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Wie man Höhenangst in zwei Stunden überwindet

06/11/2015 15:58 CET | Aktualisiert 06/11/2016 11:12 CET
Cameron Spencer via Getty Images

Das Experiment: Höhenangst-Patientin auf dem Riesenrad

Es geht mir wie jedem fünften Mitteleuropäer: Ich leide an Höhenangst. Seit etwa 15 Jahren, der genaue Zeitpunkt bleibt im Dunkeln, befallen mich Angstzustände und Hitzewallungen, mir wird schwindlig und übel, sobald ich mich in einer Höhe von schätzungsweise 20 Metern aufhalte. Wenns ganz schlimm ist, zwingt mich meine Angst zu Boden, ich umschlinge meine (weichen) Knie, Augen zu.

Seit ich von meiner Akrophobie weiss, meide ich Höhen-Situationen. Das geht mal besser (Aussichtsplattformen), oder, wenn man die Berge liebt, mal schlechter (Gondeln). Aus der kühnen Distanz betrachtet, scheint mir meine Angst selbst unvernünftig übertrieben. Gondeln stürzen ja nicht einfach so ab, sie hängen an starken, dicken Kabeln und die Wahrscheinlichkeit, im Strassenverkehr umzukommen, ist viel höher, das besagen tausend Studien. Nur sind mir in der Höhe solche Studien schnurzegal.

Therapie im Schnelldurchlauf

Wissenschaftler sind sich über die Ursachen und Auslöser von Höhenangst uneinig. Sie kann als spezielle Übersensibilität angeboren oder durch eine persönliche Erfahrung angelernt sein. Beziehungsprobleme oder Ambivalenzkonflikte können sie verstärken.

Laut einer Studie des Angstforschers Christophe André leiden rund 20 Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung unter "deutlicher Höhenangst". Höhenangst wird zum Behandlungsgrund, wenn ein Leidensdruck entsteht. Mit Medikamenten oder mittels einer Psychotherapie, in welcher der Patient schrittweise mit der Angst konfrontiert wird, kann sie therapiert werden.

Ich melde mich bei Ruth Schnitker an, Fachpsychologin für Psychotherapie in Basel, Spezialbereich Kognitive Verhaltenstherapie. Normalerweise therapiert sie Höhenangst in mehreren Sitzungen, wir machen es im Schnelldurchlauf; eine Sitzung in ihrer Praxis, dann fahren wir Riesenrad, weil das einer Berggondel am nächsten kommt und mir den maximalen Schwierigkeitsgrad gestattet.

Schnitker hält meine Angstreaktion für einen gesunden Vorgang, erklärt, dass die Natur uns mit einem Instinkt im Gehirn ausgestattet hat, der bei nahender Gefahr wie eine Alarmanlage anspringt, die Situation in einem Sekundenbruchteil einschätzt, bewertet und dann eine Kampf- oder Fluchtreaktion auslöst.

Da mein Gehirn die Gefahr überschätzt, müssten wir es eben „umpolen", dem Angstgedächtnis eine neue Erfahrung geben. Warum aber hat das Gehirn immer wieder Angst, obwohl ja nie etwas passiert ist? „Weil es denkt, dass wir es gerade nochmal so geschafft haben. Aber nur, weil wir geflüchtet sind, die Augen zu hatten, uns über die Zeit gerettet haben. Ohne Konfrontation mit der Angst wird das Angstgefühl bestätigt."

Zwei Stunden vor dem Experiment sind meine eiskalten Finger einen Telefontastendruck davon entfernt, alles abzublasen. Mein Magen fühlt sich an wie eine Waschmaschine im Schleudergang. „Lenke dich mit positiven Gedanken ab", sagt mein Mann am Telefon. „Und zu viel Denken ist generell dein Problem." Klugscheisser. Das nützt mir jetzt gerade nicht viel. Die Müllermilch geht also zurück in den Kühlschrank, damit das Ganze später nicht hoch kommt.

55 Meter freier Fall!

Münsterplatz. Nach einer kurzen Besprechung setzen wir uns in eine Kabine. Hätte sie per Zufall eine Kotztüte dabei? „Ja." Und auf in die Höhe geht's. Keine zehn Sekunden, da wird mir wird übel, ich schliesse die Augen, wilder Herzschlag, alles dreht sich. Es geht höher und höher, ich kann das nicht, schiesst es mir durch den Kopf, unter mir weites, endloses Nichts, die Kabine hält jetzt auch noch an! Ausgerechnet ganz zuoberst, das sind 55 Meter freier Fall!

Nur, dass wir nicht fallen, Frau Schnitker sagt, ich solle unbedingt die Augen offen halten, fragt mich, wo ich stehe auf der Angstskala von 1-10. Ich schreie unter Tränen: „Zehn, zehn, zehn!!!", kralle mich an einer Stange fest, verwünsche die Psychologin, die ganze Welt. Können wir aufhören...! Beim nächsten Halt aussteigen! „Wir bleiben noch ein bisschen, beschreiben Sie, was Sie jetzt fühlen."

Ich stammle etwas von mulmig und dunkel und abstürzen und dass es das alles nicht Wert ist. „Versuchen Sie ruhig zu atmen und blicken Sie herunter, lassen Sie die Angst zu, das ist wichtig." Wichtig ist, dass die Kotztüte in Griffweite ist. Ich wage die Augen zu öffnen. Wir fahren abwärts, Pause zum Verschnaufen, dann wieder himmelwärts, und alles geht von vorne los.

Eine Stunde und etwa zwanzig Fahrten später. Zwanzig Mal panische Angst, zwanzig Mal Schwindel. Ich bin erschöpft. „Wo steht Ihre Angst jetzt?" -„Bei neun", entgegne ich wütend. Das hier bringt nichts. Ich schlage vor, das Experiment zu beenden, ich hab genug vom Angst haben. „Lassen Sie uns noch etwas weitermachen." Ihr bereitet das wahrscheinlich einen Heidenspass, mich hier zu quälen, denke ich. Sie geht mir langsam auf den Wecker. Ich teile ihr das mit. Sie lächelt: „Das ist völlig normal."

Zehn Fahrten später. Verwundert stelle ich fest, dass sich mein Angstzustand bei 6-7 eingependelt hat. Es ist jetzt weniger eine Angst, sondern viel mehr ein fieses, unangenehmes Gefühl. Ich bin merklich ruhiger. Kann es sein, das uns hier oben gar nichts passiert? Ist das jetzt der berühmte Wendepunkt? „So ist es. Durch den Effekt der Habituation wird das Angstgefühl kleiner und das Hirn wird mit der Zeit müde, die Panikreaktion zu mobilisieren."

Erst Panik, jetzt ein Plappermaul

20 Minuten später, der Angstlevel ist auf 3 gesackt, ich erkläre der aus dem deutschen Münster stammenden Psychologin, die jetzt nicht mehr nervt, meine wunderschöne Stadt Basel von oben, zeige in alle Richtungen, gucke furchtlos hinunter, stehe sogar kurz auf und wechsle den Sitzplatz. Wow. Ich kann es kaum fassen, zwei Stunden zuvor war die Kabine noch meine Todeszone, jetzt plappere ich daher wie eine Stadtführerin. Mein Herz gluckst jubilierend einen Tango - Experiment bestanden.

Ziel ist nun, selbständig weiterzuüben, damit das Hirn die neue Erfahrung nicht so schnell wieder vergisst. Riesenrad, i'll be back.

Dieser Bericht erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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