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Leben als Mama mit Burnout: Ich war nicht mehr in der Lage, mich um meine Kinder zu kümmern

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MAMA BUNROUT
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Als ich meine Familie gegründet habe, war mir nicht bewusst, wie sehr das mein eigenes Leben verändern würde. Ich war vorher finanziell unabhängig und bestimmte selbst, in welchen Räume ich mich bewegte.

Für die Liebe zog ich dann von München nach Köln, denn ich wollte das volle Programm mit Heirat, Familie und allem Drum und dran. Ich freute mich wahnsinnig darauf, zusammen mit meinem Mann Eltern zu werden.

Als ich Mama wurde, gab ich meinen Job auf und war somit finanziell abhängig von meinem Ehemann. Das ist am Anfang natürlich eigentlich auch normal. Allerdings hatten wir nicht abgesprochen, wie die Mama- und Vaterrolle sein würde, wenn wir Kinder bekommen.

Mein Ehemann war damals beruflich sehr viel unterwegs. Dadurch bekam ich schnell das Gefühl, alleine verantwortlich zu sein. Ich habe gemerkt, dass ich von meinem unabhängigen Dasein in ein fremdbestimmtes Leben hinübergerutscht war.

Ich fühlte mich überfordert

Ich fand es schön, Mutter zu werden. Meine Tochter war ein geplantes Wunschkind, doch das Elternsein ist nun mal komplett anders, als ich mir das so vorgestellt hatte. Meine Tochter schlief die ersten zwei Jahre keine Nacht durch.

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Die andauernde Schlaflosigkeit führte bei mir sehr schnell zu einer starken Überforderung. Durch den Schlafmangel fühlte ich mich zunehmend gereizt und teilweise sogar aggressiv, weil ich einfach meinen Akku nicht aufladen konnte.

Da mein Mann so häufig verreist war, bekam ich auch nachts keine Entlastung und war auf mich alleine gestellt. Niemand war da, um mir das Kind abzunehmen, wenn ich eigentlich schon nicht mehr konnte. Es macht mit Sicherheit einen Unterschied, ob auch einmal jemand anderes aufsteht und sagt: "Komm, ich übernehme", als wenn man das gefühlt über Wochen hinweg alleine macht.

Durch die Schlaflosigkeit verlor ich mich selbst und meine Interessen völlig aus dem Blick. Ich hörte auf, Sport zu machen. Ich nahm mir keine Zeit mehr, einfach mal abends vor die Tür zu gehen. Ich bin in diesen Kreislauf förmlich hineingeschlittert, obwohl ich ja eigentlich nur ein Kind hatte.

Niemand merkte, wie schlecht es mir ging

Damals ging es aber auch noch und ich kam alles in allem zurecht. Zwar hatte ich mein eigenes Leben etwas aus dem Blick verloren, war aber nicht depressiv und verspürte auch keine Ängste. Ich hatte den Willen, alles zu schaffen und genoss natürlich auch die schönen Momente des Mutterseins.

Als meine Tochter knapp drei Jahre alt war, wurde mein Sohn geboren. Etwa ein Jahr nach seiner Geburt fing ich an, mich immer schlechter zu fühlen. Ich litt weiterhin unter der Schlaflosigkeit und es setzte mir immer mehr zu, dass ich mich selbst nicht mehr im Blick hatte. Ich hatte nun immer wieder depressive Phasen, verspürte insbesondere nachts große Ängste und es wurde immer schwerer, weiter zu funktionieren.

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Bis dahin hatte ich mir sagen können, dass ich gerade in dieser Lebensphase etwas zurückstecken müsse und dann auch wieder andere Zeiten kämen, aber diese Phase schien kein Ende zu nehmen. Vielmehr wurde es mit dem zweiten Kind mit meinen psychischen Probleme irgendwann einfach nicht mehr machbar, den Alltag zu stemmen.

Mein Umfeld nahm erst zum Ende hin wahr, dass es mir nicht gut ging. Ich war bis dahin eine Person, die schlecht Hilfe einfordern konnte. Ich konnte und wollte mir nicht eingestehen, dass ich am Ende war. Davor hatte ich immer alles gewuppt und plötzlich bekam ich mein Leben als Mutter nicht mehr auf die Reihe.

