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Von WutMonstern und ArschEngeln

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GOKART
iStock
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Welche Mama kennt sie nicht: die heiss geliebten Trotzanfälle und Wutausbrüche von den lieben Kindern. Gestern hat mein Sohn das halbe Dorf zusammen geschrieen. So lange, bis der ArschEngel kam und es weg gestossen hat.

Oft machen wir vor dem zu Bett gehen eine kleine Runde in unserem Dorf, meine Kinder lieben das. Entweder schnappen sie sich dann ein KickBoard, das Fahrrad oder den GoKart und wir drehen dann gemütlich noch einen Kreis im ruhigen Dorf. Betonung auf RUHIG!

Das Drama nimmt seinen Lauf

Friedlich gehen wir so durch die Gassen, passieren die kleine Brücke über den Dorfbach und wollen vor dem Haus vom Zahnarzt rechts abbiegen für eine kleine Runde, da passiert es: Mein Sohn will aber lieber links rum und eine grosse Runde ziehn. Geht nicht, erklär ich ihm, weil seine kleinere Schwester die grosse Runde mit dem GoKart nicht mehr treten mag, Mama kein Seil zum Ziehen dabei hat und stossen geht auch sehr schlecht mit Kinderwagen.

Und dann kam sie angerollt, diese grosse, mächtige TsunamiWutWelle. Sie hat mein Kind mitgenommen und ein stampfendes, schreiendes, weinendes, extrem lautes WutMonster da gelassen.

Super denk ich mir und geh meine kleine WutCheckListe durch.

Ich warte, bis das Monster eine kleine SchreiPause einlegt, oder bitte es ganz nett, nicht mehr zu schreien, da ich gerne mit ihm kommunizieren möchte.
Ich erkläre ganz ruhig und sachlich, weshalb wir jetzt im Augenblick bitte rechts abbiegen. Das Monster erhält die Chance zu koorperieren.
Das Monster schreit weiter. Ich biete ihm eine Alternative an. Die Alternative war echt gut, das Monster hätte zu Hause auf der Strasse noch einige Runden alleine mit mir drehen können.
Die Alternative wurde stampfend abgelehnt. Das Monster in meinem Kind wurde immer lauter und wilder und schreiender.
Was jetzt? Alle vier Punkte haben versagt. Es handelt sich wohl um einen absoluten Ernstfall. Ein HorrorWutTsunami.

Ich entschloss mich für den Rückzug. Also ging ich mit den beiden Mädchen etwa hundert Meter vor, was das Monster noch mehr toben liess.

Ich musste mich von dieser WutWelle entfernen, sonst hätte sie mich auch mit genommen. Ehrlich gesagt, war ich froh, dass sie draussen auf der Strasse zum Überschlagen kam. Es gibt viel schlimmeres. Im Einkaufszentrum zum Beispiel. Das ist übrigens ein LieblingsTummelPlatz für die WutWellen. Sie lieben Einkaufszentren und grosse Menschenmassen, vor denen man sich so richtig schön in Szene setzen kann. Dann ist an Rückzug nicht zu denken. Das geht dann als Mama so richtig schlecht, obwohl ich in so einer Situation gerne alle Lebensmittel auf dem Laufband liegen lassen, und das WutMonster mit ihnen an der Kasse stehen lassen würde. (Wahrscheinlich weiss genau das das WutMonster auch. Die sind nämlich ziemlich clever)

Nun gut, ich genoss also die Option mich zurück ziehen zu können und liess das WutMonster wütend sein und schreien, um nach einigen Minuten wieder zu ihm zu gehen, und alle vier Punkte meiner Checkliste nochmals durchzugehen. Das Monster wollte mir nicht zuhören. Es wollte nicht koorperieren. Es hatte keinen Bock auf Alternativen. Es wollte einfach weiter schreien. Und links abbiegen natürlich. Es beharrte auf die grosse Runde. Die wollte ich ihm nicht gewähren. Weil es in einer Familie darum geht, Kompromisse zu finden. Weil das WutMonster lernen darf, dass es auch nocht andere Menschen gibt mit Bedürfnissen, die es zu akzeptieren gilt. (Im Übrigen muss ich nicht erklären, dass wenn wir die grosse Runde gemacht hätten, die WutTsunamiWelle auf meine Tochter, die keine Lust dazu hatte übergeschwappt wäre)

Nun gut, ich zog mich wieder zurück. Setzte mich auf die Strasse. Beobachtete aus sicherer Distanz. Und fragte mich, was das Monster zum koorperieren bringen würde.

