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Was ich als Arzt in Libyen in einem Gefangenenlager für Flüchtlinge erlebt habe

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Das Haus sah unscheinbar aus. Schmutzig-weiße Mauern, vergitterte Fenster, irgendwo im Industrieviertel eines Orts an der libyschen Küste zwischen Misrata und Tripoli. Alleine hätten der libysche Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und ich es nie gefunden. Und wir durften erst nach vielen Telefonaten, viel Reden und viel Misstrauen dorthin.

Es war ein Gefangenencamp, eines von fünf, die ich im Januar für Ärzte ohne Grenzen besucht habe. Es war das schlimmste.

Erst Todesangst, den Lager

In den Zimmern, die um einen Innenhof gebaut sind, lebten 40 Frauen. Sie hatten vor einem halben Jahr ihr Zuhause in Nigeria verlassen, waren von Schleusern nachts auf Schlauchboote gedrängt worden, hatten Todesangst ausgestanden und waren dann von der libyschen Küstenwache aufgegriffen und in das Lager gebracht worden. So, wie es Europa fordert.

Die Frauen wussten nicht, ob und wann sie aus dem Lager wieder herauskommen würden. Es wird von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht. Die Männer tragen Waffen.

Als ich in den Innenhof trat, kamen die Frauen auf mich zu. Sie flehten mich an, ich solle ihnen helfen, zurück in die Heimat zu kommen.

Ich musste ihnen sagen, dass ich das nicht kann. Ich bin kein Diplomat, kein Menschenrechtler.

Vielen droht die Zwangsprostitution

Und selbst wenn sie freikommen, wäre ihre Lage furchtbar. Sie sagten mir, dass sie auf keinen Fall noch einmal versuchen würden, übers Meer nach Europa zu kommen.

Aber sie können es sich auch nicht leisten, nach Hause zurückzukehren. Auch da müssten sie Schlepper bezahlen, Grenzen überwinden. Vielen Frauen droht so die Zwangsprostitution.

Ich konnte diesen Frauen nur sagen, dass ich Arzt bin, und ihnen helfen werde, wenigstens ihre jetzige Situation erträglich zu machen. Bis auf ein, zwei Frauen haben sich alle in einer Warteschlange angestellt.

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Die Mehrheit der Frauen litt unter Krätze, viele unter diffusen Schmerzen, wie sie für Traumatisierte typisch sind. Foto: Stöbe/MSF


Die Mehrheit der Frauen litt unter Krätze, einer infektiösen Hautentzündung, die mit den katastrophalen hygienischen Bedingungen dort zusammenhängt.

Ich bat die Frauen darum, mir die Sanitäranlagen ansehen zu dürfen. Schon den Weg dorthin bin ich nur auf den Fußballen gelaufen, überall waren Pfützen von Urin und Kot.

Im eigentlichen Bad standen die Fäkalien knöcheltief.

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Im Sanitärraum des Camps standen Urin und Kot knöcheltief. Foto: Stöbe/MSF

Sie sagten mir, sie würden ihre Notdurft in einen Eimer verrichten und diesen dann ausleeren. Eine Toilette oder auch nur einen funktionierenden Abfluss gibt es nicht, auch keine Wasserhähne oder Duschen.

Zum Waschen zweigen sie sich ein wenig von ihrer Tagesration an Trinkwasser ab. Es sind katastrophale Bedingungen.

Ich wollte die Wahrheit wissen über Libyen

Viele der Frauen haben auch Schmerzen, können aber nicht genau sagen, wo. Als Arzt werde ich da hellhörig, denn das sind oft die Folge seelischer Traumata. Aber ich habe nicht genug Zeit, um da in die Tiefe zu gehen. Und so kurz nach einer Flucht können die meisten Menschen nicht über ihre Traumata sprechen.

Ich bin nach Libyen gegangen, weil ich die Wahrheit wissen wollte über dieses Land. Ich war 2015 für einen Monat auf einem Seenotretter im Mittelmeer und habe viele kranke Menschen behandelt, die auch aus Camps kamen. Nicht alle haben überlebt.

Die Camps der Schlepper

Es gibt die halboffiziellen Camps des libyschen Amts für Migration, wie ich sie besuchen konnte. Die Behörden überlassen sie de facto privaten Sicherheitsfirmen, die dann treiben, was sie wollen. Selbst diese Lager erfüllen keinerlei Mindeststandards, es sind aufgelassene Fabrikhallen, alte Tierställe, teils auch Camps aus der Zeit unter Gaddafi. Das sind noch die besseren Camps.

