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Ich hatte eine Abtreibung - das hat mir geholfen, eine bessere Mutter zu sein

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MUTTER SOHN
THE ESTABLISHMENT
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Als ich mit meinem Sohn schwanger wurde, war ich 24 Jahre alt. Ich befand mich gerade im sechsten Jahr meines Englisch-Studiums und ich hatte keine wirklich guten Aussichten auf ein solides Leben nach meinem Abschluss. Und so schön die Zeit auch war, hatte ich in diesem Abschnitt meines Lebens oft Angst.

Deshalb dauerte es eine Weile, bis ich mich mit der Tatsache abfinden konnte, dass ich bald ein Baby bekommen würde. Doch trotz allem habe ich meine Entscheidung nie angezweifelt oder bereut.

Das Studium mit einem Neugeborenen war eine große Herausforderung

Mein Sohn wurde zwei Wochen vor meinen Wintersemester-Abschlussprüfungen geboren. Mit der Unterstützung meiner Professoren nahm ich von zu Hause aus an den Prüfungen teil, wo ich mich gerade von meinem Not-Kaiserschnitt erholte und versuchte herauszufinden, wie man stillt.

Mir war klar, dass es eine der schwierigsten Herausforderungen meines Lebens werden würde, mein Studium als Mutter eines Neugeborenen in Teilzeit weiterzuführen. Und genau so war es dann auch.

Doch trotzdem entschied ich mich dafür, im Januar wieder an die Uni zurückzukehren, um das letzte Semester meines Bachelor-Studiums erfolgreich abzuschließen.

Mehr zum Thema: An die Mutter, die meint, ein Wunschkaiserschnitt gehöre verboten

Sechs Monate später entschloss ich mich zu einer Abtreibung, was mir im Vergleich zu meiner vorherigen Entscheidung relativ leicht fiel.

In meiner Situation noch ein Kind zu bekommen, hätte alles noch komplizierter gemacht

Auch wenn über diese Tatsache selten gesprochen wird, haben nach Angaben des Guttmacher Institute 60 Prozent aller Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, mindestens ein Kind.

Ich für meinen Teil wusste, dass eine Abtreibung die einzig vernünftige Entscheidung war. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt mein Studium zwar schon abgeschlossen, doch ich litt bereits unter einer hohen zeitlichen und finanziellen Belastung. In meiner Situation noch ein weiteres Kind zu bekommen, hätte alles noch viel komplizierter gemacht.

Ich verfügte nicht über die Mittel und Wege, mich um zwei Kinder zu kümmern, die darüber hinaus auch noch altersmäßig sehr nah beieinanderliegen würden. Meine Abtreibung half mir dabei, als Mutter mein Bestes geben zu können - und zwar für den Sohn, den ich bereits hatte.

Eine gute Mutter zu sein erfordert harte Arbeit und sehr viel Kraft. Manche Menschen haben vielleicht bessere Möglichkeiten und mehr Energie zur Verfügung, um sich um mehrere Kinder kümmern zu können.

Das habe ich jedoch nicht. Oder zumindest hatte ich das damals nicht. Indem ich mir diese Tatsache eingestand, konnte ich letzten Endes die beste Entscheidung für meine Familie treffen.

Eine Abtreibung kann durchaus eine verantwortungsvolle Entscheidung sein

Du wirst meine Geschichte niemals von Abtreibungsgegnern zu hören bekommen. Stattdessen erzählen sie dir, dass arme, ungebildete Frauen aus ethnischen Minderheiten sich für eine Abtreibung entscheiden, weil sie zu "verantwortungslos" und "unfähig" sind, um Mutter zu werden.

Du wirst zu hören bekommen, dass Frauen sich für eine Abtreibung entscheiden, weil sie die Verantwortung für ein Kind nicht übernehmen können oder wollen.

Da jedoch sechs von zehn Frauen zum Zeitpunkt ihrer Abtreibung bereits Mütter sind, sollten wir die Tatsache akzeptieren, dass die Entscheidung für eine Abtreibung auch eine durchaus verantwortungsbewusste Entscheidung einer Mutter sein kann.

