest abgestoßen fühlen. Unser Instinkt bewahrt uns davor, kranke Nachkommen zu produzieren. Diese Aversion kann dazu führen, dass Menschen Inzest und die Bekämpfung dessen seltener thematisieren.

Andrew*, ein Trans-Mann, erzählte mir, wie schwer es manchen Menschen fällt, die Existenz von dieser Art von Missbrauch anzuerkennen:

"Ich glaube, Menschen sind beim Thema Inzest angespannter, weil es sich auf familiäre Strukturen bezieht, die immer kompliziert sind. Es ist schwierig, jemanden, der normalerweise die Weihnachtsgans anschneidet, zum Bösewicht zu machen.

Es ist nicht immer der fremde Vergewaltiger, der sich im Gebüsch versteckt.

Ich wünsche mir, mehr Menschen würden verstehen, wie oft diese Form von Missbrauch heutzutage stattfindet. Es ist absurd und geradezu obszön, wie weit verbreitet sie ist - und sie nimmt kein Ende, weil wir unsere Kinder nicht darüber aufklären.

Diese Kultur, die Kinder dazu zwingt, den Onkel gegen ihren Willen zu umarmen, unterstützt Täter, die Kindern eintrichtern, immer das tun zu müssen, was die Erwachsenen sagen."

Tatsächlich ist es "geradezu obszön", wie weit Inzest verbreitet ist: 43 Prozent der Fälle von Kindesmissbrauch geschehen innerhalb der eigenen Familie. Damit ist Inzest die häufigste Form.

Wer nach dem Missbrauch ein besseres Leben aufbauen will, muss oft viele Hürden, wie Depressionen und Angststörungen überwinden.

Für manche scheint der Weg zur Heilung geradezu endlos, aber es ist möglich. So sagte Jun:

"Ich glaube, es muss noch viel geschehen, bis ich mein Trauma vollends überwinde, aber in vielerlei Hinsicht bin ich gewachsen und kann die Misshandlung hinter mir lassen.

Meine Transsexualität ausleben zu können war ein wichtiger Teil davon - weil ich vergewaltigt wurde, viel es mir schwer, meine Geschlechterrolle zu verstehen.

Ich ging in Therapie. Viele Jahre lang habe ich mich selbst verletzt, seit sechs Monaten bin ich frei davon. Gegen die Flashbacks rauche ich Grass, das hilft ungemein."

Auch Crook konnte seinen Frieden finden: "Obwohl mein Fall nicht vor Gericht landete, habe ich das Gefühl, gewonnen zu haben: Ich verschweige die Misshandlung nicht mehr und mein biologischer Vater weiß das."

"Unsere Väter waren unser Bild von Gott"

Auch ich fand Trost in vielen der Dinge, die meine offenherzigen und mutigen Interviewpartner nannten: Therapie, Psychiatrie, (in meinem Fall) Grass, offener Umgang mit Freunden und (auch das bezieht sich auf meinen Fall) den Kontakt mit meinen gewalttätigen Eltern abbrechen.

Wenn es so ist, wie in der vielzitierten Szene aus "Fightclub": "Unsere Väter waren unser Bild von Gott", dann bedeutet Inzest die Ablösung von jeglichem Gotteskonzept.

Es bedeutet, dass wir uns selbst als liebenswert anerkennen, obwohl uns in der verletzlichsten Zeit unseres Lebens etwas anderes gelehrt wurde - von Menschen, die uns hätten beschützen sollen.

Die Botschaft von Inzest ist, dass das Opfer nichts wert ist, dass seine Erfahrung nicht gilt, dass sein Körper ohne Zustimmung von anderen genutzt werden kann. Überleben und geistiges Wachstum lehren uns das Gegenteil: Wir erzählen unsere Geschichten nun selbst, und unsere Körper gehören uns.

*Name wurde geändert.

Der Beitrag erschien zuerst auf The Establishment und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.

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