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Kinder wollen lernen - dazu sind sie auf der Welt!

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Passend zum Schulstart haben wir, der Familienblog Tatsächlich Familie, ein Interview mit Niklas Heitmann, Pädagoge an der Ostseeschule Flensburg, zum Thema Freiheit und Selbstbestimmung im Lernprozess geführt.

Lieber Niklas, du bist als Pädagoge an der Ostseeschule Flensburg tätig. Hier werden den individuellen Fähigkeiten jeden Kindes, seinem natürlichen Wissens- und Tatendrang Raum gegeben.

Können feste Strukturen im Alltag eines Kindes deiner Meinung nach trotzdem förderlich sein?

Auf jeden Fall! Rituale schaffen Sicherheit. Sie geben dem Kind Halt und verleihen dem Alltag Struktur. Klare und für das Kind sichtbare beziehungsweise merkbare Parameter geben dem Kind die Möglichkeit, sich innerhalb eines von den Eltern vorgegebenen Rahmens frei zu entfalten. Innerhalb dieser „Grenzen" fühlt sich ein Kind sicher.

Sollten Kinder innerhalb dieser „Grenzen" ihre Ziele selbst bestimmen?

Die Selbstbestimmung im Lernprozess ist ein elementarer Teil meiner pädagogischen Philosophie. Wenn ein Kind sich selbst mit seinem Lernweg identifiziert, lernt es für sich selbst und nicht für seine Eltern, für Lob oder für gute Noten - dies ist deutlich nachhaltiger. Denn das Kind stellt einen Bezug zur eigenen Lebenswelt her und entwickelt einen eigenen Antrieb, Inhalte zu durchdringen.

Inwiefern wirkt sich die Freiheit im Lernprozess auf die Selbstverantwortung des Kindes aus?

Wenn ein Zugang zu einem Thema frei gewählt wird, erschließen sich Vernetzungen und Assoziationen. Im Gegensatz dazu hat das Kind in gesteuerten Prozessen nichts mit dem Lernen an sich zu tun, es speichert ab und kann gegebenenfalls reproduzieren.

Findet ein Kind einen eigenen Zugang zu einem Thema, hat allein dieser Prozess viele Vorteile. Das Kind eignet sich beispielsweise Lerntechniken an, übt auf ganz unterschiedlichen Levels Verantwortung und Struktur und befindet sich stets in einem Zielkreislauf (hier stehe ich - woran liegt das - wie kann ich weiterarbeiten). In diesem ganzen Prozess sollten die Erwachsenen nur beraten und dem Kind gegebenenfalls helfen, den eigenen Zugang und den eigenen Weg zu finden.

Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen, frei zu lernen und sich Ziele zu setzen, ohne sie dabei unter Druck zu setzen?

Eltern sollten die immanente Lernfreude ihrer Kinder wecken. Alles wofür die Eltern „brennen", finden die Kinder auch erst mal gut. Wenn Papa Fußballer ist, kickt auch der Sohn schon früh. Wenn Mama oft auf der Bühne steht, imitieren die Kinder sie vorm Spiegel. Fährt Papa Motorrad, ist das Kind an Motorrädern interessiert. Dieses Prinzip lässt sich super aufs Lernen übertragen.

Antoine de Saint-Exaupéry hat es schon ganz richtig erkannt:
„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen; sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer."

Wie wirken sich freies Lernen oder Freiraum im Allgemeinen auf die spätere Entwicklung von Kindern aus?

Kinder identifizieren sich mit ihrem Lernweg und somit mit ihrer Biographie. Sie sind selbstständig und verfügen über alle nennenswerten Lerntechniken. Sie können sich Problemen auf unterschiedliche Weise nähern und sind nicht auf Vorgaben angewiesen. Der kreative Umgang im Problemlösungsprozess steht hier im Mittelpunkt und ist für sie selbstverständlich. Dies schafft Selbstvertrauen, Sicherheit im Umgang mit Problemen und ordnet jedes Thema in die Lebenswelt der Kinder ein. Hier ist auch ein „ich lerne dies, weil ich einen guten Schulabschluss möchte" ein ganz legitimer Grund.

Was hältst du von Übersichten und Plänen, die vorgeben, was ein Kind wann können oder tun sollte?

Solche Einteilungen und Vorgaben halte ich für vollkommen schwachsinnig und widersinnig. Jedes Kind ist als Individuum einzigartig in all seinen Facetten. Mir entzieht sich vollkommen der Sinn solcher „deadlines" - wem ist denn damit geholfen? Solche Einteilungen verunsichern doch nur. Gesunder Menschenverstand, Instinkt und „trial and error" sind alles, was man als Eltern braucht. Vergleichen funktioniert niemals und ist auch absolut unsinnig - zumindest aus meiner Sicht.

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Was kann man tun, wenn ein Kind sich völlig gegen das Lernen (bei freiem Lernen) sperrt?

Ein Kind sperrt sich nicht gegen das Lernen, es sperrt sich wenn überhaupt gegen Struktur und Fremdbestimmung. Gerade für schwierige Kinder sind offene Lernstrukturen sehr hilfreich. Sie können Länge und Intensität der Auseinandersetzung mit einem Thema steuern, Pausen einlegen und Ausgleiche finden. Jedes Kind möchte lernen, dazu ist es auf der Welt - aber nicht jedes Kind möchte lernen, was wir oder seine Eltern für richtig halten.

Und wenn nichts mehr hilft: Wecke in ihm die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer!

Vielen Dank für das tolle Gespräch!

Niklas Heitmann ist glücklich verheiratet und zweifacher Familienvater, unterrichtet Englisch und Musik an der Ostseeschule Flensburg, ist Gitarrist und Sänger der Flensburger Rockband PubForce sowie leidenschaftlicher Bartträger und begeistertes Mitglied der internationalen Vereinigung Bearded Villains.

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