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Der Patient als Geldquelle: Wie Zahnärzte in Deutschland ahnungslose Patienten abzocken

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Herr E. ist Rentner und bei guter Gesundheit. Nur ein Zahn im linken Oberkiefer bereitete ihm im Sommer 2013 Probleme. Er ging zu seinem Zahnarzt. Es musste eine Wurzelkanalbehandlung gemacht werden und dafür sollte eine bestehende Brücke erneuert werden.

Im Video oben: Wie Ärzte in Seminaren lernen, wie sie den Patienten mehr Geld aus der Tasche ziehen.

Der Kostenvoranschlag allerdings enthielt nicht nur die Brücke, sondern auch den Plan, alle bestehenden Kronen im Mund von Herrn E. zu erneuern. Also zwei Kronen für die Pfeilerzähne, die die Brücke tragen, und dazu 17 neue Vollkronen.

Die alleine machten im Kostenvoranschlag schon 5.600 Euro aus. Inklusive diverser Abrechnungspunkte auf drei Din-A4-Seiten von Abdruck bis Zahnbelagsentfernung kam der Zahnarzt am Ende auf eine Summe von 19.000 Euro.

Freunde des Rentners wurden stutzig und drängten ihn, einen anderen Zahnarzt zu konsultieren. Der schaute sich das Gebiss an und befand: Die Brücke ist nötig und an einem Zahn sollte Karies unter einem Inlay entfernt werden. Mehr nicht.

Für die gesamte Behandlung seien zwei Kronen als Brückenanker nötig sowie ein Brückenglied für den fehlenden Zahn, zudem eine Einzelkrone. Kostenvoranschlag: 3.400 Euro.

"Überversorgung fällt nicht immer auf, weil sie Patienten nicht immer bewusst ist"

Drei statt 19 Kronen und 3.400 statt 19.000 Euro: Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wenn, wie bei Herrn E., Füllungen oder Kronen unnötigerweise, also ohne medizinischen Grund, ausgetauscht und erneuert werden sollen, sprechen Experten von Überversorgung - heute eines der großen Probleme in der Zahnmedizin.

Überversorgung fällt nicht immer auf, weil sie Patienten nicht immer bewusst ist, vor allem, wenn ein Zahnarzt über günstigere und einfachere Möglichkeiten nicht aufgeklärt hat.

Das müsste er zwar, aber ganz offensichtlich tut er es nicht immer oder nicht immer objektiv.

Überversorgung: Ein teures Problem der Zahnmedizin

"Es machen nicht alle", sagt Dr. Roland Ernst. "Aber die Versuchung ist groß." Der Zahnarzt aus Edewecht in Niedersachsen setzt sich bereits seit Jahren für eine bezahlbare Zahnmedizin ein, unter anderem auch im Vorstand des Deutschen Arbeitskreises für Zahnheilkunde (DAZ).

Denn manche Praxen sind unter Zahnärzten bekannt dafür, dass sie Patienten Überflüssiges aufschwatzen. Das können unnötig viele Kronen oder Implantate sein, aber auch Extras, die medizinisch nicht unbedingt notwendig sind.

Also Brimborium, Räucherstäbchen, wie ein Gutachter es nennt. Ein Lasereinsatz kann zum Beispiel dazu gehören, eine rein kosmetische Leistung oder auch eine aufwendige Planung für eine eigentlich unkomplizierte Behandlung. Die Überversorgung ist vermutlich das teuerste Problem der Zahnmedizin.

Das Ausmaß ist unklar, und das, obwohl bereits im Jahr 2000 der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen die Existenz von Über, Unter und Fehldiagnostik "unstrittig" nannte und bemängelte, es stehe in Deutschland "kein wissenschaftlich belastbares, allgemein akzeptiertes Datenmaterial zur Verfügung", um das jeweilige Ausmaß zu bestimmen.

"Erhöhter Schwierigkeitsgrad wegen der hohen Anzahl der Zähne"

Dass die schicke Zahnarztpraxis im Bezirk der Zahnärztekammer Nordrhein einen besonderen Anspruch hat, wusste Herr S. Dass er dort sein blaues Wunder erleben sollte, das ahnte er freilich nicht, als er sich im März 2009 dort zum ersten Mal in den Behandlungsstuhl setzte.