Die Entscheidung für ein Kind oder für eine Abtreibung ist in beiden Fällen ein sehr persönlicher Entschluss. Da ich bereits beide Entscheidungen getroffen habe, weiß ich, dass sie jeweils sehr ähnliche Fragen nach sich ziehen:

Was kann ich mir leisten? Wie viel Veränderung vertragen meine Karriere und mein Lebensstil? Inwiefern wird diese Entscheidung sich auf meine aktuellen Zukunftspläne auswirken?

Und obwohl mein Sohn mittlerweile zur Schule geht, muss ich mir diese Fragen zu meinen persönlichen Umständen nach wie vor immer wieder stellen. Und unabhängig davon, ob ich über eine Abtreibung nachdenke oder darüber, meinen Sohn zu behalten, oder ob ich wie jetzt gerade Entscheidungen in Bezug auf seine Erziehung treffen muss, überlege ich mir jedes Mal, was realistisch und vernünftig ist. Und dann gebe ich mein Bestes.

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Manchmal wirkt es so, als würden Abtreibungsgegner das Muttersein nicht würdigen

Als Ilyse Hogue, die Vorsitzende von NARAL Pro-Choice, einer amerikanischen Organisation, die sich für Abtreibungsrechte einsetzt, bekannt gab, dass sie schwanger war, waren die Abtreibungsgegner komplett aus dem Häuschen.

Wie konnte diese Abtreibungs-Befürworterin selbst ein Kind austragen? In einem Interview mit der Washington Post sagte Hogue: "Viele Menschen denken, dass jemand, der sich für die Rechte einsetzt, für die wir kämpfen, automatisch ein Kinderhasser ist und keine eigene Familie haben will."

Doch ganz im Gegenteil habe sie ihre eigene gewollte Schwangerschaft in ihrem Einsatz für Abtreibungsrechte sogar noch bestärkt. Ein Kind abzutreiben oder Mutter zu werden sind zwei Seiten derselben Münze: Du musst eine Entscheidung für dein Kind treffen.

Sowohl meine Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch als auch meine Entscheidung, ein Kind in die Welt zu setzen, habe ich aus Liebe getroffen.

Jede Frau hat ganz persönliche Gründe für oder gegen eine Abtreibung

Tatsächlich wirkt es manchmal so, als wären es gerade die Abtreibungsgegner, die das Muttersein nicht würdigen. Wie oft ist es schon vorgekommen, dass Abgeordnete, die Abtreibungen ablehnen, sich gegen Maßnahmen stellen, die Frauen, Kindern und Familien helfen würden?

Sie zeigen keinerlei Bereitschaft, sicherzustellen, dass eine Frau, die sich dafür entscheidet, Mutter zu werden, zusammen mit ihrem Kind die Unterstützung erhält, die sie beide bräuchten. Jede Frau hat ihre ganz persönlichen Gründe, warum sie sich für oder gegen eine Abtreibung entscheidet.

Mehr zum Thema: Ein US-Arzt warnt Trump davor, das Recht auf Abtreibungen abzuschaffen

Oftmals spielen bei ihrer Entscheidung jedoch auch Themen wie die medizinische Versorgung, Arbeitslosigkeit, Sozialleistungen und die Rückzahlung von Studentenkrediten eine ausschlaggebende Rolle  --  denn das sind genau die Dinge, mit denen Frauen von den Gesetzgebern permanent im Stich gelassen werden.

Dass man gegen Abtreibungen ist, bedeutet schließlich auch nicht automatisch, dass man Kinder haben will.

Wir sollten darüber reden, was Frauen brauchen, um ihr Kind großziehen zu können

Verantwortungsbewusste Eltern brauchen die Freiheit, die richtige Entscheidung für ihre Kinder treffen zu können. Und manchmal - insbesondere, wenn man finanzielle Probleme hat - bedeutet das, dass man sich gegen ein weiteres Kind entscheiden muss.

Wenn wir Mütter wirklich unterstützen wollen, sollten wir uns ernsthaft darüber unterhalten, was sie abgesehen von einer Gebärmutter brauchen, um ihr Kind großziehen zu können.

Dieser Blog von Raina J. Johnson erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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