Westlich von Tripolis betreiben Schlepperbanden die Lager. Sie sind hermetisch abgeriegelt, da kommen auch wir von Ärzte ohne Grenzen nicht rein.



In manchen müssen die Flüchtlinge monatelang unter sklavenartigen Bedingungen arbeiten, um das Geld für die Schleuser zu verdienen. Auf dem Bau, in der Landwirtschaft.

Wer zu krank zum Arbeiten ist, wird offenbar ins Boot gesetzt

Mein Eindruck ist, dass die Schleuser dann auch diejenigen in Boote setzen, die so krank sind, dass sie ihnen beim Arbeiten nicht mehr nützlich sind. Dann müssen sich die Schlepper auch keine Gedanken machen, was sie mit den Leichen machen.

Die Leichenhallen in den Krankenhäusern entlang der Küste sind bereits überfüllt mit Leichnamen, die nicht identifiziert werden können.

Die Kapazitäten der Kliniken reichen nicht einmal, um für die lebenden Flüchtlinge zu sorgen.

Tausende wollen in Libyen arbeiten

In manchen Camps werden sogar Leute gefangen gehalten, die ein Visum für Libyen haben. Denn neben den Flüchtlingen, die nach Europa wollen, kommen tausende Menschen nach Libyen, die dort arbeiten wollen.

Weil meine Reise im Januar dazu dienen sollte, erst einmal die Verhältnisse in Libyen zu erkunden, habe ich mit Dutzenden von ihnen auf der Straße gesprochen.

Sie warten an jeder Straßenkreuzung, und sobald wir langsamer fuhren, boten sie ihre Arbeit an. Sie sind zu allem bereit, egal wie schlecht es bezahlt ist.

Diese Arbeiter wollen nicht nach Europa. Es stimmt einfach nicht, dass alle Menschen nur deswegen nach Libyen kommen, um da auf gepackten Koffern auf ihre Reise nach Europa zu warten.

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Die Frauen wissen nicht, ob und wann sie freikommen - und was danach werden soll. Foto: Stöbe/MSF

Ich habe die Frauen im Camp gefragt, ob sie ihre Heimat verlassen hätten, wenn sie wüssten, was auf sie zukommt. Nein, sagten sie, auf keinen Fall. Und wünschen sich einfach nur, endlich wieder nach Hause zu kommen.

Intensive Momente jenseits von Smalltalk

Ich bin seit 15 Jahren bei Ärzte ohne Grenzen. Vor Jahren schon habe ich gelernt, dass Helfen oft Frust bedeutet. Weil ich keine Lösung habe, weil ich nicht heilen kann, sondern nur lindern und da sein für die Menschen.

Dafür ergeben sich oft sehr intensive Momente jenseits aller Oberflächlichkeiten.

Als ich während der Ebola-Krise in Westafrika war, habe ich mich um Menschen gekümmert, von denen ich nicht wusste, ob sie am nächsten Tag noch leben würden. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass bei vielen der letzte Satz keine Klage über ihr Leid war. Sondern ein Dank an uns Helfer.

Der politische Zynismus in Deutschland ist furchtbar

Das Leid so eins zu eins zu erleben, ist furchtbar.

Aber fast noch erschütternder ist der politische Zynismus hier in Deutschland. Zu hören, wie Helfer und Flüchtlinge kriminalisiert werden. Zu sehen, dass Europa auch noch die Mittelmeerroute schließen und dafür die Menschen in Libyen einsperren lassen will.

Die Regierung in Libyen kontrolliert nicht einmal Tripolis. Sie kann für keine Camps im Land garantieren. Das ist unmöglich.

Europa hätte unglaubliche Möglichkeiten, zu helfen

Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Und mehr als 85 Prozent von ihnen fliehen in Länder, die selbst sehr arm sind. Europa spielt in der globalen Flüchtlingshilfe praktisch keine Rolle mehr. Dieser Kontinent hat unglaubliche Möglichkeiten zu helfen. Er muss es aber endlich auch tun.

So, wie es den Menschen geht, die ich in Libyen getroffen habe, geht es Zehntausenden dort. Und ich konnte ihnen nur ein paar Medikamente dalassen. Versprechen, dass meine Kollegen wiederkommen. Und ihnen sagen, dass ich in Deutschland von ihrer Geschichte erzählen werde. Damit das Leiden irgendwann aufhört.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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