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Diese unbändige Wut

01/10/2017 12:59 CEST | Aktualisiert 01/10/2017 12:59 CEST

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Die Natur hat es wohl schon ganz bewusst so eingerichtet, dass wir uns langsam an die Herausforderungen des Elternseins gewöhnen: Die ersten Zähne kamen ohne Begleiterscheinungen, bei den zweiten bekamen wir die durchbrechenden Beißerchen durch Anhänglichkeit und schlaflose Nächte zu spüren bis die Backenzähne von Fieber, Übellaunigkeit und Durchfall begleitet durchbrachen.

Das gute beim Zahnen ist, dass man die Ursache des Übels kennt. Aber noch viel wichtiger: Man weiß, dass mit dem durchgebrochenen Zahn die Begleiterscheinungen enden.

Steigerungspotenzial

Ähnlich gesteigert haben sich bei uns die Wutanfälle. Anders als bei den ersten Zähnen, trieben uns aber schon die ersten Wutanfälle an den Rande der Verzweiflung. Denn schon die ersten Trotzreaktionen, die ersten Wutausbrüche und das erste Austesten der Grenzen war mit extremen Kopfschlagen gegen Gegenstände jeglicher Art verbunden.

Damals dachten wir, dass es nicht schlimmer kommen kann. Aber auch hier wurden wir eines Besseren belehrt. Die Wutausbrüche haben sich in ihrer Vehemenz und Länge definitiv noch gesteigert. Bleibt nur zu hoffen, dass wir gerade den Höhepunkt erreicht haben, aber ich befürchte, auch das ist immer noch nur der Anfang.

Morgenritual: Wutanfall

Im Moment begleiten uns fast tagtäglich diese Wutanfälle - ganz besonders morgens. Gut gelaunt wacht unser Sohnemann auf, hopst und hüpft durch die Gegend, putzt gemeinsam mit dem Vater seine Zähne und beobachtet uns beim Rasieren, Schminken und Anziehen.

Aber dann kommt der entscheidende Punkt: Es geht an das Ankleiden des kleinen Mannes. Ziemlich verlässlich ist das der Moment, in dem der Wutwurm zuschlägt. Wenn nicht dann, dann spätestens beim Schuheanziehen. Was unser Sohn will, das weiß er selber nicht.

Er verlangt nach Socken, aber wenn wir sie ihm anziehen wollen, dann schmeißt er sie durch den Raum. Er möchte, dass Papa ihm die Socken anzieht, aber wenn Papa ansetzt, dann soll Mama bitte die Socken anziehen. Er will auf den Schoß, rennt aber im gleichen Atemzug in einen anderen Raum und knallt die Türe hinter sich zu.

Wir versuchen, ihn seine Wut ausleben zu lassen, und zu warten bis er sich beruhigt hat. Wir bleiben bei ihm und warten ab. Die meisten Wutanfälle dauern ein paar Minuten, aber vor wenigen Tagen hat unser Sohn rund 45 Minuten getobt und gewütet bis wir immer noch mit viel Widerstand und unter lautem Gebrüll die Wohnung in Richtung Kita verlassen konnten.

Es ist nicht so, dass er wütend wird, weil er nicht in die Kita möchte. Wenn wir dort angekommen sind, freut er sich. Er will dort sein und bleiben, aber er will nicht, dass wir gehen. Genauso verhält es sich mittags. Er freut sich riesig, mich zu sehen, kommt mir entgegen gelaufen.

Aber wenn es dann daran geht, dass wir die Schuhe anziehen und die Kita verlassen, dann blockiert er. Denn er möchte auch irgendwie noch da bleiben. Zusammen mit mir. Er will beides, zu Hause bleiben und in der Kita sein. Und er will in der Kita bleiben, aber auch zusammen mit mir sein. Das geht aber nicht und das macht ihn wütend, sehr wütend.

Elternwut

Aber unser Sohn schlägt nicht nur seinen Kopf, wenn er wütend ist, sondern auch wir Eltern bekommen seine Wut zu spüren: Er kratzt, beißt, schlägt, tritt und zieht an den Haaren. Dies hat zur Konsequenz, dass er nicht mehr auf unserem Arm sein kann, das erklären wir ihm.

Er versteht es auch, aber in dem Zustand des Wütens, blendet er diesen Zusammenhang aus. Das Absetzen macht ihn noch viel wütender. Das stellt uns in der Öffentlichkeit vor große Herausforderungen, aber auch zu Hause merken wir, dass wir an unsere Grenzen stoßen, denn so viel entgegengebrachte unbändige Wut macht ebenfalls wütend.

Meistens gelingt es uns, ruhig zu bleiben. Aber eben nicht immer. So auch an dem Morgen, an dem unser Sohn uns mit seinem bislang längsten Wutanfall an unsere Grenzen trieb. Ich habe mit ihm geschimpft, habe ihm gesagt, dass auch ich wütend bin, dass ich verzweifelt und traurig bin. Traurig, weil ich nicht weiß, wie ich mit der Situation umgehen soll.

Grenze erreicht

An dem Morgen sind der Vater und ich gemeinsame mit unserem Sohn völlig aufgelöst in die Kita gefahren. Eigentlich hätte ich schon längst im Büro sitzen sollen, aber es war mir einfach wichtiger, gemeinsam mit dem Vater unseren Sohn zur Kita zu bringen. Angekommen in der Kita, hat sich eine Erzieherin Zeit für uns genommen.

Sie erzählte, dass unser Sohn auch in der Kita sehr willensstark und Typ Kind „Mit dem Kopf durch die Wand" ist, aber er wird nicht so rasend, so kopflos, so unfassbar wütend. Es mag doof klingen, aber es tat gut, einfach mal Dampf abzulassen bei jemandem anderen als dem Vater, denn den belastet die Situation genauso.

Ich saß da und habe geweint, weil ich einfach nicht mehr weiter wusste, weil mich dieser Morgen einfach komplett überfordert hat. Als Tipp gab die Erzieherin uns mit auf den Weg, dass wir liebevoll konsequent sein sollen. So würden wir unserem Sohn seine Grenzen aufzeigen, die er gerade bedingungslos austestet.

Mittlerweile haben wir uns ein wenig beruhigt, haben mit vielen Leuten gesprochen, die uns allesamt sehr viel Zuversicht gegeben haben. Diese Situation hat uns wieder gezeigt, wie wichtig es ist, als Eltern vertraute Bezugspersonen zu haben, die in diesen schwierigen Situationen ein offenes Ohr haben, sich unserem Problem annehmen, mit uns nachdenken und nach einer Lösung suchen.

Am Wochenende werden wir nun mit unserem Sohn ein Wutkissen kaufen. Das darf er sich selber aussuchen und so werden wir versuchen, dass er seinen Kopf auf das Kissen schlägt. Ein Tipp war auch, das Kissen mit einem schönen Duft zu versehen, auch das werden wir ausprobieren.

Und dann werden wir feste Morgenrituale einführen, gemeinsam mit unserem Sohn. Sodass er genau weiß, was passiert und was ihn noch erwartet.

Auch wenn es oftmals nur schwer nachvollziehbar ist, so ist es schön, von erfahrenen Erziehern zu hören, dass eine Wutphase immens wichtig für die Entwicklung eines Kindes ist. Wenn unser Sohn tobt und wütet, kann man kaum glauben, dass das gesund und normal sein soll.

Aber wir werden versuchen, die Wutanfälle positiv zu sehen. Trotzdem ist es nicht leicht: Diese Wutanfälle treiben uns Eltern definitiv an unsere Grenzen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen auf: www.tatsaechlich-familie.de

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