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Taya Dunn Johnson Headshot

Lest das, bevor ihr das nächste mal ein RIP auf Facebook postet

Veröffentlicht: Aktualisiert:
RIP FACEBOOK
iStock
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Trauer im Zeitalter der Technologie ist ein unbekanntes Territorium.

Ich nehme euch mit auf eine Reise zum 9. Juni 2012. Es war ein Samstag. Um 8 Uhr 20 wurde mein 36-jähriger Ehemann in einem Krankenhaus etwas außerhalb von Washington D.C. für tot
erklärt.

Ab 9 Uhr 20 klingelte mein Handy unaufhörlich, ich kam nicht einmal dazu, die wirklich dringenden Anrufe zu tätigen: Ich wollte meine Familie anrufen; Ärzte, um mit ihnen den Totenschein und Autopsien zu besprechen, das Bestattungsunternehmen, usw. Wirkliche Dinge, wichtige Dinge, dringende Dinge.

Warum lese ich das auf Facebook?

Um 9 Uhr 47, während ich mit einem Polizisten sprach (ja, wenn dein Ehepartner stirbt, wirst du immer sofort von der Polizei befragt), kam ein Anruf zu mir durch. Ich kannte die Nummer nicht. Aber in diesem Moment wusste ich, dass ich mit meinen eigentlichen Prinzipien brechen und alle Anrufe annehmen sollte.

"Er ist tot??? Oh Gott. Wer ist bei dir? Geht's dir gut? Warum lese ich davon bei Facebook?? Taya, was zum Teufel ist denn da los?"

Facebook? Ich war verwirrt. Ich war seit zwei Tagen nicht mehr bei Facebook gewesen, also hatte ich in den letzten 90 Minuten auch sicher nicht meinen Newsfeed gesehen.

"Ich rufe dich zurück", schrie ich und legte auf. Ich rief meine beste Freundin an und bat sie darum, nach allem zu suchen, was irgendjemand gepostet haben könnte, denjenigen zu kontaktieren und darum zu bitten, den Eintrag wieder zu löschen.

Es sollte Regeln für Trauer in Sozialen Netzwerken geben

Ich hatte immer noch nicht mit dem besten Freund meines Mannes gesprochen, seiner Schwägerin oder den Eltern unseres Patenkindes oder einer Million anderer Menschen! Warum postet jemand es so schnell auf Facebook?

Ich kann zwar keinesfalls für den gesamten Planeten sprechen, aber ich fühle mich trotzdem berechtigt, einige Vorschläge - oder sollte ich Regeln sagen - zum Thema "Trauer in den sozialen Netzwerken" zu machen.

Wie viele Gedenkanzeigen habt ihr im letzten Monat durch eure Social Media Streams wandern sehen? Wahrscheinlich einige. Der Tod ist ein Schicksal, das uns alle eines Tages erwartet. Das Informationszeitalter hat die Art und Weise, wie wir leben und täglich miteinander kommunizieren, verändert. Aber es gibt immer noch einige Tabus unter den universell akzeptierten Normen.

Den folgenden Satz kann man nur wirklich verstehen, wenn man es schon einmal durchgemacht hat:

Es gibt eine Hierarchie der Trauer.

Ja, eine Hierarchie. Es ist etwas, das die Menschen entweder nicht verstehen, oder aber verstehen aber nicht darüber sprechen oder nachdenken wollen. Und trotzdem müssen wir es tun.

Es gibt eine Hierarchie der Trauer.

Hierarchie wird folgendermaßen definiert:

1. Ein System oder eine Organisation in der Menschen oder Gruppen je nach Status oder Autorität übereinander gestellt sind oder
2. Ein Arrangement oder eine Klassifizierung von Dingen nach relativer Bedeutung oder
Inklusivität.

Was bedeutet das nun in Bezug auf Trauer? Lasst es mich erklären: Wenn jemand stirbt - ob plötzlich oder nach einer langen Krankheit, ob eines natürlichen Todes oder auf unnatürliche Weise, ob ein junger Mensch in seinen besten Jahren oder ein älterer Mensch mit mehr durchlebten Ereignissen als solchen, die noch vor ihm liegen - es gibt eine universelle Wahrheit:

Der Tod trifft Menschen auf verschiedenste Weise und manchmal ist diese für alle Parteien eine große Unbekannte.

Der Tod ist immer ein Schlag in die Magengrube, der uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnert. Manche Menschen möchten ihre Liebe für den oder die Verstorbene dadurch ausdrücken, dass sie den Hinterbliebenen ihre Hilfe und Unterstützung zukommen lassen.

In den Tagen vor den sozialen Netzwerken schrieb man in einem solchen Fall eine SMS, man rief an oder schickte Blumen.

Gehörte man zum engeren Familienkreis des Verstorbenen, so konnte man auf Besuche und viele Umarmungen und Tränen zählen, dazu gemeinsames Essen und Trinken, um die armen Seelen zu füttern.

Auftritt soziale Netzwerke.