Ich wollte das Bild der perfekten Mutter aufrechterhalten

Ich dachte mir: "Ich habe doch nur zwei Kinder, bin zu Hause und muss noch nicht mal arbeiten." So schlimm konnte es doch gar nicht sein. Ich wollte dieses perfekte Bild nach Außen aufrecht erhalten. Außerdem konnte ich meinen Zustand selbst auch nicht einordnen und tat meine Gefühle als Schwäche ab. Ich ignorierte, dass ich ein Problem hatte.

Die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und Mütter spielten dabei mit Sicherheit eine große Rolle. Man bekommt häufig gerade von der älteren Generation zu hören: "Mein Mann hat auch nie was getan, wir mussten unsere Kinder schon um zwölf aus dem Kindergarten holen und haben das doch auch alles geschafft."

Die ältere Generation kann oft nicht nachvollziehen, wieviel mehr die jüngere Generation zu stemmen hat. Studium, in einen Beruf hineinfinden, finanzielle Probleme... Heute führen wir ein ganz anderes Leben als damals, wo man wusste: Ich habe nun für 40 Jahre diesen Job, diese Rollenverteilung und damit auch Sicherheit.

Auch körperlich machte sich bemerkbar, dass es mir zunehmend schlechter ging. Ich hatte eine Phase, in der ich kaum mehr essen konnte und neun Kilo abnahm, obwohl ich ohnehin eine schlanke Person bin. Nachts wachte ich mit Herzrasen auf. Tagsüber hatte ich auch gute Phasen, doch immer wieder musste ich unabhängig von der Situation weinen und fiel in ein depressives Loch. Ich hatte das Gefühl, meine Stimmungen gar nicht mehr im Griff zu haben.

Das war nicht der richtige Weg, mein Leben als Mutter zu leben

Bis dahin war aber immer der Wille da, mich um meine Babys zu kümmern. Doch als es so schlimm wurde, verlor ich auch dafür die Kraft und den Willen. Ich habe meine Kinder immer jeden Tag gleich viel geliebt und dennoch konnte und wollte ich nicht mehr.

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Ich merkte: Das war nicht der richtige Weg, mein Leben als Mutter zu leben. Was wäre ich für ein Vorbild gewesen als eine Mutter, die so ein erschöpftes Leben führt? Das kann ja nicht das sein, was wir als Mamis vorleben möchten.

Der Höhepunkt war erreicht, als mein Mann für drei Wochen beruflich verreist war. Ich hatte Panikattacken beim Einkaufen, litt unter plötzlichen Weinanfällen und war zum ersten Mal nach meinem Empfinden nicht mehr in der Lage, mich um meine Kinder zu kümmern. Da merkte ich: Nun reicht es, so geht es einfach nicht mehr. Selbst wenn ich gewollt hätte.

Ich gab nun zum ersten Mal auch im weiteren Umfeld preis, wie ich mich fühlte. Vorher hatte ich verdeckt, wie schlecht es mir ging, aber nun erzählte ich auch Freunden und Verwandten, dass ich ein Problem hatte.

Schließlich bekam ich eine Kur verschrieben

Dadurch bekam ich sofort mehr Hilfe von Freunden und auch von großelterlicher Seite. Als mein Mann von seiner Geschäftsreise zurückkam, sagte ich ihm: "Es geht nicht mehr! Ich muss mich jetzt um mich kümmern." Unser ganzes Familiensystem konnte so einfach nicht mehr aufrechterhalten werden.

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Er unterstützte meine Entscheidung, keine Antidepressiva zu nehmen und verstand, dass ich mein Leben grundsätzlich ändern musste. Durch Medikamente wären meine Probleme ja nicht behoben worden. Es hätte schließlich nichts geholfen, wenn sich Außen und Innen nichts geändert hätte.

Zunächst musste ich noch über drei Monate warten, bekam dann aber für fünf Wochen eine Kur in einer psychosomatischen Rehaklinik bewilligt. Das größte Geschenk dort war für mich zunächst die geschenkte Zeit für mich selbst. Ich hatte endlich wieder die Möglichkeit, mich zu spüren und wahrzunehmen. Stück für Stück konnte ich dort wieder eins mit mir werden.

