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Wer schwindelt, hat mehr vom Leben

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LUEGEN
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In der Rubrik "The Ethicist" im New York Times Magazine können Leser jede Woche eine Frage einsenden zu moralischen Aspekten im Alltag. Ein gewisser Kwame Anthony Appiah, Philosophielehrer an der New York University, gibt Antwort.

Vergangene Woche wollte jemand wissen: Sollte man seiner demnächst die Ehe vollziehenden Bekannten sagen, dass die Diplome ihres Bräutigams gefälscht sind? Man sei nicht verpflichtet, meinte Herr Appiah, diese Information für sich zu behalten. Wenn man es ihr nicht sagt und sie würde später mit den Konsequenzen umgehen müssen oder gar Opfer des Schwindels werden, würde man sich fühlen, als hätte man sie im Stich gelassen.

Urkundenfälschung ist eine Straftat, keine Frage. Und die Massenempörung ist ja auch stets riesig, wenn mal wieder ein Politiker dem Frisieren seines Lebenslaufes oder ein Radprofi dem Doping überführt wird.

Nur hat Herr Appiah beim Absondern seiner Weisheiten das Wichtigste weggelassen: Schwindeln - die beschönigende Version von Lügen - ist nichts Grausames, Schwindeln ist essentiell, ohne Schwindeleien würde eine Gesellschaft nicht funktionieren. Und jeder zieht eben seine eigene Grenze zwischen harmlos und verwerflich.

Wir alle schwindeln, lügen, täuschen etwas vor, das wir nicht sind - zur Vertuschung, aus Geltungsdrang, Schuldgefühlen oder Geldgier. Wir malen Rouge auf unsere Blässe, pudern uns das Alter weg, wir tragen Push-Up-BHs und Spanx, die unsere hängenden Fleischschichten zusammenhalten. Im Freibad ziehen wir den Bauch ein.

Wir nehmen Viagra. Langweiligen Gesprächspartnern heucheln wir Interesse vor. In der Steuererklärung führen wir den Wickelraum als Büro auf. In meinem Pass zähle ich einen Zentimeter mehr als Gott mich schuf - beim Massnehmen habe ich mich vielleicht versehentlich auf die Zehenspitzen gestellt (das bleibt aber unter uns, liebe Leser!). M

odels tun so, als würden sie essen. Prominente besuchen Calais. Menschen, die sich kennenlernen, lügen in den ersten zehn Minuten durchschnittlich dreimal, hat der US-Psychologe Robert Feldman herausgefunden.

Die wohl nächste US-Präsidentin, Hillary Clinton, lügt gemäss einer Studie von PolitiFact etwa 28 Prozent ihrer Zeit - und liegt damit sogar unter dem Politikerdurchschnitt (Donald Trump lügt 80 Prozent).

"Lügen sind der Schmierstoff der Kommunikation", sagt Psychologe Feldman im Interview mit Zeit Online. "Sozial geschickte Menschen lügen häufiger.

Sie verstehen besser, was die soziale Situation erfordert. Weniger beliebte Menschen sind nicht so sensibel dafür, was ihre Gesprächspartner hören wollen, daher sind sie eher verletzend.

Gute Lügner sind sympathischer." Das Charisma spielt auch auf der anderen Seite eine Rolle: Der Schweregrad eines Schwindels ist dehnbar, er ist vom Zeitgeist und, ganz besonders, vom Absender abhängig - was wir beim einen für eine infame Lüge halten, tun wir beim anderen als kleine Flunkerei ab.

Und sind wir mal ehrlich, wo würde das hinführen, wenn wir den Impuls zu Schwindeln unterdrücken würden? Unsere ganze moralische Unreinheit würde zum Vorschein kommen, unsere Vorurteile, Abscheu, Willkür, Egomanie.

Wir würden ständig Sätze sagen wie "Ich halte Sie für eine Emporschläferin" oder "Ihr Mundgeruch ist unerträglich" oder "Die Zeichnung deines Sohnes finde ich komplett dämlich". Es wäre der Ruin für unsere Gesellschaft.

Weil die meisten Menschen eine starke Neigung zur Selbstaufwertung entwickeln und täglich wohldosiertes Schwindeln in Anspruch nehmen, sind wir alle ständig Empfänger davon. Opfer sind wir deswegen noch lange nicht.

Im Gegenteil: In gesellschaftlicher Isolation befinden sich doch jene Menschen, die niemals lügen. Insensibel, verletzend, unsympathisch: Wer immer komplett aufrichtig ist, kann unmöglich Freunde haben.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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