Und dann kam er: In einer grossen, leuchtenden Gestalt stampfte er aus seinem schönen Landhaus, seine hübsche Frau im Schlepptau: Der ArschEngel! (Der Begriff Arschengel stammt von Robert Betz. Kurz erklärt ist ein Arschengel ein Mensch, der in unserem Leben auftaucht und vordergründig ein Arsch ist, jedoch schlussendlich sehr viel Gutes für uns bewirken kann, weil wir uns durch ihn verändern, anfangen, umzudenken, vorwärts gehen. Arschengel sind sehr kostbare Wesen. Sie können Felsbrocken oder in meinem Fall WutMonster ins Rollen bringen!)

Nun gut, leider konnte ich nicht hören, was der Arschengel dem Monster sagte. Aber ich verstand ziemlich schnell, dass der liebe Mann nach zehn Minuten Geschreie keine Lust mehr dazu hatte, dieses vor seinem Haus zu ertragen. Er nahm kurzerhand den GoCar vom Monster und schob es von seinem Platz weg. (Das mit dem Wegschieben hab ich auch probiert, klappte leider nicht.)

Der ArschEngel hat mich noch ein Weilchen böse angeschaut, und da es sich bei ihm um einen Zahnarzt handelt, musste ich aus lauter Selbstschutz stehen bleiben. Ich merkte, dass die WutTsunamiWelle kurz bei mir anklopfen wollte. Ich wollte schon nach vorne schreiten, um dem ArschEngel die Leviten zu verlesen, was ihm einfalle MEIN Monster anzufassen und mit ihm zu schimpfen, als ich erkannte, dass es in meine Richtung fuhr.

Es bewegte sich ZU MIR.

Es war nicht mehr so laut.

Es hat sich also für die Alternative entschieden.

Es fing an zu koorperieren.

Als es bei mir war, konnte ich wieder mit ihm reden.

Danke ArschEngel! Ein Haleluja auf dich!

Ganz ehrlich, ich mag solche Situationen nicht. Es bringt mich an meine Grenzen. Es ist für mich schwierig, mich von den Emotionen nicht mittragen zu lassen. Und ich ertappe mich, wie ich mich für das Monster in meinem Kind schäme. Ich schreibe bewusst nicht, dass ich mich für mein Kind schäme, denn dieses austickende Ding ist nicht mein Kind. Es ist eine Emotion, die Überhand genommen hat, es eingenommen hat. Etwas, das es noch nicht richtig versteht. Etwas, aus dem es noch nicht raus kommt von alleine. Dazu braucht es manchmal vielleicht jemand aussen stehenden. Oder einen ArschEngel.

Meine Kinder ticken nur bei mir so aus. Nicht, weil sie mich damit bestrafen wollen. Ich glaube, sie machen das, weil sie Grenzen erfahren müssen. Und die können sie an mir testen. Weil ich ihre Bezugsperson bin. Weil sie mich kennnen, mir vertrauen, wissen, dass ich versuche, sie durch diese Erfahrungen zu leiten.

Ob ich alles richtig mach?

Keine Ahnung.

Ob ich eine gute Mutter bin?

Keine Ahnung. Frag mal den Zahnarzt, haha!

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Emotionen nicht gerne gesehen werden. Es ist unanständig, seiner Wut freien Lauf zu lassen, Menschen die tanzend und lachend durch die graue Stadt gehen werden komisch angeschaut. Trauern darf man nur eine gewisse Zeit, danach sollte man aber bitte wieder auf "normal" schalten und funktionieren.

Und die Kinder? Die sollen bitte leiser durch die Welt gehen. Damit sie nicht stören. Nicht auffallen. Denn das wollen wir nicht. Immer schön brav angepasst bleiben. Und die andern nicht in ihrer Ruhe stören.

Ich scheiss drauf. Und danke dem ArschEngel, dass er meinen MamaArsch gerettet hat!

Ein kleiner Filmtipp von mir noch zu dem Thema Emotionen: Schaut mal alles steht Kopf von Disney, seeeehr empfehlenswert!

Dieser Beitrag wurde zuerst auf HerzBauchWerk veröffentlicht.

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