BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Tatiana Bösch Headshot

Ich habe ein Jahr lang bei H&M gearbeitet - jetzt weiß ich, wie pervers Kunden sein können

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Hätte man mich vor einigen Jahren noch gefragt, was ich von H&M-Mitarbeitern halte, wäre meine Antwort wahrscheinlich wesentlich anders ausgefallen als heute. Ich hätte damals zuerst an gestresste, oft schlecht gelaunte junge Frauen gedacht, von denen ich es gewohnt war, das falsche Rückgeld zu erhalten.

Im Video oben: Diese negative Erfahrung machte eine junge Frau in einer H&M-Umkleide

Heute habe ich den größten Respekt vor jedem, der es über längere Zeit in diesem Laden aushält.

Zu Beginn meines Studiums war ich auf verzweifelter Suche nach einem Nebenjob. Und so bin ich letztlich in einer der größten Filialen der schwedischen Modekette in Deutschland gelandet.

Davor erhielt ich noch viele Warnungen aus dem Freundeskreis: Ob mir denn bewusst wäre, worauf ich mich dabei einlasse. Es sei doch schließlich bekannt, unter welch schlechten Bedingungen Verkäufer dort arbeiten würden. Natürlich kannte auch ich die Horrorgeschichten, aber ich war trotzdem bereit, dort meine eigenen Erfahrungen zu machen.

Das Schlimmste daran, bei H&M zu arbeiten sind nicht die Arbeitsbedingungen, sondern die Kunden

Versteht mich nicht falsch. Einiges, was man so über das Unternehmen erzählt, erwies sich als wahr und auch ich merkte schnell, dass Arbeit auf Abruf zur Normalität gehörte. Allerdings ist das fast überall im Einzelhandel so üblich. Insgesamt war ich als Student mit meinen sehr flexiblen Zeiten und fairen Arbeitsbedingungen sogar ziemlich zufrieden. Was mich viel mehr schockierte und letztlich zur Kündigung führte, war das Verhalten der Kunden.

Viele Kunden haben keinerlei Respekt gegenüber den Mitarbeitern der Modekette und demonstrieren das offenkundig jeden Tag aufs Neue.

Beschimpft zu werden, nachdem ich freundlich darauf hingewiesen hatte, dass ein Artikel nicht mehr im Lager vorrätig sei. Hinter Kindern herzuräumen, während die Eltern seelenruhig weitergingen und ignorierten, wie ihr Nachwuchs einen Kleiderständer nach dem Nächsten auseinander nahm. Diskussionen darüber, dass ich getragene, oft Monate alte Kleidung nicht umtauschen könne. All diese Dinge waren für mich und meine Kollegen an der Tagesordnung.

Man lernt mit der Zeit, die Wut herunterzuschlucken, freundlich zu lächeln und dem Kunden recht zu geben. Der Kunde ist König. Sehr oft gilt aber leider auch: Der Kunde ist pervers. Wer bei H&M und vielen anderen günstigen Modehäusern arbeitet, muss oft auch hart im Nehmen sein. Denn was man hier über die Jahre erlebt, ist nicht nur nichts für schwache Nerven, sondern auch Mägen.

Früher oder später findet man jede erdenkliche Körperflüssigkeit in den Umkleidekabinen

Es gibt einige Berufe, bei denen man darauf eingestellt ist, es mit sämtlichen Körperflüssigkeiten zu tun zu haben. Sanitäter, Krankenpfleger, Chirurgen - aber eben auch H&M-Verkäufer.

Besonders die Umkleide in der Kinderabteilung, wo ich die meiste Zeit arbeitete, war der Ort vielen Übels. Es war nicht genug, dass neben den beiden Umkleidekabinen der Wickelraum - besonders an warmen Sommertagen - einen Duft verbreitete, in dessen Nähe mir bereits innerhalb weniger Minuten übel wurde.