Ich lernte wieder, was mir Spaß macht und was ich gerne machen möchte neben dem Mamasein. Doch neben den wertvollen Inhalten halfen mir auch scheinbar banale Dinge: Ich musste keinen Haushalt machen, ich aß wieder dreimal am Tag, das erste Mal seit Jahren konnte ich wieder durchschlafen. Für uns Mütter kocht selten jemand, für uns macht niemand den Haushalt. Das war eine riesige Entlastung, die mir sehr half, wieder mehr eins mit mir zu werden.

Ich fühlte mich wie eine Rabenmutter

Von meinen Kindern fünf Wochen getrennt zu sein hat mir fast das Herz gebrochen. Es fühlte sich so an, als ob ich sie alleine ließe, obwohl sie natürlich gar nicht alleine waren. Bis dahin war aber ich die Konstante im Leben meiner Kinder gewesen und plötzlich war ich weg.

Da fühlte ich mich wie eine Rabenmutter. Es tat mir weh, meinen Kindern schon in so frühen Jahren zeigen zu müssen, dass das Leben auch mal nicht gut ist und unschöne Phasen hat, in denen man kämpfen muss.

Menschen in meinem Umfeld hinterfragten sehr kritisch, was ich da eigentlich mache. Ich solle doch einfach Antidepessiva nehmen, damit ich schnell wieder für meine zwei Kinder funktionieren könne, bekam ich zu hören.

Mein Mann hingegen erhielt in den fünf Wochen meiner Abwesenheit viel Unterstützung von Außen, die ich mir für mich auch gewünscht hätte. Doch die Erwartungen an Mütter als Eltern sind nach wie vor ganz andere als an Väter. Ich kenne aus dem Bekanntenkreis niemanden, wo, wenn die Männer mal eine Woche alleine sind, nicht von allen Seiten alle gesprungen kommen, um zu helfen.

Psychische Krankheiten haben keine großen Stellenwert in der Gesellschaft

Ich war eigentlich nur fünf Wochen weg, so wie ich vorher oft auch nur fünf Wochen alleine war. Wir Frauen haben aber den Haushalt und die Kinder zu wuppen, ob der Mann da ist oder nicht. Als Frauen müssen wir das immer alles schaffen.

Nimmt man sich als Frau aus welchem Grund auch immer heraus, die Kinder beim Vater zu lassen, steht man in der Gesellschaft direkt als schlechte Mutter da. Umgekehrt ist es das Normalste der Welt, wenn ein Vater die Kinder bei der Mutter lässt.

Eines der Hauptprobleme ist meiner Ansicht außerdem, dass psychische Krankheiten keinen großen Stellenwert haben. Nach wie vor können nur wenige Menschen nachvollziehen, was es bedeutet, Ängste zu haben. Nicht alle in meinem Umfeld konnten daher tatsächlich die Notwendigkeit für eine Kur begreifen.

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Auch nach der Kur war aber nicht sofort alles wieder gut, denn der Alltag war natürlich immer noch genauso fordernd und überfordernd. Ich musste mit der Kraft, die ich auf der Kur gesammelt hatte, in ganz kleinen Schritten die Dinge umsetzen, die ich gelernt hatte. Mein Umfeld dachte, ich käme gesund wieder, aber das war überhaupt nicht der Fall. Ich war nach wie vor stark angeschlagen und musste weiterhin viel Hilfe einfordern.

Ich denke nicht nur an meine Kinder, sonst auch an mich selbst

Ich lernte, mir ein Netzwerk aufzubauen und meinen Alltag langsam so zu verändern, dass mein Leben sich wieder lebenswert für mich anfühlte. Bis ich mich wieder richtig gut fühlte, dauerte es allerdings noch fast zwei Jahre.

Inzwischen habe ich wieder einen Teilzeitjob, den ich mit meinem Mamasein gut vereinbaren kann. Ich wollte eine Stelle, die mir gut tut, in der ich mein anderes Ich neben meinem Dasein als Mutter spüren kann und der trotzdem nicht wieder Druck aufbaut.

Jetzt stehe ich morgens auf und denke: Was brauche ich? Ich denke nicht nur an meine Kinder, sondern reflektiere auch, was ich brauche, damit der Tag gut wird - für mich und für uns alle.

von Tanja Bräutigam, Autorin von "5 Wochen Rabenmutter"

aufgezeichnet von Babette Habenstein

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(lk)