Offenbar hatte sein Mund Schwierigkeiten zu bieten wie der Mount Everest. 18 Behandlungstermine sollten innerhalb von nur sieben Monaten folgen, und am Ende lagen drei Rechnungen auf seinem Tisch - über insgesamt 8.900 Euro.

Seine private Versicherung zahlte nur mit Bauchschmerzen, er engagierte einen Anwalt, und mehrere Gutachter kamen innerhalb von drei Jahren zu dem gleichen Ergebnis: eine überflüssige Behandlung.

Viele Maßnahmen, Abrechnungen und Steigerungsfaktoren des behandelnden Zahnarztes waren mindestens fraglich. Einer der Gutachter bescheinigte Herrn S. ein einwandfreies Gebiss.

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Ein wenig überstehender Oberkiefer(Deckbiss), ein wenig Abrasion, ein wenig Karies. Das hätte man für gut 1.100 Euro in Ordnung bringen können.

Herr S. hofft nun, dass das Landgericht Düsseldorf diese Ansicht teilt. Er klagte gegen seinen Zahnarzt, um von den 8.900 Euro 7.200 Euro zurückzuerhalten.

Die Rechnungen, die die feine Zahnarztpraxis für Herrn S. ausstellte, füllen mehr als 20 Seiten. Nach Ansicht der Gutachter hat der Zahnarzt die Gebührenordnung "weitgehend ausgereizt" oder auch "durchaus intensiv ausgeschöpft".

Beispielsweise findet sich auf den sechs Seiten der ersten Rechnung über 4.258 Euro insgesamt 20 mal der Vermerk "erheblich erhöhter Zeitaufwand".

"Patienten, bei denen das alles nötig sei, bekomme ein Zahnarzt selten zu Gesicht"

Viele teure Methoden wurden abgerechnet: eine Panorama-Röntgenaufnahme, eine computergesteuerte Tomografie und eine 3D-Rekonstruktion. Ob sie alle tatsächlich zum Einsatz kamen, daran hatten die Gutachter wegen teils fehlender Dokumentation einige Zweifel.

Teuren Zahnersatz hatte Herr S. dabei gar nicht erhalten. Sondern eine chirurgische Parodontalbehandlung inklusive teurer Laseranwendung, behandelt wurde eine Mundschleimhauterkrankung, es wurden Zysten entfernt und einige Füllungen gelegt.

Zudem wurden drei Weisheitszähne gezogen. Das Ergebnis der Überprüfung: vernichtend. Gegen sehr viele Punkte hatten die Gutachter etwas einzuwenden.

Eine aggressive Parodontalerkrankung, die das invasive chirurgische Vorgehen rechtfertigen würde, habe wohl nicht vorgelegen, ebenso wenig eine Funktionsstörung der Gesamtheit des Zahn-, Mund- und Kiefersystems.

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Dass der Patient tatsächlich Zysten an drei Zähnen gehabt habe, deren Entfernung der Zahnarzt abrechnete, sei fraglich. Und für die Routinediagnostik vor der Entfernung der einfach liegenden Weisheitszähne sei keine teure digitale Volumentomografie nötig gewesen.

31 Mal rechnete der Zahnarzt eine lokale Betäubung ab, viele Behandlungen zudem in ungewöhnlich kurzen zeitlichen Abständen, etwa Füllungen, Polituren, Wurzelglättung oder Zahnbelagsentfernung.

Fazit: Eine auffällige Häufung und eine auffällige Intensität der abgerechneten Leistung. Patienten, bei denen das alles nötig sei, bekomme ein Zahnarzt selten zu Gesicht.

Vor allem machten die Labor- und Materialkosten, sonst einer der größten Anteile einer Zahnarztrechnung, nur wenig mehr als 200 Euro von den insgesamt 8.900 Euro aus. Der Rest - reines Honorar.

Zudem hatte der Zahnarzt mehrfach den komplizierten Zugang, die eingeschränkte Mundöffnung und anatomische Enge als Gründe für sein gesteigertes Honorar angeführt. All das konnten die Gutachter nicht nachvollziehen.

Besonders apart ist die Begründung des behandelnden Zahnarztes, ein erhöhter Schwierigkeitsgrad sei gegeben wegen der "hohen Anzahl der Zähne".

Teuer ist nicht verboten

Zwar ist nicht jeder teure Zahnarzt automatisch ein schlechter Zahnarzt. Auch eine fünfstellige Rechnung kann gerechtfertigt sein, wenn die Aufgabe umfangreich und kompliziert war. Es gibt auch gute teure Zahnärzte.