Für viele Menschen ist es scheinbar aber auch unmöglich, diesen Wickelraum richtig zu benutzen. Oft fanden meine Kollegen dort offene Windeln, die manchmal auch noch wahrlos in die Ecke geworfen wurden und dabei an verschiedensten Stellen des Raumes ihre Spuren hinterlassen haben. Selbst wenn der Mülleimer unter dem Tisch offensichtlich frisch geleert war.

Aber überraschenderweise ist es für viele Kunden nicht nur schwierig einen Raum für Fäkalien richtig zu verwenden. Noch viel schwieriger scheint es für viele, diesen zu finden. Tatsächlich haben meine Kollegen und ich jede erdenkliche Körperflüssigkeit früher oder später in den Kabinen vorgefunden.

Das fängt an mit kleinen Kindern, die ihre Blase nicht kontrollieren können oder denen plötzlich unkontrolliert übel wird.

Ich habe Verständnis dafür, dass man weder die Blase noch den Würgereflex eines Kindes kontrollieren kann. Dann aber von den Eltern hören zu müssen, dass man schließlich dafür bezahlt werde, die Hinterlassenschaften des Nachwuchses zu beseitigen, hat mich oft innerlich zum Brodeln gebracht. Viele haben auch direkt mir die Schuld an dem Desaster gegeben - immerhin gäbe es ja keine Kundentoiletten.

Tatsächlich hatte ich nicht selbst die Filiale entworfen und mir dabei gedacht: "Oh, wisst ihr, was wirklich lustig wäre? Wenn wir einfach keine Kundentoilette aufbauen würden!" Aber woher soll der Kunde das auch wissen? Ganz davon abgesehen, dass ich gar nicht mehr zählen kann, wie oft ich ein Kind auf unsere Angestelltentoilette begleitet habe.

Mehr zum Thema: 8 Dinge, die euch eine H&M-Verkäuferin niemals erzählen wird

Aber es sind nicht nur Kinder, die ihre Rückstände in den Kabinen hinterlassen. Von benutzten Binden in Bikinis aus dem Verkauf, zu Tampons, die hinter der Kleidung an dem Haken der Kabine versteckt wurden bis hin zu benutzten Kondomen, die in den eher weniger besuchten Umkleiden aufgetaucht sind - es gibt nichts, das es nicht gab.

Fragen nach meiner Kleider- und BH-Größe wurden zur Gewohnheit

All diese Beispiele sind Extremfälle, die nicht jeden Tag, aber dennoch häufig genug aufgetreten sind.

Die Dreistigkeit, die manche Kunden allerdings an den Tag legen, erlebte ich fast täglich und verwundert mich bis heute. Da gab es beispielsweise Männer, die nach meiner BH-Größe fragten, da meine Brüste in etwa so groß aussahen wie die ihrer vermeintlichen Freundin. Ob ich denn mal ein paar Büstenhalter für sie anprobieren könne, die sie ihr schenken könnten.

Jeden Tag betritt mindestens ein Kunde den Laden, der sich als Ziel gesetzt hat, einem der Mitarbeiter das Blaue vom Himmel zu erzählen. So diskutiert man jeden Tag mindestens einmal darüber, dass man ein eindeutig getragenes Kleidungsstück nicht umtauschen könne. Einer Kollegin wurde dabei Unterwäsche mit offensichtlichen Bremsstreifen auf den Kassentisch gelegt. Der Dreistigkeit der Menschen sind keine Grenzen gesetzt.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich es zum Großteil mit sehr netten und höflichen Kunden zu tun hatte, die einem den Arbeitsalltag in Modeketten wie Hennes und Mauritz sehr erleichtern.

Aber es ist die dunkle Seite der Menschen, die schwarzen Schafe, die sich so stark in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Daher ein Chapeau an all die Damen und Herren da draußen, die sich über Jahre hinweg diesen Wahnsinn antun. Eure Ausdauer hatte ich und auch viele andere, die ich kommen und gehen sah, nicht. Ihr alle habt meinen größten Respekt!

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg