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Fakten vs Trump

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DONALD TRUMP
Carlo Allegri / Reuters
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Ich bewundere Menschen, die von Frömmigkeitsanfällen absehen, auch wenn die gesellschaftliche oder politische Etikette es verlangt, und stattdessen das A******** bleiben, das sie eben sind. Es ist dieselbe verquere Logik wie bei Jack Nicholson in Shining: Den Charakter findet man auch dann noch Klasse, wenn er Menschen mordet.

Das Reizvolle an Donald Trump war für mich lange Zeit der romantische Gedanke, den er vermittelte, gegen das Politische Establishment oder den Bürokratie-Irrwitz ankämpfen zu wollen, und auch seine unverhohlene Geringschätzung gegenüber der Political Correctness. Das verlieh ihm in meinen Augen Charisma - als Frau bin ich ja empfänglich für Machogeplänkel (ist genetisch bedingt!).

Emotionen statt Fakten

Kleinbeigeben zu müssen und sich von seiner emotionalen Wahrheit zu verabschieden, erfordert zähes Ringen. Ganz freiwillig geschieht das ja sowieso nicht. Denn eine andere Meinung befürworten heißt ja oftmals etwas akzeptieren, das man gar nicht als Wahrheit sehen möchte, oder das der eigenen Moral diametral entgegenläuft. Wenn aber eine Faktenlage so eindeutig ist, dass man, würde man sie ignorieren, vom eigenen Stolz verspottet würde, bleibt nur die geistige Kehrtwende.

Ich bin nicht die einzige, die an ihren Emotionen festhaftet wie ein Magnetchen am Kühlschank. Der Trend geht dahin, dass Menschen - unter ihnen intelligente Mitbürger - Fakten ablehnen und stattdessen an ihre eigene, subjektive Wahrheit glauben. Fakten messen sie nur dann Bedeutung bei, wenn die in ihrem Sinne sind.

Zu diesen Ablehnungssympathisanten zählen etwa Anhänger gewisser Religionen, die wissenschaftliche Tatsachen wie die Evolutionstheorie kategorisch zurückweisen. Oder trotz erdrückendem Faktenberg nicht bejahen können (wollen), dass die Welt älter als 6000 Jahre ist. In der Vergangenheit taten sich Menschen schwer damit, die Erde als Kugelform zu akzeptieren.

Fakt ist, er ignoriert Fakten

Das Problem bei Fakten ist, dass sie einen ständigen Kampf gegen unsere Emotionen führen - gegen das angestammte Gedankengut, basierend auf unserem moralischen und idealistischen Verständnis. "Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit", wusste schon Voltaire. Sich mit Fakten einlassen kann gefährlich sein, denn es kann die eingewurzelte Logik alt aussehen lassen, ganze Weltanschauungen über den Haufen werfen, und unsachliche, ja panische Reaktionen hervorrufen - über emotionsgeladene Themen wie Rasse oder Religion zu debattieren gilt heute teilweise als hochproblematisch.

Der bekannte US-Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris bestätigt: "Gewissen Fakten sind Menschen nicht gewachsen." Als Beispiel nennt er wissenschaftliche Untersuchungen wie die Intelligenzunterschiede zwischen Rassen. Das sei zwar eine rationale Angelegenheit, aber so stigmatisiert, dass sie je nach aufgestellter These die Karriere des Wissenschaftlers zerstören könne. "Natürlich kann man sich fragen, was ein solches Resultat überhaupt bringt. Aber das heisst nicht, dass Rassist ist, wer genetische Unterschiede verstehen möchte."

Wissenschaftliche Ergebnisse sind weder gut noch schlecht, entscheidend ist, wie eine Gesellschaft damit verfährt.

Fakt ist Trumps Hassrhetorik. Fakt ist Pussygate. Fakt ist, er ignoriert Fakten.

Trump ist ein Zeitgenosse, mit dem man auch komplett verpixelt nicht auf einem Foto erscheinen möchte. Fakt ist aber auch, dass niemand weiß, wie gut oder schlecht er sich als Präsident erweisen wird.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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