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Moderne Frauen sind aggressiver

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Es gibt Tage, an denen mich mehr Dinge zur Weissglut bringen, als solche, die es nicht tun. Etwa, wenn ich Auto fahre und Fussgänger sich auf dem Zebrastreifen hartnäckig ans Schneckentempo halten. Oder wenn drängelnde Radfahrer einen zur Vollbremsung nötigen.

Da man schlecht aussteigen und Leute anstossen (oder umstossen) kann, verweise ich auf intime Körperteile - mit so schriller Stimme, dass mein Hund auf dem Rücksitz zu jaulen beginnt.

Aggressives Verhalten ist unter Frauen weit verbreitet: Neulich musste die Polizei eine Gruppe betrunkener und aggressiver Frauen aus einem Flugzeug aus England führen. Wie die Daily Mail berichtete, zerkratzte eine 40-jährige Firmenchefin (mit Oxford-Ausbildung) die Autos ihrer Ex-Freunde, weil sie sie verlassen haben. Eine vornehm gekleidete Dame beleidigte in London lauthals einen Reporter und stiess sein Fahrrad um.

Die britische Tageszeitung hat nun einen Trend ausgemacht: Moderne, gefestigte, im Job erfolgreiche Frauen rasten vermehrt aus - wegen Nichtigkeiten. Frauen, von denen man annehme, dass sie mit Belastung im Alltag umgehen könnten.

Experten lenken die Aufmerksamkeit auf unsere Wut

Herumbrüllen, fluchen oder Gegenstände werfen stelle für sie eine zulässige Methode dar, sich zu behaupten. "Frauen erwarten heutzutage, alles zu haben, und es schnell zu haben", sagt die Londoner Psychologin Monica Cain. "Daraus resultiert Wut."

Ich bin ja so froh, dass Experten die Aufmerksamkeit auf unsere Wut lenken. Danke. Nur sehe ich nichts Verwerfliches daran, wenn eine Frau, ob modern oder antiquiert, sich unbeherrschten Ausbrüchen hingibt - zumal "Unverhältnismässigkeit" eine Frage des Blickwinkels ist.

Mehr zum Thema: 10 Gründe, warum starke Frauen es in der Liebe schwerer haben

Weil diese Frau vielleicht um sechs Uhr früh aufsteht. Vielleicht bereitet sie in aller Eile für Leon, Ben und Mia-Sofia Frühstück. Chauffiert sie in den Kindergarten. Stellt sich dort gewohnheitsmässig dem unterschwelligen und in epischer Länge vorgetragenen Tadel der Betreuerin zum Verhalten ihrer Kids.

Bemerkt auf dem Weg ins Büro entsetzt, dass sie den Kuchen für Bens Geburtstagsfeier vergessen und in der Hektik ihre Augenbrauen komplett unterschiedlich gezupft hat.

Trifft dann an der Geschäftsleitungs-Sitzung auf ihre männlichen Kollegen, die trotz der lausigen Vorbereitung (eben dieser Sitzung) aufgeblasen vor lauter Selbstgefälligkeit und mit einem Starbucks-"Coffee to go" gemütlich im Sessel hängen - die Sorte Mann, der die Kinderbetreuung ausnahmslos seiner Gattin überlässt, sich aber als Superpapa sieht, weil er abends mit dem Junior zwei Minuten Lego spielt und seinen Namen auf den Unterarm tätowiert hat - und die jetzt tatsächlich einen Spruch über ihre Gereiztheit vom Stapel lassen.

Ja, verdammt noch mal, dann rastet eine Frau eben aus!!!

Was soll sie denn sonst tun, implodieren etwa? Das Problem ist nicht die Frau und ihre Anfälle. Das Problem ist der gesellschaftliche Reflex, die sie auslösen: Tobt eine Frau, hat es den Charakter einer unreifen Göre - man denke an das schrille Kreischen des Kapuzineräffchens - oftmals ist es unfreiwillig komisch, in der Regel interessiert sich niemand ernsthaft dafür.

Ruft der Silberrücken aus, bebt der Urwald. Alles verkriecht sich. Das Schlimmste: Brüllen Männer rum, steht es ihnen gut. Frauen macht es hässlich, beraubt sie ihrer Weiblichkeit.

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Das alles ist schrecklich unfair. Ich plädiere dafür, die Gelassenheit im Alltag generell etwas zu drosseln. Gelegentliche Ausraster verschaffen Genugtuung - und stellen eine sinnvolle Methode dar, gegen den Drang, sich einen Vorschlaghammer zu besorgen und damit ausgewählte Objekte zu bearbeiten.

Und damit das mit dem Ernstgenommen-werden klappt, liebe Ladies: Nach einem Tobsuchtsanfall auf keinen Fall den Tränen verfallen! Ist die Mascara erst verschmiert, wandelt sich der letzte Rest Respekt übergangslos in Mitleid. Und das ist dann wirklich zum Heulen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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