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Bekenntnisse eines lesbischen Flüchtlings aus dem Iran

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WOMAN IRAN
Amos Chapple via Getty Images
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Jannat sagt, ihr Leben sei in Gefahr gewesen. Wenn die Autoritäten herausgefunden hätten, dass sie lesbisch ist, hätten sie sie getötet.

Währenddessen hat sie ihr Vater unter Druck gesetzt, zu heiraten. Jeden Tag hieß es: "Jannat, du bist so schön mit deinen langen, dunklen Haaren und deiner hellen Haut. Warum heiratest du nicht diesen Mann?" Oder: "Jannat, wie wäre es mit dem Freund deines Bruders?"

Sie hielt es nicht mehr aus. Sie war 25, hatte gerade ihren Bachelor in Statistik an der Shiraz Universität abgeschlossen, genauso wie das Kapitel in ihrem Leben, in dem sie rigoros versucht hat, nicht lesbisch zu sein.

Sie hat den scheinbar niemals endenden Zyklus durchbrochen, Männer zu treffen und mit ihnen zu schlafen, während sie unter deren Atem auf ihrem Nacken erschauerte, während deren Hände ausdruckslos die Innenseite ihrer Oberschenkel herauf wanderten. Ihre viel zu gierigen Schwänze.

Sie musste weg.

Also zog Jannat in die Türkei.

Sie fühlte sich immer noch nicht vollkommen sicher

Nach Ankara, um genau zu sein - wo die Kultur ihrem Geschlecht gegenüber etwas toleranter war. Sie musste kein Hijab in der Öffentlichkeit tragen. Sie konnte trinken, wenn sie wollte. Sie konnte offen flirten.

Aber sie hatte immer noch Angst.

"Oh, es gibt Homosexuelle in Ankara. Es ist progressiver", sagt Jannat. "Aber es ist nicht schwierig, progressiver zu sein als der Iran."

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Sie fühlte sich immer noch nicht vollkommen sicher. Sie war zu nahe am Iran, den Drohungen ihrer Familie ausgesetzt, der potenziellen Gefahr, für ihre Sexualität bestraft zu werden oder im Gefängnis zu landen - oder schlimmer.

Außerdem herrschten überall politische Unruhen. Die Stadt war ständig kurz davor, zu kollabieren, gewalttätige Aufstände seitens der Bevölkerung drohten. Es war das Jahr 2012 - zwei Jahre, bevor Präsident Erdoğan gewählt wurde, der Mann, der notorisch intolerant gegenüber all denen denen ist, die eine andere Meinung äußern.

Flüchtlingsstatus in einem neuen, fremden Land

"Also musste ich auch dieses Land verlassen", sagt Jannat. "Und ich musste weit weg gehen."

Sie machte einen Termin beim Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen in Ankara aus, um sich dafür zu bewerben, den "Flüchtlingsstatus" in einem neuen, fremden Land zu erhalten. Die Beamten dort halfen ihr gerne weiter, so lange sie ihnen beweisen konnte, dass sie wirklich in Gefahr war.

"Das war einfach", sagt Jannat. "Ich zeigte ihnen, dass ich im Iran geboren worden bin und erklärte, dass ich niemals zurückgehen könnte, weil ich lesbisch bin und mein Vater mich töten könnte."

Jannat wurde auf eine Warteliste gesetzt, die Beamten sagten ihr, sie sollte derweil in Ankara bleiben.

Gründe für Verfolgung

Schließlich wurde ihr der "Flüchtlingsstatus" genehmigt (was übrigens etwas Anderes ist als der "Asylstatus", der Jannat lediglich erlaubt hätte, eine Zeitlang in der Türkei zu bleiben), weil sie mindestens einen der fünf "Gründe für Verfolgung" in Bezug auf ihr Heimatland Iran erfüllte:

1. Rasse

2. Religion

3. Nationalität

4. Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe

5. politische Zugehörigkeit

Es ist nicht allzu schwer zu erraten, welchen der oben genannten Kriterien Jannat zugehörig ist.

Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe

Die Juristin Dr. Illona Bray, Autorin des Ratgebers "U.S. Immigration Made Easy", schreibt auf 'NOLO' regelmäßig über die fünf Gründe für Verfolgung. Über die Kategorie "Mitglied einer bestimmten sozialen Gruppe" schreibt sie:

"Diese Kategorie ist am schwierigsten zu definieren und sie ist der Hauptgegenstand vieler Rechtsfälle. 'Soziale Gruppe' bedeutet, dass das eine klar identifizierbare Gruppe von Menschen ist, die eine Regierung als Bedrohung wahrnimmt.

Oder die Wendung beschreibt eine Gruppe von Menschen, die ein bestimmtes Merkmal teilen, das fundamental für deren Identität ist, sodass die Mitglieder dieses Merkmal nicht ändern können oder sollten. Diese Art von Gruppe sollte als eigenständige Einheit von der Gesellschaft anerkannt werden."

Bray zeigt weiterhin Beispiele für die oben genannten bestimmten sozialen Gruppen auf:

1. einheimische Stämme oder Splittergruppen

2. soziale Klassen (Bray bezieht sich in diesem Fall auf die „gebildete Elite")

3. Familienmitglieder politischer oder religiöser Dissidenten

4. Berufsgruppen

5. Homosexuelle

6. Zugehörige oder ehemalige Zugehörige der Polizei oder des Militärs (die Opfer von Mordanschlägen werden könnten)

"Und, in manchen Fällen", schreibt Bray, "Frauen."

So ist der Grund für den Erhalt des Flüchtlingsstatus in manchen Ländern lediglich die Tatsache, eine Frau zu sein.

Lesbische Frauen wurden wegen ihrer Sexualität seit jeher gesteinigt

In Jannats Fall heißt das, obwohl ihre Geschlechterzugehörigkeit im Iran definitiv ein Problem (für sie) war - wie schon erwähnt, sie musste in der Öffentlichkeit immer ein Hijab tragen, sie konnte nicht alleine oder mit einem Mann auf die Straße gehen, obwohl sie eine Universität besuchen durfte (übrigens sind 60 Prozent aller Iraner, die heutzutage höhere Bildungsinstitutionen im Iran besuchen, Frauen) - war ihre sexuelle Gesinnung der wichtigste Grund.

"Aber man kann den Iranischen Gesetzen nicht vertrauen", warnt Jannat. "Lesbische Frauen wurden wegen ihrer Sexualität seit jeher gesteinigt. Schwule wurden immer gehängt."

Nicht nur lesbische Frauen werden im Iran stigmatisiert, die Sharia verurteilt strikt jegliches homosexuelle Verhalten. Die Strafe für lesbische Sexualakte, die "Musaheqeh" genannt werden, ist nach der Islamischen Republik Iran folgende:

Artikel 239: Die Hadd-Strafe für Musaheqeh sind 100 Peitschenhiebe.

Artikel 240: Bei der Hadd-Strafe für Musaheqeh wird nicht unterschieden zwischen aktiven und passiven Tätigkeiten, zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, zwischen Menschen, auf die die Konditionen für Ihsan zutreffen oder nicht, und auch nicht, ob die beteiligte Person zur Tat gezwungen wurde oder nicht.

Jannat flüchtet nach Philadelphia

Jannats Entscheidung, vor diesen Drohungen so weit wie möglich fliehen zu wollen, wurde im April 2013 endlich anerkannt, als sie den "Flüchtlingsstatus" erhielt und in die USA auswandern konnte.

Es war stürmisch und grau, als Jannat am 3. Dezember 2014 in New York City ankam. Ihre Sachbearbeiterin vom Nationalities Service Center holte sie ab und fuhr sie drei Stunden lang zu ihrem neuen Zuhause: Philadelphia.

Jannats Englisch war bestenfalls gebrochen. "Nachdem ich angekommen bin, hat mir keiner so richtig gesagt, was ich tun soll", sagt sie. "Ich machte bei der Agentur einen Termin zur Job-Suche aus. Meine Sachbearbeiterin schlug vor, dass ich in einem arabischen Halal-Markt arbeiten könnte, wodurch ich mich beleidigt fühlte. Ich bin keine Araberin, aber meiner Sachbearbeiterin war das egal. Nachdem sie also diesen einen Job für mich ,gefunden' hatte, sagte sie mir, ich sei nun auf mich selbst gestellt."

Diese Erfahrung war erst der Anfang. Sie merkte, wie sie immer wieder auf ihre "Mittlerer-Osten-haftigkeit" reduziert wurde.

Menschen sind unfreundlicher zu mir, weil ich Muslima bin

Als sie zum Beispiel einen Job als Hostess in einer nationalen Restaurantkette außerhalb von Philadelphia bekam, fragte sie ihr Chef nach einem Monat, ob sie nicht lieber in der Küche arbeiten wolle, weil dort auch "andere Ausländer aus dem Mittleren Osten" seien.

"Ich habe mich daran gewöhnt", erklärt Jannat, "aber es wird schlimmer. Menschen sind unfreundlicher zu mir als jemals zuvor, weil ich Muslima bin, also traue ich mich nicht einmal, zu sagen, dass ich auch noch lesbisch bin."

Jannat glaubt, dass der steigende Rassismus allein aus Donald Trumps unnachgiebiger Haltung gegenüber Immigranten während seiner Präsidentschaftskampagne resultiert. Die Bigotterie des unverfrorenen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner bietet nationalistischen, fanatischen Haltungen genügend Möglichkeiten, wieder den Weg zum Mainstream zu finden.

Von kleinen Angriffen seitens von Fremde in der Öffentlichkeit (Jannat wird mindestens einmal im Monat gefragt, warum sie kein Hijab oder keine Burqa trägt) bis hin zu offensichtlichen Beleidigungen auf der Straße oder in Läden ("Mir wurde schon oft gesagt, 'geh zurück in den Mittleren Osten'", sagt sie): Wegen all dem fragt Jannat sich manchmal, ob es eine gute Entscheidung war, in die USA zu ziehen.

"Obwohl ich weiß, dass das der beste Ort für mich ist", sagt sie, "musste ich auf die harte Tour lernen, was Demokratie und die Tatsache, dass alle Menschen ihre Meinung äußern dürfen, in Wirklichkeit bedeuten. Ich dachte, die USA wären der Himmel auf Erden." Sie lacht. "Ich musste meine Erwartungen anpassen."

Die Unmöglichkeit, offen als Muslima und lesbische Frau im Iran zu leben

Als lesbische Frau fühlte sich Janet, wie sie selbst sagt, doppelt so vielen Vorurteilen ausgesetzt. Sie wurde von uninformierten, bigotten Menschen beschuldigt, nicht nur ihren "radikalen islamischen Lebensstil" in die USA mitgebracht zu haben, sondern auch noch ihren "alternativen Lebensstil".

Diese fehlinformierten Menschen haben keine Ahnung von Jannats Unmöglichkeit, offen als Muslima und lesbische Frau im Iran zu leben. "Sie glauben, mein Heimatland sei 'radikal'?", sagt sie. "Nun, mein 'radikales' Heimatland glaubt, dass homosexuell sein nicht nur 'radikal' ist, sondern eine Haltung, die mit Folter und Tod bestraft werden sollte."

Manchmal hat Jannat Angst davor, die Hand ihrer Partnerin in der Öffentlichkeit zu halten, weil Angriffe aus der Öffentlichkeit den laufenden Prozess zur US-Staatsangehörigkeit gefährden könnten - obwohl die USA seit über 20 Jahren den Flüchtlingsstatus aufgrund von sexueller Orientierung anerkannt haben.

Interessanterweise scheint sie mit ihrer Angst nicht allein dazustehen. Die Zahl der sich als lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell bekennender Flüchtlinge, die in die USA einreisen, ist, gemessen daran, dass etwa 3,8 Prozent der Weltbevölkerung homosexuell ist, wesentlich kleiner als bisher angenommen.

Ich glaube, ich gehöre in die USA

Im Jahr 2011 zum Beispiel reisten 81.372 Flüchtlinge und Asylsuchende in die USA ein, von denen sich lediglich 3.000 als Teil der LGBT-Community identifizierten - so lautet es im Report des Forced Migration Review desselben Jahres.

Das liegt daran, dass sehr wenige Flüchtlinge, die ihre Heimatländer wegen ihrer sexuellen Orientierung oder wegen ihres Genders verlassen, ihre Gründe den Flüchtlingsorganisationen mitteilen - im Gegensatz zu den wenigen genehmigten Flüchtlingsstatus aufgrund von "Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe".

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"Ich glaube, ich gehöre in die USA", sagt Jannat. "Ich denke, dass ich eines Tages Staatsbürgerin werden sollte. Es tröstet mich, so viele verschiedene Menschen in den großen und sogar in den kleinen Städten zu sehen."

Aber sie hat Angst vor einem Präsidenten Trump. "Wenn er gewählt wird, werde ich vielleicht nie wieder in den Iran zurückkehren können, weil ich Angst davor haben muss, in die USA nicht mehr einreisen zu dürfen."

Und sollte das eines Tages der Fall sein, wäre Jannats Leben wieder in Gefahr. "Wenn ich im Iran überleben wollte", sagt sie und hält einen Moment inne, runzelt die Stirn und zuckt mit den Schultern, "dann müsste ich wohl oder übel einen Mann heiraten."

Und das nur, wenn sie überleben wollte.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf The Establishment, einer multimedialen Seite, die von Frauen gesponsert und geleitet wird.

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