BLOG

"Wahre Gleichheit existiert erst, wenn Männer Cellulite haben"

18/03/2016 11:28 CET | Aktualisiert 19/03/2017 10:12 CET
Thomas Barwick via Getty Images

Ich bin freischaffende Journalistin. Unter anderem Kolumnistin bei der Basler Zeitung in der Schweiz. Ich habe dort eine Kolumne bekommen, weil ich eine Frau bin. Davon bin ich überzeugt.

Wieso? Ich bin keine Ausnahme-Schreiberin. Blitzgescheit bin ich auch nicht. Ich besitze weder multiple Master-Abschlüsse, noch bin ich aufgewachsen mit Politik oder französischen Philosophen, ich beschäftige mich mit Louis Vuitton und der täglichen Problematik des perfekten Lidstrichs. Hauptsächlich lese ich King, Mankell und die Gala, wobei ich die auch nur durchblättere.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Meine Texte sind eine einzige Aneinanderreihung von Plattitüden - ich lasse darin hohe Absätze hochleben, stillende Mütter tieffliegen, viel mehr kommt da nicht vor. Dass ich in dem renommierten Blatt dennoch wöchentlich ein paar (Ego)-Zeilen aufschreiben darf, ist offensichtlich der Frauenquote bei der BaZ zu verdanken.

Die Gesellschaft ist zu sexistisch und zu männlich

Das Frau-Sein bringt aber wiederum andere Probleme mit sich: Ich arbeite zu viel, verdiene zu wenig und werde ständig benachteiligt. Und überhaupt. Mit solchen und anderen Diskriminierungen setzen sich erfreulicherweise Gender-Experten auseinander. Etwa in Hochschulen, wie man der Schweizer Sonntagszeitung entnimmt.

Sie schaffen dort Wörter ab, die sexistisch (weil männlich) sind, also "Mannschaft" und "Teilnehmerliste". Oder sie sorgen dafür, dass Mädchen nicht mehr mit Puppen spielen, damit sie erzieherisch nicht in eine weibliche Rolle gedrängt werden.

Auch bei den Basler Grünen ist der Gleichheitsgedanke tief verwurzelt: Zwei stadtbekannte Politiker haben neulich ihre Kandidatur zurückgezogen, um einer Frau - den Namen hab ich vergessen, irgendwas mit "A" - den Vorzug im Regierungsrats-Rennen zu überlassen. Sich dem fürchterlichen Patriarchat zu widersetzen und Politik zum Wohle des Kollektivs zu betreiben - das hat etwas Heldenhaftes. Ohne solche Leute wären wir Frauen chancenlos, egal, wie blitzgescheit wir sind - oder eben nicht.

In vielen Branchen bewegt sich also etwas. Erstrebenswerte Jobs haben sich für Frauen geöffnet - hauptsächlich solche, die sich in einem 10 bis 45 Prozent-Pensum bewältigen lassen oder im Home-Office.

Es gibt jedoch Berufszweige, die sich uns hartnäckig verschließen: Egal, welche Anstrengungen Gender-Repräsentanten unternehmen, mir ist noch nie eine Kanalarbeiterin begegnet. Wenn ich Müllwagen hinterherfahre, winken mir immer nur Männer zu. (Der korrekte Begriff für "Müllmann" heißt in der Schweiz übrigens "Lader". Das weibliche Synonym dürfte "Laderin" sein.).

Gender-Rollen existieren immernoch und werden es auch noch eine lange Zeit

Die Machos in den Chefetagen des Tiefbauamtes reißen sich wohl nicht um Gender-Verantwortung: Bei der Basler Stadtreinigung arbeiten im Bereich "Wischen und Laden" von 223 Personen gerade mal zehn Frauen - die Herren möchten offenkundig unter sich bleiben.

Auch in meinem Haushalt stelle ich grobe Verfehlungen fest. So liegt bei uns Zuhause die Quote jener Frauen besonders tief, die nachts und bei Regen mit dem Hund Gassi gehen. Ebenso die Quote der Frauen, die den Kehricht hinuntertragen. Stromsparlampen auswechseln. Bilder aufhängen. Den Abfluss entstopfen. Hausspinnen an die frische Luft befördern. Möbel zusammen- und störrische Spülwaschmaschinen auseinander bauen.

Der Weg zur Gleichberechtigung ist lang. Weiblichkeit und Männlichkeit leben nach wie vor zu ausgeprägt nebeneinander her. Der zentralste Punkt: Wahre Gleichheit existiert ohnehin erst, wenn Männer Cellulite haben, eine Gebärmutter, die Periode bekommen, wenn ihre Brüste jenseits der fünfzig in die Achselhöhlen rutschen und sie dann für einen Jüngeren verlassen werden. Keinen Tag eher.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Basler Zeitung.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: