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Dear White People

25/02/2017 18:20 CET | Aktualisiert 25/02/2017 18:20 CET
Mike Blake / Reuters

"Netflix kündigt eine neue Anti-Weiss-Show an, die den weissen Genozid verherrlicht. Ich kündigte mein Abo, tut dasselbe." So der happige Vorwurf eines Netflix-Abonnenten an die Adresse des Streaming-Dienstes. Der Tweet wurde dann tausendfach geteilt. Die jüngste Kontroverse rund um Rassismus driftet ins Absurde. Nur stehen die Dünnhäutigen diesmal auf der anderen Seite: Die Empörungshysterie ist im politisch rechten Lager angekommen.

Vor zwei Wochen strahlte Netflix den Trailer zur Serie "Dear White People" aus. Der 25-sekündige Clip generierte massive Kritik: Die Show sei rassistisch und "anti-weiss". Würde man eine Show "Dear Black People" nennen, wäre der globale Aufschrei riesig, bei Weissen aber sei es okay. Die Folge: unzählige wütende E-Mails und Abo-Kündigungen.

"Dear White People" basiert auf dem gleichnamigen Film von 2014. Es ist eine satirische Show über Rassismus, die Vorurteile abbauen soll. S-a-t-i-r-i-s-c-h. Weisse Männer werden im Trailer mit Seitenscheitel gezeigt und Karomusterpullover. Frau trägt Perlenkette. Eine schwarze Radiomoderatorin sagt: "Dear White People, akzeptable Halloween-Kostüme sind: Der Pirat, die nuttige Krankenschwester [...]. Das Kostüm, das nicht geht: Ich." Sie meint damit das Blackfacing; Weisse, die sich das Gesicht dunkel anmalen.

Das sind 25 offensichtlich unerträgliche Sekunden für emotional verletzliche Individuen, die jeden Satz oder Gedanken, der ihrem eigenen irgendwie widerspricht, als persönliche Herabwürdigung empfinden. Kommt Ihnen das bekannt vor? Genau, normalerweise sind es die "Snowflakes", ideologisch eher links orientierte Erdenbürger, die an jeder Ecke eine Beleidigung ausmachen und mit Absurditäten wie "Safe Spaces" oder "Trigger Warnings" empfindliche Seelen schützen wollen.

In der Netflix-Debatte verhält es sich gerade umgekehrt: Beleidigt sind jene, die die Snowflakes bislang fürs Beleidigtsein kritisiert haben. Der Genozid-Tweet stammt vom bekannten Autor Tim Treadstone, Ex-Buzzfeed, heute Stimmungsmacher der amerikanischen Rechten.

Abgesehen davon, dass es einen weissen Genozid nie gab, sollte man es generell bleiben lassen, die gleichen objektiven Standards für sämtliche Rassen zu verwenden. Wenn Schwarze oder Juden sensibel reagieren auf gewisse Satire, ist das teilweise nachvollziehbar.

Wenn aber Hellhäutige sich über die angeblich rassistische Propaganda dieser TV-Serie beklagen, ist es genauso aus der Verhältnismässigkeit gerissen wie der ständige Nazivergleich, mit denen Menschen mit anderen Meinungen ausgeknockt werden. Natürlich kann man sich fragen, ob es Sinn macht, einer bestimmten Rasse vorzuschreiben - wenn auch auf satirische Weise -, was diese zu tun hat. Man darf die Show dämlich finden. Aber deswegen den Sender boykottieren?

Die ganze Identitäts- und Rassenpolitik scheint mittlerweile gesellschaftsübergreifend an einem Punkt angelangt, wo empört sein zur Gruppenbeschäftigung geworden ist und die politische Gesinnung zur Frage der Moral. Wer der falschen Gruppe angehört, zählt zwangsläufig zu den Bösen. Mit ihren Anschuldigungen nähren sich die politischen Spektren gegenseitig, verschaffen so extremen Denkweisen Zulauf - und spalten die Gesellschaft.

Es wird leider immer rassistische Menschen geben, dumme auch. Jede unkonventionelle Idee aber als rassistisch abzukanzeln, dient der Sache nicht. Es lenkt nur von tatsächlichen Missständen ab.

Dear all, entspannt doch mal ein bisschen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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