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Wenn du liebst, was du tust ...

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Ich sitze mit Claudia auf der Terrasse und frage sie bei Tee & Keks, wie es im Job so l├Ąuft. Sie sagt:"Schei├če". Ich frage: "Warum?". "Ach, der Chef. Und die viele Arbeit. Und der Druck. Und die ├ťberstunden. Und die doofe Kollegin. Und das Mobbing. Alles schei├če." Ok. Alles schei├če.

Frage ich Peter, Kathrin, Diana oder Robert, bekomme ich haargenau dieselbe Antwort mit denselben Problemen und denselben heruntergezogenen Mundwinkeln. Alles verku╠łmmerte Seelen, die morgens unlustig zur Arbeit fahren und abends auf allen Vieren wieder nach Hause kriechen. Weil man es halt so macht.

Weil es (fast) jeder so macht. Und weil man ja irgendwie Geld verdienen muss. Das Haus muss abbezahlt werden, die Kinder ern├Ąhrt, der Fitness Club finanziert - obwohl man vor lauter Arbeit oder Ersch├Âpfung nie hingeht - und noch s├Ąmtliche andere Vorlieben, die man als Mensch halt so hat. Das ist Alltag. Das sind wir. Das machen wir. Arbeiten, um zu leben. Nicht umgekehrt.

Ein ehemaliger Vorgesetzte kam eines Tages quietschfidel in mein Bu╠łro gehu╠łpft und pfefferte mir begeistert entgegen: "Wenn du liebst, was du tust, wirst du in deinem Leben niemals arbeiten." K├Ânnte man als nervige Floskel oder Klugschei├čer-Spruch degradieren. K├Ânnte man aber auch mal bewusst analysieren und durchchecken, was uns dieser Satz eigentlich sagen m├Âchte. Folglich bedeutet es ja erstmal: Arbeit = kann man nicht lieben.

Wenn du Spa├č hast, ist es keine Arbeit

Ergo: Wer arbeitet, hat nie Spa├č. Ergo: Und wenn du Spa├č hast, ist es aber keine Arbeit. Also, nicht gefu╠łhlt. Pragmatisch gesehen schon. Letztendlich soll es doch nur bedeuten: Hey, such dir einen Job, den du wirklich gerne tust - und dein Leben ist klasse! So gesehen gar kein so dummer Ansatz.

Denn wenn Arbeit krank macht, dann sind nicht immer die Anderen schuld, sondern vor allem die Nachsichtigkeit mit uns selbst. Das Vernachl├Ąssigen unserer eigenen Bedu╠łrfnisse, das Hintenanstellen, weil wir uns nichts wert sind, das st├Ąndige Nicken ohne Nachzudenken und wahllose Tun, weil man was tun muss, ohne zu u╠łberlegen, ob das Tun auch einen Sinn hat.

Angefangen bei der Auswahl eines Jobs, den wir eigentlich gar nicht machen wollen, u╠łber das bedingungslose Hinnehmen von schlechten Arbeitsbedingungen bis hin zum fehlenden Mut, auch einfach mal Nein zu sagen. Authentizit├Ąt ad├ę.

Nun gut, gehen wir mal auf unsere Wunschvorstellungen ein. Die Arbeit der Zukunft. Wie sieht sie aus? Vielleicht kennen wir unsere pers├Ânliche Antwort und formen in unseren K├Âpfen heimlich ein Idealbild. Raus aus dem Strudel, raus aus dem Funktionieren, raus aus dem st├Ąndigen Stu╠łhles├Ągen-Massacker und dem Ego-Streichelzoo. Wie soll er denn eigentlich sein, der perfekte Arbeitsplatz, damit unsere Seelen nicht dahin vegetieren?

Der perfekte Arbeitsplatz

Klar. Der Chef ein total Netter und Lieber, immer gut gelaunt, immer lobend, fast schon Kumpeltyp. Das Gehalt ordentlich bis u╠łber Level. Keine ├ťberstunden. Keine Mails nach 18 Uhr. Keine Anrufe w├Ąhrend der Urlaubszeit. Kein Druck. Friede und Harmonie innerhalb der Belegschaft, inklusive regelm├Ą├čige Kaffeekr├Ąnzchen.

Arbeitsplatz ergonomisch und ru╠łckenkonform, am besten noch nach Feng Shui ausgerichtet. Das Kantinenessen ein einziges Gourmetwunder, von Menschen gekocht, die wirklich Ahnung haben - alles bio natu╠łrlich.

Die Arbeitsbedingungen ein einziger Traum: Transparenz, Verantwortung, Kommunikation, ein Tschacka-Wir-Gefu╠łhl. Am Besten noch einen Betriebspsychologen, bei dem man sich ab und zu ausheulen kann, wenn es mal brennt.

Keine ├ťberforderung, wenig Arbeit, Auch-mal-liegen-lassen-Mentalit├Ąt, viele fr├Âhliche Gesichter. Und vor allem: Wertsch├Ątzung. Von Kopf u╠łber die Unterhose, bis zum Zehennagel. Sicherlich: In manchen Betrieben gibt es wirklich ein solches Schlaraffenland nach pers├Ânlichem Gusto. Und es w├Ąre sch├Ân, wenn es zum Standard geh├Ârt. Aber geht es nicht um mehr?

Geht es nicht erst einmal darum, sich selbst intensiv zu betrachten und herauszufinden, worauf man eigentlich wirklich Bock hat in seinem Leben? Geht es nicht darum, mal einen Gang runter zu schalten, um den st├Ąndigen Hinterherhetzen und Mitschwimmen und der Gier nach Anerkennung, Macht und Bessersein zu entkommen?

Unsere Authentizit├Ąt bietet keinen Platz fu╠łr Fragen und Zweifel

Egal, ob als Arbeitnehmer oder -geber. Geht es nicht darum, mal dieser krankhaften, permanenten Gewinnoptimierung zu entfliehen und den Wert eines Unternehmens an der Zufriedenheit der Mitarbeiter zu messen und nicht an den Zahlen auf dem Konto?

Geht es nicht darum, starre Vorgaben und bisher Gelerntes zu durchbrechen, um Freiheit und Chancen zu produzieren? Warum muss alles perfekt sein? Warum gibt es fu╠łr Quereinsteiger so wenig M├Âglichkeiten? Warum mahnt mich ein Personaler an mit dem Satz: "Sie haben da eine Lu╠łcke im Lebenslauf.", und warum kann ich dann nicht einfach mit einem "Ja, war geil!" antworten, ohne, dass ich wieder hinausgeschickt werde?

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Geht es nicht darum, back to basic zu gehen? Durchzuatmen, Spa├č zu haben, das Tempo zu drosseln, die Selbstliebe zu f├Ârdern, Digitalisierung mal links liegen zu lassen und pers├Ânliche Kommunikation wieder zu erlernen? Seelenbezogen, liebevoll, menschlich. Geht es nicht darum, dass jeder von uns auf sich achtet, um andere achten zu k├Ânnen?

Und geht es nicht darum, nur dann "Ja" und "Nein" zu sagen, wenn unser innerstes Ich das auch wirklich will? Unsere Authentizit├Ąt bietet keinen Platz fu╠łr Fragen und Zweifel und Rechtfertigungen und ein schlechtes Leben. Sie ist elementar fu╠łr unser Seelenheil und keiner darf gegen sie schie├čen. Schon gar nicht wir selbst.

Kein Job der Welt ist es wert, sich krank zu arbeiten. Erlaube dir einfach mal du sein zu du╠łrfen. Und hinterfrage dich ernsthaft, ob du wirklich liebst, was du tust. Egal ob du Chef oder Mitarbeiter bist. Und wenn du die Antwort kennst, wirst du instinktiv wissen, was zu tun ist.

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