Diese Höflichkeiten gibt es immer noch. Aber es gibt eine neue Schicht der Trauerbekundungen. Der Online-Tribut bei Facebook, Instagram, und Twitter in Form von Postings und Fotocollagen.

Wo liegt hier das Problem? Sollte es den Menschen nicht erlaubt sein, ihre Liebe, Fürsorge, Sorgen, Unterstützung und Gebete für den oder die Verstorbene und die Familie zum Ausdruck zu bringen?

Doch.

Und auch wieder nicht.

Warum? Weil es keine etablierten "Regeln" gibt und die Menschen sich ihre eigenen Regeln gemacht haben. Das ist nichts Neues. Aber passt auf. Ich weiß, dass ihr verletzt seid. Wisst ihr was? Ich auch. Ich weiß, das schockiert euch. Wisst ihr was? Mich auch. Eure sozialen Netzwerke sind eine Erweiterung dessen, wer ihr seid. Ich verstehe das. Ihr müsst eurem Schmerz Ausdruck verleihen, des Verstorbenen gedenken und für die Familie beten.

Ja.

Aber...

Bitte gebt uns eine Minute Zeit.

Wir sind geschockt.

Unser Herz ist gebrochen.

Gebt der nächsten Familie oder dem engsten Kreis ein bisschen Zeit, die wichtigsten Dinge im Zusammenhang mit dem Todesfall zu regeln. In den Minuten und Stunden direkt nachdem jemand verstorben ist, sind die sozialen Netzwerke wahrscheinlich das Letzte, was diese Menschen im Sin haben.

Bitte haltet kurz inne

Und selbst wenn ihnen dieser Gedanke kommt, dann denkt an das, was ich zuvor geschrieben habe:

Es gibt eine Hierarchie für die Trauer.

Bitte haltet kurz inne und überdenkt eure Rolle und eure Beziehung zu der kürzlich verstorbenen Person. Denkt daran, dass die Hierarchie auch eure Bedeutung für den Verstorbenen bestimmt.

Ich lege euch nahe, etwas zu warten und dann noch einmal etwas zu warten, bis ihr etwas postet. Das mag sich trivial und dumm anhören, so als sei es nicht der Rede wert, aber so ist es nicht, das verspreche ich euch.

Wenn die Person verheiratet war, dann überlasst dem Ehepartner das erste Posting.

Wenn die Person jung und single war, dann überlasst den Eltern oder den Geschwistern das erste Posting.

Wenn die Person älter und single war, dann überlasst den Kindern das erste Posting.

Wenn Du Dir nicht sicher bist, wer zur Familie oder dem engsten Kreis gehört, dann poste
lieber gar nichts.

Versteht ihr, was ich euch erklären möchte?

Es war ein Schock für die Menschen in meinem Umfeld

Theoretisch sollten wir unsere Trauer niemals miteinander vergleichen, die Trauernden in Schubladen stecken oder in diesem Zusammenhang Wörter wie "Status" oder "Bedeutung" verwenden. Aber vielleicht ist es hier angebracht (und das noch für die nächsten paar Wochen und Monate).

Diese Gedenk-Postings tauchten in meiner Timeline ca. eine Stunde, nachdem mein Mann verstorben war, auf. Und ich hatte nicht damit angefangen. Das war verwirrend, beängstigend, einschüchternd und ein Schock für die Menschen, die auch mich kannten.

Was ist passiert? Für wen beten wir? Ist etwas geschehen? Ist jemand gestorben? Warum all diese RIPs in meinem Newsfeed? Warum kann ich dich nicht erreichen? Ruf mich bitte an! Was ist los?

Das ist nur eine kleine Auswahl meiner Voice-Mail- und Textnachrichten. Ich musste mir einen Moment Zeit nehmen, um eine Freundin zu bitten, in meinem Namen etwas für mich bei Facebook zu posten.

Eure Liebe und Unterstützung wird geschätzt und gebraucht, aber manchmal ist der Zeitpunkt einfach falsch gewählt und das kann zu unbeabsichtigtem zusätzlichem Stress führen.

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Ein paar Stunden machen den Unterschied

Die Person ist nicht weniger tot und eure Beileidsbekundungen kommen nicht weniger von Herzen, wenn euer Posting, euer Foto oder euer Tweet einige Stunden später online erscheint.

Ehrlich, die ersten Stunden nachdem ein Mensch verstorben ist, sind ein Albtraum und vieles erscheint verschwommen. Viele Trauernde werden eure Liebe, Sorge, Gebete und lieben Gesten einen Tag später noch viel mehr zu schätzen wissen.

Ich kenne das genau. Ich habe es in den letzten vier Jahren zweimal durchgemacht. Und ich versichere euch, wenn wir uns alle auf diesem Gebiet nur ein wenig mehr in Geduld übten, dann helfen wir denen, die sich in den dunkelsten Stunden ihres Lebens befinden, in dem wir ihnen nicht noch mehr unnötigen Stress bescheren.

Ein paar Stunden zu warten, macht hier den Unterschied.

Dieser Blog erschien zuerst auf Medium und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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