Aber ein gewisses Preisniveau ist doch verdächtig. Vor allem in Regionen mit wohlhabender Kundschaft registrieren Gutachter eine Häufung von Praxen, die sehr hohe Rechnungen schreiben.

Sogar sechsstellig kann es in Düsseldorf, München oder Baden-Baden werden. Manche Zahnärzte berechnen extreme Steigerungssätze beim Honorar, zum Beispiel einen elffachen oder 16 fachen Satz bei bestimmten Abrechnungsziffern - was der Patient allerdings vorher unterschreiben muss.

Patienten sollten deshalb immer vor einer Behandlung genau nach allen anfallenden Kosten fragen und den Vorschlag des Zahnarztes in Ruhe überdenken oder von der Krankenkasse oder einer Patientenberatungsstelle prüfen lassen.

Den gesunden Menschenverstand sollte man einschalten, wenn Zahnärzte besonders ausufernd für sich werben, PR-Berater beschäftigen oder als Promi-Zahnärzte in bunten Blättern posieren. Die ganz große Show macht eine Behandlung sicher nicht billiger.

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Als juristisch strafbarer Wucher lassen sich Rechnungen in der Medizin allerdings nicht so einfach bezeichnen. Auch 12,5-fache Steigerungssätze können gerechtfertigt sein, wenn der Wert der erbrachten Leistung dem entspricht.

Das hat bereits 2004 das Bundesverfassungsgericht bestätigt. Ein Zahnarzt hatte von 1996 bis 1998 eine Patientin behandelt, deren Gesamtrechnung sich am Ende auf sagenhafte 118.102 D-Mark belief. Allein 16.372 D-Mark kostete der Zahnersatz.

Der Zahnarzt hatte mit der Patientin die zulässige Vereinbarung getroffen, dass er über den Höchstsatz der Gebührenordnung hinaus abrechnen konnte.

Zwar unterlag der Zahnarzt vor dem Oberlandesgericht Hamm, doch das Bundesverfassungsgericht gab ihm 2004 recht. Grund war die Berufsfreiheit. Bei einem besonderen Aufwand sei im Einzelfall ein Abweichen von der Gebührenordnung erlaubt.

Den Patienten stehe es frei, den Zahnarzt zu wechseln, wenn ihnen der Preis zu hoch erscheine. Als Trost kann man erwähnen, dass die fachliche Leistung des Zahnarztes hier offenbar gut war.

Die Qualität der Arbeit stand nicht zur Debatte, nur die Bezahlung.

Grundproblem: Mangelnde Sorgfalt und Kommerzialisierung

Neben luxuriöser Überversorgung gibt es in Deutschland immer noch eine Unterversorgung - was in einem Land mit so vielen Zahnärzten und einer recht guten Kassenabsicherung eigentlich kaum vorstellbar ist.

Spezialisierte Zahnärzte, die schwierige Fälle von Kollegen übernehmen, dokumentieren regelmäßig bei Fortbildungen, was alltäglich in vielen Zahnarztpraxen schiefläuft, einmal abgesehen von den ganz groben Verstößen, die Schlagzeilen machen.

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Und seit Jahren belegen Untersuchungen immer wieder, dass Zahnärzte Erkrankungen an Zähnen und Zahnfleisch übersehen. Auch so etwas kann wirtschaftliche Gründe haben.

Vielleicht hat ein Zahnarzt kein Interesse, nur eine Einzelkrone zu machen, wenn sonst an dem Patienten nichts zu verdienen ist.

Vielleicht hat er die Karies oder die Zahnfleischtasche tatsächlich nicht erkannt. Mangelnde Sorgfalt und die Verlockung, zusätzlich zu verdienen, statt ausreichend zu therapieren - das sind zwei Grundprobleme der Zahnmedizin.

Sowohl die Überversorgung als auch die Unterversorgung sind teuer.

Denn wenn bei Patienten Zahndefekte längere Zeit nicht behandelt werden, sind die Kosten für spätere Behandlungen in der Regel höher, als wenn frühzeitig eingeschritten worden wäre.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Schlecht behandelt: Wie Zahnärzte ihre Patienten mit teuren Behandlungen abzocken" von Tanja Wolf. Es erschien 2017 im riva-Verlag.

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