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Wann ist man alt?

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YOUNG WOMAN OLD
Tim Flach via Getty Images
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Wann ist man alt? Die Frage habe ich mir neulich mit Nachdruck gestellt. Der Grund: Ich, 43, sagte eine Feier ab, weil ich an dem Abend lieber zuhause bleiben und mit meinem Mann unseren neuen Dyson-Staubsauger ausprobieren wollte.

Und das ist absolut schrecklich. Genau so schrecklich wie das weiße Haar, das ich unlängst zwischen meinen dunklen Augenbrauen entdeckt und in einem Anfall von Panik ausgerissen habe. Ein Vorfall, der mir durch Mark und Bein ging. Oder die Erkenntnis, dass zwischen dem, was ich bin und dem, was ich mir in jungen Jahren vorgenommen hatte, ein Graben klafft, so groß wie das Drama, das ich jetzt daraus mache. Oder als 'gestandene Frau' bezeichnet zu werden, das ist das Schlimmste überhaupt - gestandene Dinge gehören hinter eine Vitrine im Antikenmuseum.

Bin ich eigentlich die Person, die ich immer sein wollte?

Und plötzlich melden sich Fragen: Bin ich eigentlich die Person, die ich immer sein wollte? Habe ich genug gelesen? Genug gesehen? Mein Lebenspotential voll ausgeschöpft? Mein Gleichgewicht gefunden? Irgendwann werde ich das rückblickend in aller Ernsthaftigkeit beurteilen müssen, und es dauert nicht mehr so lange wie auch schon. Und ab wann sind kurze Röcke zu kurz?

Die neue Zeitrechnung gewisser Psychologen, wonach wir uns jünger fühlen, desto älter wir werden, halte ich für Blödsinn. In der "Süddeutschen Zeitung" habe ich mal gelesen, dass sich 55-Jährige heute wie Anfang vierzig fühlen. Wenn das stimmt, würde ich mich mit bald 44 Jahren ja wie Ende zwanzig fühlen. Dann würde ich wahrscheinlich meinen Körper auf Instagram promoten statt mir von Ende Zwanzigern erklären zu lassen, was Instagram ist.

Ich würde mir Gedanken über Aufreißer machen und nicht über Besenreißer. Ich wüsste, dass man eine dumme Person 'Kevin' nennt, statt den Namen cool zu finden. Ich würde nachts um die Häuser ziehen, statt nach dem Verzehr von selbstgemachtem Hackbraten wie eine gesättigte Kuh vor der Glotze zu liegen und die Häuslichkeit als Teil meiner Selbstverwirklichung zu betrachten.

Ist man jung, denkt man doch, man könne alles machen.

Ich würde mein Smartphone in erster Linie für Whatsapp benützen, anstatt für Einträge in die Einkaufsliste. Ich würde morgens fünf Minuten zur Gesichts-Verschönerung aufwenden, anstatt es mit einer Puderdecke zu überziehen, solide genug, um eine Pistolenkugel abzufangen. Ich würde mir die Augenbrauen anmalen, statt sie (die weißen) auszuzupfen.

Ist man jung, denkt man doch, man könne alles machen. Man wird von der Welt empfangen, stürzt sich begeisterungstrunken in ihre Arme. Kann unüberwindbare Schranken überwinden. Das unausgesprochene Versprechen steht im Raum, irgendwann wird sich schon alles wunschgemäß fügen. Zwanzig Jahre später ist irgendwann, und das Gefühl der Überlegenheit zerbröckelt. Dinge klappten eben nicht so, wie man sie sich vorgenommen hatte. Einige klappten, aber das zählt in dem Moment nicht. Vielleicht zählt es morgen wieder.

Ich möchte mit dem Gejammer jetzt nicht die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ich ein Verfallsdatum habe. Ich habe ja eigentlich keins. Und gebe mir immer furchtbare Mühe, es auch so aussehen zu lassen.

Mein Klagen ist vielleicht übertrieben. Nur gibt es eben Aspekte im Leben einer Frau, die man nicht mit dem Ehemann besprechen kann. Denn der hat gerade nur ein Thema: den neuen Dyson. Das beißt sich ein bisschen mit meinem Thema, der weißen Augenbraue. "Man braucht zehn Jahre, um sich an sein Alter zu gewöhnen." Zsa Zsa Gabor muss es wissen, die Gute ist jetzt 99.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Basler Zeitung.

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