Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Tamara Wernli Headshot

"Wir essen keine Bäume"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HATE INTERNET
id-work via Getty Images
Drucken

Neulich kursierte ein Video bei Youtube, das eine Frau bei einer Taxifahrt irgendwo in Amerika aufgezeichnet hat. Weil sie die Hula-Wackelpuppe auf dem Armaturenbrett als "beleidigend für Hawaiianer" hält, forderte sie den Fahrer zu deren Entsorgung auf. Indem er sich auf eine Diskussion einliess, sorgte er für seine Kündigung. Die Frau bedankte sich dafür auf Facebook mit dem Post "Wir haben gewonnen!" und erntete Applaus.

Vor einigen Tagen attackierte eine Studentin im kanadischen Calgary einen Kommilitonen, weil er einen Hut mit dem Slogan "Make America great again" trug. An einem öffentlichen Ort sei dieser Hut "bedenklich", denn der Slogan bedeute, dass "keine Migranten erlaubt sind und keine Menschen mit anderer sexueller Orientierung". Donald Trump benützt ihn für seine Wahlkampagne.

Eine Onlinepetition mit dem Hashtag #Wedonteattrees (wir essen keine Bäume) verlangte vergangene Woche die Entlassung einer Wettermoderatorin von The Weather Channel. Diese kündigte in ihrer Sendung den Orkan "Matthew" über Haiti an, dabei verglich sie das Land mit der Dominikanischen Republik, wo es "grüner" sei und sagte: "Die Haitianer reissen alle Bäume aus, verbrennen alle Bäume. Sogar die Kinder sind so hungrig, dass sie die Bäume essen." Laut der 21'000 Peditionsunterstützer ist die Äusserung "extrem menschenverachtend".

Mein erster Impuls zu #Wedonteattrees war ein unbeherrschtes Lachen. Der Kommentar ist vor allem dämlich. Wenn er sich als Posse viral verbreitet und das Netz darüber gelacht hätte, wäre es lediglich eine Dumpfbacken-Story mehr im digitalen Unterholz. Hat er aber nicht. Menschen, die von der Anzahl her ein Fussballstadion füllen, verfielen wegen des Satzes in kollektiven Zorn - in den Sozialen Medien entlud er sich über die Moderatorin wie das Unwetter über Haiti. Wer in dem Masse gejagt wird, stellt ganz offensichtlich eine ernsthafte Bedrohung dar. Nur, für wen?

Die drei Beispiele zeigen, dass der Kampf der Social Justice Warrior zunehmend unverhältnismässiger wird. Social Justice Warrior - eine 1:1-Übersetzung gibt es nicht - ist ein aus dem amerikanischen stammender, laut Wikipedia ironischer Begriff für Menschen, die sich als Aktivisten gegen soziale Ungerechtigkeiten sehen, wobei es ihnen mehr um persönliche Bestätigung als um tiefsitzende Überzeugung geht.

Ja, die Meteorologin hat einen Fehler begangen (und sich dafür öffentlich entschuldigt). Sie hat eine dumme Bemerkung losgelassen, inhaltlich falsch obendrein, und angesichts der historischen Vergangenheit von Haiti und seiner Nachbarsrepublik kann der Kommentar für Betroffene beleidigend sein - man muss der Dame wohl die Kompetenz in Völkerkunde absprechen. Aber sie deswegen gleich öffentlich an den Pranger stellen? Ihre Entlassung erzwingen? Wird damit ein einziges Problem gelöst? Sie hat kein Gesetz geschrieben (und keines gebrochen). Sie hat niemanden absichtlich verletzt, niemandem geschadet. Das Leben von Haitianern ist durch ihren Kommentar weder schlechter noch besser geworden.

"Die moderne Menschheit hat zwei Arten von Moral: Eine, die sie predigt, aber nicht anwendet, und eine andere, die sie anwendet, aber nicht predigt", sagte der Philosoph Bertrand Russel. Keine Frage, es muss in einer fortschrittlichen Gesellschaft möglich sein, abfällige Kommentare oder ungeliebte Meinungen zu kritisieren. Indem die Social Justice Warrior aber jeden Menschen nach einer missglückten Äusserung moralisch verurteilen und sich wie in Orwells bekannten Roman 1984 als korrigierende, totalitäre Welt-Instanz in Szene setzen, stellen sie sich selbst über alle anderen - und roden dabei ihre eigenen, vielbeschworenen Ideale der Toleranz und Aufgeklärtheit.

Unhöfliche, herabsetzende, dumme Kommentare - ja, sie tun weh. Möchten wir uns aber wegen jedes kränkenden Satzes eines Mitmenschen auf dieser Welt beleidigt fühlen - wir kämen aus dem Beleidigtsein nicht mehr heraus. Man sollte sich dort gegen Missstände einsetzen, wo es nötig ist, reale Bedrohungen bekämpfen. Wegen unbedeutenden Bemerkungen Revolten anzetteln, kann nicht die Lösung sein. Es gibt Dinge, da muss man einfach drüberstehen.

Auch auf Huff Post:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.